Lokales

Eine gute Basis fürs Frauenhaus

Tagessatzfinanzierung hat sich eingespielt – Bald mehr Verantwortung bei den Hauptamtlichen

Die Ziele des Vereins „Frauen helfen Frauen“ bleiben die alten, doch die Organisation steht wohl bald auf neuen Beinen: Künftig sollen die hauptamtlichen Kräfte den Vorstand stellen. Sie werden intensiv von den Ehrenamtlichen unterstützt. Das Team hatte sich in den 90er-Jahren zusammengefunden, um ein Frauenhaus in Kirchheim zu schaffen. Die Bleibe für schutzsuchende Frauen und Kinder ist aus Kirchheim nicht mehr wegzudenken.

Anzeige

irene strifler

Kirchheim. Zwölf Plätze bietet das Frauenhaus für Frauen und Kinder. Sie leben dort in einer Art Wohngemeinschaft zusammen und versorgen sich selbst. Die Frauen, die vor ihrem gewalttätigen Partner auf der Flucht sind, finden im Frauenhaus Sicherheit und Schutz, denn die Adresse ist anonym.

In Beratungsgesprächen werden Zukunftsperspektiven entwickelt und Hilfestellung bei der Krisenbewältigung geleistet. Eine Diplomsozialpädagogin ist Ansprechpartnerin für die zahlreichen Kinder, die stets mit ihren Müttern im Frauenhaus Unterschlupf finden. Natürlich spielen Erziehungsfragen eine große Rolle. Aber es geht auch um die gemeinsame Alltagsbewältigung. Dazu zählt Freizeitgestaltung beziehungsweise die unerlässliche Betreuung bei den Hausaufgaben. Da Fragen des Umgangs- und Sorgerechts ständig im Frauenhaus ein Thema sind, besteht enger Kontakt zu Anwältinnen und zum Kinderschutzbund.

Auch außerhalb des Frauenhauses findet Beratung statt für Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben. Dies geschieht seit März im neuen Büro am Postplatz 7, zuvor am Kirchheimer Marktplatz.

Im Jahr 2008 suchten 27 Frauen mit 39 Kindern Zuflucht im Frauenhaus, neun Frauen blieben mehr als vier Monate. Schwer wird der Auszug mitunter deshalb, weil die Frauen dringend günstige Wohnungen mit Anschluss an den öffentlichen Personennahverkehr brauchen. Viele von ihnen sprechen schlecht Deutsch. Unter jenen, die im vergangenen Jahr recht schnell wieder ausgezogen sind, sind leider wie immer auch Frauen, deren Ex-Partner sie in Kirchheim ausfindig gemacht hatten. Wie die Fachkräfte mitteilen, erschwert es den Einstieg in ein neues Leben extrem, wenn Frauen und Kinder wiederholt erfahren, wie sehr der Gewalttäter ihr Leben und ihren Alltag bestimmen kann.

Auch zu vielen ehemaligen Bewohnerinnen wird der Kontakt weiterhin gepflegt. Das traditionelle Frauenfrühstück und der Sommerausflug werden gerne wahrgenommen, wie der Jahresbericht bestätigt. Neben der Arbeit in diversen Gremien finden Kooperationstreffen statt, zum Beispiel mit dem Sozialen Dienst. Fortbildungen für die vier hauptamtlichen Mitarbeiterinnen sind ebenso selbstverständlich wie die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen wie zum Beispiel der Frauenlesenacht.

Die hauptamtlichen Kräfte Renate Dopatka, Susanne Lorch, Irmgard Pfleiderer und Christine Schreiter, die jeweils 50-Prozent-Stellen haben, wurden mit zahlreichen Arbeitsstunden von den aktiven Vereinsfrauen unterstützt. Wichtig für die Weiterexistenz des Frauenhauses ist außer diesem Einsatz auch das finanzielle Engagement einer ganzen Reihe von Firmen.

Wie immer mussten auch im Jahr 2008 zahlreiche Frauen, die um Aufnahme ersuchten, abgelehnt werden. Insgesamt konnte 82 Frauen nicht geholfen werden. Hauptgrund war, dass das Haus belegt war, in einzelnen Fällen war auch die Sicherheit nicht gewährleistet. Das Gros der 27 aufgenommenen Frauen war 31 bis 40 Jahre alt. Zu zwei Drittel handelte es sich um Hausfrauen beziehungsweise Frauen im Erziehungsurlaub.

Fast die Hälfte der Frauen kam mit einem Kind. Eine Frau hatte sogar fünf Kinder dabei. 40 Prozent der aufgenommenen Frauen waren Deutsche, gefolgt von Türkinnen. Nur in einem Fall war die Verständigung ausschließlich mithilfe einer Dolmetscherin möglich. Mehr als Dreiviertel der Frauen war vor dem eigenen Ehemann ins Frauenhaus geflohen. Die meisten von ihnen blieben maximal sechs Wochen. Knapp 15 Prozent gingen zu ihrem Partner zurück. 20 der 27 im Jahr 2008 aufgenommenen Frauen wurden übrigens während ihres Aufenthalts zu Hartz IV-Empfängerinnen, wogegen zuvor 13 der Frauen über ein eigenes Einkommen verfügt und 15 vom Familieneinkommen gelebt hatten.

Die Kinder befanden sich größtenteils im Kleinkindalter. Fast alle hatten die Misshandlungen der Mutter miterlebt, ein knappes Drittel wurde selbst körperlich misshandelt.

All die Zahlen belegen die Bedeutung des Frauenhauses, die über die Jahre keineswegs geschrumpft ist. Deswegen war es den Vorstandsfrauen um Eva Vogelmann, Gisela Maier und Rose Schreier auch ein wichtiges Anliegen, das Haus weiterhin auf sicheren Beinen zu wissen. „Wir sehen die Zukunft des Vereins und des Hauses langfristig gesichert“, kommentiert Eva Vogelmann das Modell, wonach künftig die hauptamtlichen Kräfte viele der Verantwortlichkeiten übernehmen werden. Die Neuorganisation bedarf allerdings noch des notariellen Segens.

Ursache für die Umstrukturierung sind Nachwuchsprobleme, von denen auch der Verein „Frauen helfen Frauen“ im sechzehnten Jahr seines Bestehens nicht verschont blieb. Viele der Frauen sind von Beginn an dabei. Auf ihren Einsatz ist die Existenz des Frauenhauses zurückzuführen, über dessen Notwendigkeit zu Beginn der 90er-Jahre im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit noch ausgesprochen kontrovers diskutiert wurde.

Im vergangenen Jahr war es die Umstellung auf die Tagessatzfinanzierung, die für Aufregung bei der alltäglichen Arbeit gesorgt hat. Dies bedeutet: Pro Tag und beherbergter Person bekommt das Frauenhaus knapp 32 Euro über den Kreis. Dieser Abrechnungsmodus hat sich mittlerweile eingespielt dank der guten Auslastung des Kirchheimer Frauenhauses. „Wir sind quasi mehr als früher ein Wirtschaftsunternehmen“, erläutert Irmgard Pfleiderer: Das Haus ist eigentlich immer gut belegt, also sind die Einnahmen gesichert.