Lokales

Eine Obervogtei ohne Obervogt

Die wechselhafte Geschichte des nördlichen Schlossplatzes in Kirchheim

Kirchheim. Etwas in die Jahre gekommen sind die steinernen Infotafeln, die der Kirchheimer Verschö­nerungsverein vor Jahrzehnten an

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Rolf Götz

markanten Stellen im Stadtgebiet hat anbringen lassen. In den meisten Fällen entsprechen die Texte nicht mehr dem Stand der Stadtgeschichtsforschung, oft sind auch krasse Fehler zu entdecken. Dazu im Gegensatz stehen die weniger aufwendigen Tafeln, die vor wenigen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv entstanden sind und an zentralen Gebäuden wie etwa Martinskirche, Rathaus und Spital den interessierten Besucher mit korrekten Informationen versorgen. Ein Beispiel für Fehlinformationen stellt die jetzt an der Ostseite angebrachte alte Infotafel am sanierten „Alten Forsthaus“ dar. Dass sich das ehemalige Forsthaus wieder als Schmuckstück der Kirchheimer Altstadt präsentiert, soll Anlass sein, die interessante Geschichte des Areals am Nordrand des Schlossplatzes darzustellen.

Vor der Reformation stand etwa in der Mitte des Areals ein Pfründhaus, in dem der Kaplan der Siechenkapelle Sankt Katharina wohnte. Seit 1558 diente das Gebäude als Deutsche Schule, 1580/81 wurde es vergrößert neu aufgebaut. Links und rechts der Deutschen Schule befanden sich eingezäunte Plätze, in denen das Brennholz für das Schloss aufgestapelt war: die sogenannten „Schlossholzgärten“. Einem Bericht von 1582 zufolge gab es hier auch eine Stallung für die „englischen Hunde“ der fürstlichen Jagdgesellschaften.

Nach dem Stadtbrand wurde 1693 das ganze Areal für den Neubau der „Obervogteibehausung“ zusammengefasst – „stehet uff dem Platz, allwo vor der Brunst eine Viehstallung und der herrschaftliche Hühnerhof, auch die Hundställ: vornehmlich aber in der Mitte die deutsche Schule gestanden“. Die Deutsche Schule wurde am Ötlinger Tor zwischen Spital und Stadtmauer, also gegenüber der Lateinschule – dem heutigen Max-Eyth-Haus – neu erbaut.

Die 1693 erbaute Obervogtei nutzte aber zunächst der für die Finanzverwaltung des Amtes zuständige Keller Hans Ulrich Fritzlin. Ende 1693 zog der damalige Obervogt Georg Heinrich von Reischach (1684 bis 1698) ein, der bis zu seinem Tod im Jahre 1698 hier wohnte. Dann wieder war das neue Gebäude Sitz der Kellerei. 1709 sollte der damalige „Keller“ das Gebäude für den fürstlichen Hofmeister von Menzingen räumen, was aber nicht geschah. Das stattliche Haus blieb bis zur Auflösung der Kellerei zu Beginn des 19. Jahrhunderts „hochfürstliche Kellerei“.

1841/42 wird das Haus als „Cavaliergebäude“ bezeichnet. Einer der hier wohnenden Kavaliere ist namentlich bekannt. Als 1811 der „Schuldenherzog“ Ludwig, ein jüngerer Bruder König Friedrichs von Württemberg, mit seiner Familie ins Kirchheimer Schloss einzog, war ihm ein „Aufpasser“ an die Seite gestellt worden, wie Karl-Georg Sindele in seinem Buch über die Herzogin Henriette nachweisen konnte. Dieser „Aufpasser“ war der Oberst Carl von Mylius, der den ersten Stock des ehemaligen Kellereiamtsgebäudes bezog, von wo er die meisten Vorgänge um das Schloss beobachten konnte. Als Herzog Ludwig bereits 1817 starb, behielt dessen Witwe, Herzogin Henriette, den Oberst als Hofkavalier und Reisemarschall bis zu seinem Tod im Jahre 1832 in ihren Diensten. 1853, also vier Jahre vor dem Tod der Herzogin Henriette, nutzte dann die staatliche Forstverwaltung das Gebäude als Revieramt und von 1902 bis 2006 als Forstamt. Seit 2006 im privaten Besitz, wird das jetzt genau 316 Jahre alte Gebäude nach der Sanierung neu genutzt. Es bleibt zu hoffen, dass auch hier eine neue Infotafel mit den dann richtigen Daten angebracht wird.