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Eine "Gesteinswunde", die sich zum Biotop gemausert hat

Das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb verdankt im Grunde genommen seine heutige Existenz einem Steinbruch bei Schopfloch. Diesem ungewöhnlichen Werdegang ist eine Sonderausstellung unter dem Titel "Vom Steinbruch zum Naturschutzzentrum" gewidmet, die am heutigen Freitag beginnt.

LENNINGEN Auf zehn Tafeln wird bei der Ausstellung im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb die Entwicklung vom aktiven Betrieb des Steinbruches bis hin zur Entstehung eines "Lebensraumes aus zweiter Hand" nach der Stilllegung dargestellt. Neben Geologie und den besonderen Eigenschaften des Gesteins, dem so genannten Juramarmor, wird die Geschichte des Abbaubetriebes anhand historischer Fotografien und Dokumente aufgezeigt.

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1929 begann in Schopfloch die Firma Karl Hoyler aus Ochsenwang mit dem Abbau von Gestein zur Gewinnung von Schotter für den Straßenbau. Nach kurzzeitiger Stilllegung erwarb die Firma Lauster aus Bad Cannstatt 1949 den Steinbruch und baute dort bis 1974 so genannten Juramarmor ab.

Die Geschichte des Naturschutzzentrums begann damit, dass der letzte Eigentümer im Mai 1985 beim Landratsamt Esslingen einen Antrag auf Verfüllung und Rekultivierung des Steinbruches einreichte, der jedoch aus rechtlichen Gründen nicht erteilt werden konnte. Außerdem hatte sich in dem drei Hektar großen Steinbruch seit der Stilllegung im Jahr 1974 ein wertvoller Lebensraum "aus zweiter Hand" entwickelt, sodass das öffentliche Interesse des Naturschutzes mit den Interessen des Betreibers abzuwägen war.

Noch im gleichen Jahr bot die Firma Moeck das Steinbruchareal dem Landkreis zum Kauf an. Die Übernahme des Geländes einschließlich des ehemaligen Betriebsgebäudes der Firma Lauster eröffnete daraufhin die Möglichkeit, ein Naturschutzzentrum einzurichten. 1989 nahm das Naturschutzzentrum unter Regie des Landkreises Esslingen seinen Betrieb auf. Seit 1995 sind das Land Baden-Württemberg und der Landkreis Esslingen gemeinsam Träger des Zentrums.

Mehrere Tafeln der Sonderausstellung in Naturschutzzentrum befassen sich mit der ökologischen Bedeutung des Steinbruches. Zunächst scheint dies ein Widerspruch zu sein, denn wo Gestein abgebaut wurde, bleiben "Wunden" in der Landschaft zurück. Werden die Abbaustellen nicht aufgefüllt und stattdessen der Natur überlassen, können daraus aber wichtige Rückzugsgebiete für seltene Tiere und Pflanzen entstehen. Insbesondere Arten, die in der intensiv genutzten Kulturlandschaft kaum mehr einen Platz haben und auf trockenwarme Bedingungen angewiesen sind, finden in stillgelegten Steinbrüchen geeignete Lebensräume. Von schattigen, feuchten Felswänden bis zu trockenwarmen Plateaus reicht das Spektrum unterschiedlichster Lebensräume im Steinbuch "Lauster".

Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung, welche reichhaltige Natur die ehemalige Landschaftswunde inzwischen hervorgebracht hat. Die sehr unterschiedlichen Standortbedingungen auf engem Raum ermöglichen das Vorkommen einer erstaunlich hohen Vielfalt an Pflanzenarten. Allerdings können auf dem steinigen Untergrund nur Pflanzen existieren, die an die Bedingungen der trockenen, nährstoffarmen Felsbiotope angepasst sind.

Botanische SeltenheitenSchattige, luftfeuchte Felswände werden gern von Flechten, Moosen und Farnen besiedelt. Eine blütenbunte Flora beherbergen dagegen die Magerrasen auf den trockenwarmen Felsterrassen. Selbst botanische Seltenheiten, wie Karthäuser-Nelke oder Waldhyazinthe, haben Botaniker im Steinbruchareal schon gefunden.

Auch über die Tierwelt der im stillgelegten Steinbruch verrät die Ausstellung einiges. Füchse, Turmfalken und Eidechsen gehören zu den auffälligen Bewohnern des Steinbruches. Doch es sind vor allem Kleintiere, denen der Steinbruch als Lebensraum dient, so etwa eine artenreiche Insektenfauna, zu der Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge gehören.

Der Steinbruch ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie aufgelassene Steinbrüche für den Naturschutz genutzt werden. Das Gelände dient auch der Umweltbildung, wie sie durch das Zentrum seit vielen Jahren erfolgreich betrieben wird. Als "geologisches Fenster" gewährt der Steinbruch einen Einblick in die Gesteinsformationen des Oberen Weißjura.

Die Ausstellung soll dazu beitragen, die Bedeutung solcher Sekundärbiotope zu würdigen und für ihren Schutz zu werben. Einen vagen Eindruck von der Schweiß treibenden Arbeit im damaligen Steinbruch vermitteln ausgestellte Werkzeuge und Arbeitsgeräte. Außerdem werden rohe und bearbeitete Gesteinsexponate, zum Beispiel auch von verschiedenen Marmorarten und Kalksteinen sowie aus Stein hergestellte Kunstgegenstände gezeigt. Gemälde des Münsinger Malers Fritz Genkinger sowie eine Sammlung historischer Fotografien aus der Ära des Abbaus bereichern die Sonderausstellung.

Erstellt wurde die Ausstellung vom Naturschutzzentrum Schopflocher Alb mit Unterstützung der Stiftung Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und mit fachlicher Beratung durch den Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg. Auch die Volunteersgruppe im Naturschutzzentrum war maßgeblich an der Erstellung beteiligt.

Die Sonderausstellung ist bis zum 24. September im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb zu sehen. Der Eintritt ist frei. Auf Vereinbarung sind Führungen durch die Ausstellung und in den Steinbruch möglich. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr. An den Feiertagen also auch am Montag, 1. Mai ist das Zentrum ebenfalls von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 0 70 26/95 01 20 oder im Internet unter www.naturschutzzentren-bw.de.

pm