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Eine komplette Schule für 45 000 Euro

Bis zum Schluss war es eine Zitterpartie. Doch es klappte, und Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen "Cap Anamur" und "Grünhelme", kam zur Freien Waldorfschule nach Ötlingen. Bei einem spannenden Vortrag vor gut hundert Besuchern und im Oberstufenunterricht erwies er sich als begnadeter Erzähler.

PETER DIETRICH

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KIRCHHEIM Manche Erfahrungen vergisst man nie: Anno 1939 in Danzig geboren, erlebte Neudeck als Kind den Untergang der "Wilhelm Gustloff". Sein Onkel hatte bereits Karten organisiert wäre Neudecks Familie früher angekommen, wären sie als Flüchtlinge mit dem Schiff untergegangen. Ebenso unvergesslich die Hilfe, die die Deutschen nach dem Krieg erfuhren: "Noch heute habe ich den Geschmack der Quäker-Schulspeisung mit Milch und Keksen im Mund."

Als er dann viele Jahre später die Bilder ertrinkender "boat people" im Südchinesischen Meer sah, war es Neudeck klar: "Da musst du hin". Es blieb nicht beim Vorsatz: Vor rund 25 Jahren lief das Rettungsschiff "Cap Anamur" aus. Dass Gutes tun weh tun müsse, dieser Ansicht preußischer Tradition widerspricht er vehement: "Ich habe in meinem Leben nie so schöne Erlebnisse gehabt wie in den 25 Jahren dieser Arbeit."

Im April 2003 gründete Neudeck die "Grünhelme", einen Verein, der Menschen zum Wiederaufbau von Dörfern, Schulen und Ambulanzen in zerstörte Regionen entsendet, unter anderem nach Afghanistan. Drei Monate dauern die Einsätze gemeinsam mit den Einheimischen. Deren Fähigkeiten von Europäern noch immer unterschätzt würden: "Ich habe selten ein Volk erlebt, das so große eigene Anstrengungen macht", beschreibt Neudeck die Afghanen, spricht von einer "unglaublich fleißigen Bevölkerung mit Hunger nach Ausbildung". Die Wahlberichterstattung der Journalisten aus Kabul, die sich auf die angeblich abrubbelbare Tinte stürzten, sei einseitig negativ, er habe als Beobachter in vier ländlichen Wahlkreisen ganz anderes erlebt. Auch andere gute Nachrichten gingen unter: Wer wisse schon um die letzten beiden, für Außenstehende völlig überraschenden afghanischen Rekordernten, die das Land bereits wieder autark machten? Stattdessen bringe das Welternährungsprogramm weiterhin Lebensmittel ins Land und verderbe den einheimischen Bauern die Preise.

"Für 45 000 Euro kann man in Afghanistan eine Schule für 1 000 Schülerinnen und Schüler bauen", schilderte Neudeck die Möglichkeiten, das reiche bei uns nicht einmal für die vorbereitende Studie. Zehn Millionen habe die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Mai für weitere afghanische Schulen versprochen: "Ich habe ihr vor vier Wochen geschrieben, sie soll uns das Geld geben, wir bauen dafür in zwei Jahren 222 Schulen." Die Antwort stehe noch immer aus. Die 19 Schulen seiner Heimatstadt Troisdorf hätten sich jedenfalls zum Ziel gesetzt, gemeinsam eine komplette afghanische Schule zu finanzieren und hätten das Geld bald zusammen ein Finanzierungsmodell, das Neudeck gerne auch auf Kirchheim übertragen würde. Gerade Deutsche seien in Afghanistan willkommen. Der Vorschlag, eine neue Schule nach Johann Wolfgang von Goethe zu nennen, sei von afghanischen Lehrern gekommen. Wichtig sei, dass die deutschen Grünhelme in den Dörfern lebten, essen und schliefen. Kontakte von Mensch zu Mensch veränderten eine Gesellschaft nicht der Lebensmittelabwurf vom Flugzeug aus.

Gutes tun brauche manchmal auch List, mahnte Neudeck. Nur durch Vorspiegelung eines falschen Auslaufdatums aus dem Hafen von Kobe habe er die Cap Anamur einst vor deutschen Behörden retten können. Und Gutes tun brauche Geduld, vor allem bei "uns aktualitätsterroristisch verseuchten Europäern", bei denen immer alles schnell gehen solle, vor allem wenn sie Geld gegeben hätten. So sei eben in nächsten Jahren in Afghanistan noch mit Anschlägen zu rechnen, aber er habe "keinen getroffen, der nicht froh ist, dass er von den Taliban befreit wurde".

Noch zwei gute Nachrichten: Für die dreimonatigen Einsätze, "nicht für Aussteiger, sondern solche, die auch hier ihren Beruf gerne machen", gingen bereits über 600 Bewerbungen ein. Und in Afghanistan gebe es wieder eine Post. "Wenn sie den Brief am Samstag abgeben", habe man ihm stolz erzählt, "fliegt er am Sonntag von Kabul ab. Am Montag ist er schon am Ziel wenn die deutsche Post gut arbeitet."

Bleibt die Frage nach der Sicherheit: "Das Gastrecht ist das Heiligste unter diesen Völkern", ist Neudeck überzeugt, keiner seiner Mitarbeiter sei je in Gefahr gekommen. Anders als jene Abgeordnete, der das Bundestagsbüro aus Sicherheitsgründen von der Reise zum Grünhelmprojekt abriet. Wenige Tage später kam sie bei einem Autounfall ums Leben. Auf deutschen Straßen.

INFOWeitergehende Informationen sind im Internet unter www.gruenhelme.de und in Rupert Neudecks Buch "Die Menschenretter von Cap Anamur" zu finden.