Lokales

Eine glückliche badisch-württembergische Eheverbindung

KIRCHHEIM Zahlreich waren früher die Eheabreden zwischen den regierenden Häusern Baden und Württemberg gerade nicht, obgleich die friedlichen Nachbarn auch derselben protestantischen Konfession angehörten. Besonderes Aufsehen

Anzeige

KARL-GEORG SINDELE

erregte 1697 die badisch-württembergische Kreuzheirat zwischen dem württembergischen Herzog Eberhard Ludwig und der badischen Markgrafentochter und späteren Kirchheimer Schlossbewohnerin Johanna Elisabetha sowie der Schwester Eberhard Ludwigs, Magdalena Wilhelmine, mit dem baden-durlacher Erbprinzen Karl Wilhelm.

Glücklich waren diese Ehen nicht, wohl aber die nächste und zugleich letzte namhafte Verbindung der beiden Länderdynastien im Jahre 1830. Wieder war eine damals in Kirchheim nicht unbekannte Schlossprinzessin beteiligt, nur gehörten Henrietten-Töchterchen Elisabeth wie auch ihr badischer Bräutigam Wilhelm nicht unmittelbar zur ersten Reihe des jeweiligen Regentenhauses.

Elisabeths Herkunft Prinzessin Elisabeth war die Tochter des Herzogs Ludwig (Louis) von Württemberg, des ältesten Bruders des württembergischen Regenten Friedrich, und der Herzogin Henriette. Als Anfang März 1802 in Stuttgart ein Schreiben aus "Würtzau bey Mitau" eintraf, in dem Vater Louis die glückliche Geburt des Töchterleins anzeigte und den Bruder um die Übernahme der Patenstelle bat, dürfte die Freude eher etwas gedämpft gewesen sein, da es innerhalb von gut vier Jahren bereits das vierte Mädchen in Folge war und der Stammhalter noch immer auf sich warten ließ.

Da sich die Eltern des Kindes mittlerweile im russischen Baltikum befanden und vom Zaren ein Gut samt kleinem Schlösschen im heute lettischen Würzau (Kronsvircava) zur Nutznießung erhalten hatten, lag es nahe, der am 26. Februar 1802 geborenen Tochter aus Dankbarkeit Namen der großzügigen Verwandtschaft zu geben: Elisabeth Marie Alexandrine Constanze. Der Rufname Elisabeth ist die Ehrerbietung an die Zarin Elisabeth, die aus Baden stammende Frau des Zaren Alexander I.

Mehr als drei Jahre blieb die neue Erdenbürgerin mit ihren drei älteren Schwestern Maria Dorothea, Amalie und Pauline, ihrem Halbbruder Adam sowie dem 1804 geborenen Bruder Alexander in Würzau, Riga und St. Petersburg, um schließlich 1806 nach einem Kuraufenthalt der Familie in Bad Ems erstmals nach Württemberg zu kommen. Winters in der Nähe des Königshofes zu Stuttgart, sommers in Ludwigsburg wohnend, vergingen die frühen Kindheitsjahre wie im Flug, bis die 9-jährige Elisabeth auch Elise in ihrer Umgebung geheißen einen neuen Familienwohnsitz im Kirchheimer Schloss ab Ende 1811 kennen lernen durfte, einen Platz, dem sie dann fast zwei Jahrzehnte treu blieb.

Die Kirchheimer JahreObwohl sie weitaus am längsten von allen Geschwistern in unmittelbarer Nähe von Mutter Henriette und damit in Kirchheim blieb, weiß man heute nicht mehr viel von dieser Zeit. Erzogen von ihrer Gouvernantin des Echerolles, unterrichtet von örtlichen Pfarrern und Lehrern, umgeben von einer frohen und zunächst kompletten Geschwisterschar, kann sie manch Nachhaltiges erleben: einen in Stuttgart schlecht angesehenen, zu Hause oft übel gelaunten und kränkelnden Vater, den sie bereits im September 1817 verlor; drei Schwestern, die sich zwischen 1817 und 1820 durch Heirat von der Teckstadt entfernten: Amalie 1817 als Frau des Erbprinzen nach Hildburghausen, Maria Dorothea 1819 als Palatinsgattin nach Budapest, Pauline 1820 als Gemahlin König Wilhelms I. nach Stuttgart; 1818/19 eine bildsame Italienreise mit Mutter Henriette und zwei ihrer Schwestern; die Vorbereitung auf ihre Konfirmation durch den Kirchheimer Oberhelfer Geß und 1820 die Konfirmation zusammen mit ihrem Bruder Alexander in der Kirchheimer Martinskirche; der Weggang des Bruders zu auswärtigen Studien und zum Militär; so manche Reise mit ihrer Mutter zu den Geschwistern in Hildburghausen, Altenburg, Budapest und Stuttgart . . .

Den Umgang mit Hochadligen Europas war Elisabeth von Kindesbeinen an gewohnt: blasse frühe Kindheitserinnerungen an ihren Vetter Zar Alexander I., an die Tante Zarinmutter Maria Feodorowna, an ihre russische Cousine Catharina, die sie später als Kronprinzessin und Königin von Württemberg wieder sah, an den Onkel Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg und die nassauischen Vettern und Basen; als Fünfjährige lernte sie alle wichtigen Personen bei Hof in Stuttgart und Ludwigsburg kennen; Onkel Friedrich, seit 1806 König von Württemberg, bleibt für viele Jahre zu allen Geburtstagen ihr wichtigster Briefadressat.

Eine stattliche Zahl von weiteren Onkels, Tanten und deren Kindern, darunter die Königin Mathilde, die württembergische Königstochter Katharina, Kronprinz und König Wilhelm, Prinz Paul, Erzherzog Joseph und seine Wiener Hofverwandtschaft werden ihr vertraut. Auf der Italienreise 1818 / 19 wird sie Papst Pius VII. und einer Fülle von italienischen und österreichischen Adligen vorgestellt. Bei mannigfachen Taufen in der Stuttgarter Verwandtschaft ist sie eine immer wieder genannte Taufpatin.

Aber sie wohnte noch immer im Kirchheimer Schloss bei Mutter Henriette, die mittlerweile schon durch ihre frühen wohltätigen Interventionen im Bereich der Industrieschulen und der Kinderrettungsanstalt in Erscheinung getreten ist. Auch als sie mit 27 Jahren im April 1829 vom König zur Äbtissin des adeligen Fräuleinstifts Oberstenfeld ernannt wurde, ein Amt, das früher schon ihre Schwester Maria Dorothea innehatte, blieb sie mangels Residenzpflicht im Stift bei Muttern in Kirchheim wohnen. Elise schien trotz ihrer ordentlichen Erscheinung schwer unter die Haube zu bringen.

Verlobung und HeiratDa lernt die 28-Jährige 1830 den zehn Jahre älteren, gestandenen und immer noch ledigen Markgrafen Wilhelm von Baden kennen. Es ist anzunehmen, dass die beiden sich am 25. Mai 1830 bei einem Empfang im Stuttgarter Neuen Schloss erstmals begegnet sind. Der erst seit 30. März regierende Großherzog Leopold von Baden machte mit Frau und seinen beiden Brüdern, den Markgrafen Wilhelm und Maximilian, einen offiziellen Antrittsbesuch bei König Wilhelm und Königin Pauline, der Schwester Elisabeths. Eingeladen war vermutlich auch die Königinmutter Henriette, die seit geraumer Zeit nicht nur ihr Kirchheimer Schlossdomizil hatte, sondern im Stuttgarter Königschloss ein Appartement in unmittelbarer Nähe ihrer Tochter Pauline und ihrer Stuttgarter Enkel bewohnte. Henriette brachte zu diesem Empfang wohl auch ihre jüngste Tochter Elisabeth mit.

Fest steht, dass Prinzessin Elisabeth und Markgraf Wilhelm wenige Monate später in der Sommerresidenz des württembergischen Königspaars in Friedrichshafen am Bodensee eintrafen und bereits am 8. August 1830 ihre am Vortag stattgehabte Verlobung bekanntgaben.

Mit Einwilligung des württembergischen und badischen Throns sowie der Brautmutter Henriettte fand dann am 16. Oktober 1830 im Stuttgarter Neuen Schloss die glanzvolle Hochzeit vor versammeltem Hof, den höchsten Chargen des Staates, den badischen Gästen und dem diplomatischen Corps statt.

Ausgehend von früheren Hochzeiten in Henriettes Familie hätte man eigentlich Kirchheim als Trauungsort annehmen dürfen. Wahrscheinlich hatten aber Erfahrungswerte mit den relativ beengten Kirchheimer Verhältnissen und die enge verwandtschaftliche Verbindung mit den Stuttgarter Majestäten zu dieser Trauung einer Kirchheimer Prinzessin in der Metropole des Landes Württemberg geführt.

Der Hofzeremonienmeister hatte dann auch alle Hände voll zu tun, um die vielen Plätze anzuweisen und den Hochzeitszug vom Zimmer der Königin Pauline bis in den Marmorsaal bei Glockengeläut der Stifts- und Hofkirche zu arrangieren. Oberhofprediger Prälat d' Autel ließ nach seiner Ansprache die Brautleute um 3 Uhr zur evangelischen Trauung, Einsegung und Ringewechslung an den an der Fensterfront zum Schlosshof errichteten Altar treten. Anschließend nahm das Brautpaar in diversen ausgesuchten Zimmern des Schlosses die Glückwünsche entgegen, begab sich zur Tafel und abends zum Ball in den kleinen Marmorsaal. Opernveranstaltungen mit freiem Eintritt und Ball im Redoutensaal rundeten das strapaziöse Festprogramm an den folgenden Tagen ab.

In KarlsruheAm 20. Oktober zogen die Frischvermählten in Karlsruhe ein. Die Anteilnahme der Bevölkerung und der Bürgerkavallerie war überwältigend. Die Hauptstraße vom Alleehaus bis zum Schloss war von unzähligen Fackelträgern gesäumt und am Schloss erwartete Großherzog Leopold mit dem Hofstaat seinen Bruder und seine neue Schwägerin. Nach einem Mahl im Familienkreis begaben sich das Markgrafenpaar in das Ehedomizil, das Markgräfliche Palais. Friedrich von Weech weiß zu berichten, dass über dem Obelisk des Rondellplatzes ein in Brillantfeuer erstrahlender Willkommensgruß die Freude der Karlsruher zum Ausdruck brachte wie auch die vor dem Palais aufgestellten Innungen und ein abschließender Fackelzug mit Musik und Gesang.

Der 38-jährige standfeste Markgraf, ein im napoleonischen Russlandfeldzug und Befreiungskrieg kampferprobter Militär, mittlerweile kommandierender General des badischen Armeekorps und Präsident der Ersten Kammer des badischen Landtags war für die 28-jährige Elisabeth zweifellos eine gute Partie, hatte Wilhelm doch ansehnliches Vermögen, eine ordentliche jährliche Apanage von 50 000 Gulden und eben die engste Verbindung zum großherzoglichen Regentenbruder. Aber auch der Markgraf hatte in Elisabeth eine Frau gefunden, die wirklich reif war für eine gute Ehe, gut erzogen, fest im christlich-evangelischen Glauben verankert und mit der Erbmasse der karitativen Züge ihrer in Kirchheim so wohltätigen Mutter Henriette versehen. Als Angehörige des königlichen Hauses war sie auch nicht gerade mit einer ärmlichen Mitgift ausgestattet.

Allen überlieferten Berichten ist zu entnehmen, dass die Ehe immer als geglückt und vorbildlich anzusehen war, ja von häuslichem Glück mit drei überlebenden Töchtern wurde gesprochen. Auch die Gastfreundlichkeit der Familie im Markgräflichen Palais oder in Salem oder Rothenfels, auch bei der Vorführung der agrarischen Versuchsfelder des Gastgebers, wurde lobend hervorgehoben. Außer den vielen hochrangigen Verwandtenbesuchen aus Stuttgart, Kirchheim, Sachsen-Altenburg, Österreich-Ungarn hatte sich gar manche bedeutende Person, so auch Staatskanzler Metternich, bei Markgrafens eingefunden. Aber umgekehrt waren Familientreffen in Kirchheim und Stuttgart keine Seltenheit.

Kirchheimer ReminiszenzenNicht von ungefähr begab sich die Markgrafenfamilie bei der badischen Militärmeuterei in den Revolutionsmonaten Mai bis August 1849 in das Kirchheimer Schloss zur fast 70-jährigen Henriette, während die großherzogliche Familie in das mittlere Rheinland geflüchtet war. Die württembergische Bau- und Liegenschaftsverwaltung bezeichnet ja auch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die zum Schlosshof liegenden Gästezimmer der Fürstenzimmerflucht als so genannte Markgrafenzimmer.

Letztlich verdankt Kirchheim unter dem Markgrafen Wilhelm in erheblichem Maße die Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr im Jahre 1849. Bereits im Vorjahr hatte der Markgraf eine recht dilettantische Löschaktion in einem dem Schloss nahegelegenen Stadtzentrumsbezirk miterlebt und seine persönlichen Erfahrungen mit dem Karlsruher Theaterbrand 1847 sowie der deutschlandweit vorbildlichen Feuerwehr des Christian Hengst zu Durlach ins Spiel gebracht.

Herzogin Henriette ließ daraufhin drei jüngere Kirchheimer Männer auf ihre Kosten zu einem mehrwöchigen Fortbildungslehrgang nach Karlsruhe-Durlach schicken. Mit diesem Sachwissen ausgestattet und mit gewissem revolutionären Schwung der damaligen Zeit beflügelt, konnte dann am 14. Februar 1849 das Kirchheimer Feuerwehrkorps gegründet werden, das fürstlicherseits auch weitere Zuschüsse zur Ausrüstung bekam.

Nicht vergessen werden sollte auch, dass das glückliche Markgrafenpaar am 16. Oktober 1855 im Kirchheimer Schloss bei der nun gesundheitlich etwas angeschlagenen Henriette seine Silberhochzeit beging. Dazu kam auch Henriettes Enkelin, Königin Marie, mit ihrem Mann König Georg V. von Hannover in die Teckstadt. Der König stiftete zu diesem Gedächtnistag eine Summe von 500 Talern mit der Bestimmung, dass die Zinsen hieraus alljährlich am 16. Oktober einem gut beurteilten Mädchen aus dem Oberamt als Aussteuer gegeben werden, sofern es eine mindestens zehnjährige Dienstzeit bei ein oder zwei Herrschaften der Stadt Kirchheim sowie im abgelaufenen Jahr die Eheschließung mit einem unbescholtenen Mann aufzuweisen hatte. Jahr für Jahr wurde denn auch im Teckboten zu Bewerbungen für diese so genannte Elisabeth-Stiftung aufgerufen, zuletzt mit einem Aussteuerzuschuss von etwa 90 Reichsmark.

Tod und NachkommenMarkgraf Wilhelm, immer noch Präsident der Ständekammer, von den 48er-Revolutionären aber auch für manche Missstände in der 1849 meuternden badischen Armee mitverantwortlich gemacht, verstarb mit 67 Jahren am 11. Oktober 1859, seine Frau Elisabeth mit 62 Jahren am 14. November 1864. Beide wurden in der Gruft der evangelischen Stadtkirche zu Karlsruhe, also gleich in der Nähe des Markgräflichen Palais, bestattet. Aufgrund der Kriegszerstörungen im Bereich der Stadtkirche wurde das Paar jedoch 1946 in das Mausoleum im Schlosspark umgebettet.

Dem Markgrafenpaar wurde 1833 eine Tochter geboren, die den Namen der Kirchheimer Großmutter Henriette erhielt, jedoch schon 1834 verstarb, just am gleichen Tag wie die zweite Tochter Sophie zur Welt kam.

Sophie heiratete eines Tages den später geisteskranken Fürsten Woldemar von Lippe. Die Verbindung blieb ohne Nachkommen. Die 1835 geborene Prinzessin Elisabeth starb 1891 unverheiratet, sodass eine nennenswerte Deszendenz nur von der 1837 geborenen, jüngsten Tochter Leopoldine (1837 1903) zu Stande kam. Leopoldine hatte von Mutter und Großmutter Frömmigkeit und Wohltätigkeitssinn geerbt, lebte zeitweise im Markgräflichen Palais, teilweise auf Schloss Langenburg und im Statthalterpalast in Straßburg, da sie dem Fürsten Hermann von Hohenlohe-Langenburg angetraut worden war und dieser nicht nur als Chef des hohenlohischen Hauses Langenburg, sondern auch viele Jahre als kaiserlicher Statthalter der damaligen Reichslande Elsaß-Lothringen in Straßburg amtierte.

Von dem gemeinsamen Sohn Ernst stammt die führende Linie des Hauses Hohenlohe-Langenburg ab; von der Tochter Elise Angehörige des Hauses Reuss (jüngere Linie); von Tochter Feodora die heutigen Fürstenhäuser Leiningen und Hohenzollern-Sigmaringen und von der Enkelin Marie Melita das heutige Haus Schleswig - Holstein - Sonderburg -Glücksburg;Quellen: E- und G-Bestände des Hauptstaatsarchivs Stuttgart; E- und F-Bestände des Staatsarchivs Ludwigsburg; Der Teckbote; Württembergische Jahrbücher (diverse Jahrgänge)Ausgewählte Literatur: Fleck, Egid: Gestalten aus dem Brandschutz und Feuerwehrwesen in Baden und Württemberg, Stuttgart, 1961; Münch, Ernst (Hg.): Taschenbuch der neuesten Geschichte, 1834 II. Teil, Carlsruhe, 1837; Lorenz, Sönke . . . (Hg.): Das Haus Württemberg, Stuttgart, 1997; Reichelt, Rosemarie: Aus der Geschichte der Kirchheimer Feuerwehr von den Anfängen bis 1994 in: 150 Jahre für den Bürger, Kirchheim, 1999; Weech, Friedrich von: Badische Biographien, Heidelberg, 1875 ff. Weech, Friedrich von: Karlsruhe Geschichte der Stadt und ihrer Verwaltung, Band 3, Karlsruhe, 1904.