Lokales

Eine "Insel" inmitten von Risikogebieten

Nach dem langen Winter locken Sonne und frühlingshafte Temperaturen ganz besonders zum Joggen, Wandern oder Faulenzen im Freien. Wer dabei jedoch die befestigten Wege verlässt, sollte vorsichtig sein: Auf Wiesen, in Büschen und Unterholz lauern Zecken und mit ihnen verschiedene Krankheiten.

BIANCA LÜTZKIRCHHEIM Kaum steigen die Temperaturen, sind auch die Zecken wieder aktiv und hungrig. Saugen sich die Parasiten an Menschen oder Tieren fest, um an eine Blutmahlzeit zu gelangen, können sie Krankheiten wie Lyme-Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. Besonders die Fälle von FSME nehmen nach Angaben des Landesgesundheitsamtes zu: Die Zahl der Erkrankten in Baden-Württemberg ist von 134 im Jahr 2004 auf 165 im Jahr 2005 gestiegen.

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Aus diesem Grund sprechen die Behörden eine Impfempfehlung aus: "Wir möchten, dass sich möglichst viele Menschen gegen FSME impfen lassen", sagt Dr. Jürgen Kalthoff, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Esslingen. "Im Kreis Esslingen hatten wir zwar bisher noch keinen FSME-Fall, aber wir sind lediglich eine Insel inmitten von Risikogebieten." Zu diesen gehören beispielsweise der Stadtkreis Stuttgart sowie die Landkreise Tübingen und Reutlingen. Der Kreis Calw gilt sogar als Hochrisikogebiet, ebenso wie beispielsweise Konstanz und der Hochschwarzwald.

Der Amtsarzt want davor, die Gefahren der Übertragung von FSME durch den Holzbock der am weitesten verbreiteten Zeckenart in Deutschland zu unterschätzen: "FSME kann man sehr schlecht behandeln", gibt er zu bedenken, dass es keine Medikamente gibt, um das Virus zu bekämpfen ganz im Gegensatz zur weiter verbreiteten bakteriellen Lyme-Borreliose, gegen die es zwar noch keine vorbeugende Impfung gibt, die sich aber bei rechtzeitiger Erkennung gut mit Antibiotika behandeln lässt.

Zwar verlaufen FSME-Erkrankungen häufig leicht und rufen lediglich Fieber, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden hervor. "In fünf bis zehn Prozent der Fälle können jedoch Probleme auftreten", weiß der Amtsarzt. Dann setzt nämlich eine zweite Krankheitsphase ein, die neben Fieber auch Entzündungen der Hirnhaut, des Gehirns oder des Rückenmarks mit sich bringt. "Bei zehn Prozent der Fälle bleiben Dauerschäden zurück, 0,5 bis zwei Prozent der Patienten sterben", sagt Dr. Kalthoff.

Besonders bei älteren Patienten nehme die Krankheit häufiger einen schweren Verlauf. Schon nach dem 40. Lebensjahr sei die Gefahr einer Enzephalitis erhöht, "ab dem 60. Lebensjahr treten sogar gehäuft Lähmungen auf", warnt Jürgen Kalthoff ältere Menschen vor Leichtfertigkeit.

Das Risiko von Impfschäden durch die FSME-Immunisierung dagegen ist nach Aussage des Mediziners gering: "Früher hat es oft Fieberschübe gegeben. Heute ist die Impfung aber sehr gut verträglich", betont er. Für Kinder existiere mittlerweile sogar eine spezielle Immunisierung.

"Die FSME-Impfung wird immer wieder nachgefragt", berichtet Dr. Thomas Löffler, Zweiter Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen, aus dem Praxisalltag: "Sie bedarf aber einer gewissen Notwendigkeit", sagt er. Zwar sei die Immunisierung gut verträglich, die Krankheit komme aber auch sehr selten vor. Der Arzt empfiehlt den Impfschutz daher vor allem denjenigen Patienten, die sich viel in der Natur bewegen, durchs Gestrüpp gehen oder sich in Hochrisikogebieten aufhalten.

Borreliose dagegen kommt Löffler zufolge häufiger vor als FMSE: "Wir haben in der Praxis etwa fünf Neuerkrankungen pro Jahr", informiert er. Offenbar trägt zudem die gute Aufklärung Früchte: "Viele Patienten kommen schon von alleine darauf, dass sie Borreliose haben könnten, wenn sich um den Zeckenstich ein roter Hof bildet", sagt er.

Eine Rötung um die Einstichstelle ist oftmals tatsächlich das erste Anzeichen für eine Infektion mit Borrelien: "Dann sollten die Betroffenen schnell zum Haus- oder Kinderarzt gehen", empfiehlt Dr. Jürgen Kalthoff. Wer eine Zecke hat, kann sie nach dem Entfernen auch zu einer Untersuchung beim Landesgesundheitsamt einschicken. Dort werden die Spinnentiere auf Befall mit Erregern hin untersucht. Eine schnelle Behandlung ist unerlässlich, denn langfristig kann Borreliose zahlreiche Symptome wie Muskel- und Gelenksschmerzen, Fieber, Schwindel oder Schwellungen der Lymphknoten hervorrufen.

Wichtig ist Dr. Jürgen Kalthoff zufolge eine fachmännische Entfernung von Zecken: Auf keinen Fall sollten Betroffene die Parasiten ersticken oder quetschen sonst gelangen umso mehr Krankheitserreger ins Blut: "Am besten ist es, eine spezielle Zeckenzange zu verwenden oder die Zecke gleich vom Arzt entfernen zu lassen", rät er.

Einer, der von Berufs wegen ständig in Kontakt mit Zecken kommt, ist der Kirchheimer Revierförster Daniel Rittler: "Ich habe im Jahr so etwa 10 bis 20 Zecken" kein Wunder, wenn man wie er ständig "quer durchs Gelände geht". So hat der Förster auch gute Tipps für alle parat, die sich in der freien Natur abseits der geschotterten Wege aufhalten: "Lange Kleidung ist sinnvoll, schützt aber nicht hundertprozentig vor Zecken." Darum setzt Rittler auf Vor- und Nachsorge: "Ich reibe Hosen, Socken und Schuhe mit einem Mittel ein, das gegen Zecken und Schnaken hilft." Besonders wichtig nach der Rückkehr aus Wald und Flur ist dann für Jung und Alt: "Absuchen" und zwar sorgfältig von oben bis unten.