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Eine ortsbezogene Persönlichkeitswahl anstatt einer Listenwahl

Nachdem die Fusionsziele umgesetzt sind, geht man bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen die nächsten Schritte an: die strategische Ausrichtung in den kommenden Jahren. "Wir wollen Marktanteile hinzugewinnen", gibt Vorstandsvorsitzender Ulrich Weiß die Richtung vor. Ein wesentlicher Punkt dabei: Die Bank will ihr genossenschaftliches Profil stärker herausstellen.

HENRIK SAUER

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NÜRTINGEN Neue Wege geht die Bank in diesem Zusammenhang bei der Wahl der Vertreter. Erstmals sind die rund 46 000 Mitglieder aufgerufen, ihre Vertreter in einer ortsbezogenen Persönlichkeitswahl zu bestimmen. Sie ersetzt die seitherige Listenwahl, bei der alle Mitglieder im gesamten Geschäftsgebiet nur die Möglichkeit hatten, einer einzigen Vorschlagsliste mit 500 Vertretern zuzustimmen. Ein demokratischeres Verfahren also, das für Ulrich Weiß "eine absolute Notwendigkeit ist, wenn man die Rechtsform der Genossenschaft so leben will, wie es von den Gründern gewollt war". Bisher praktizierten nur wenige Genossenschaften dieses Verfahren.

"Wir wollen einen persönlicheren Bezug herstellen zwischen den Mitgliedern und den Vertretern", ergänzt Vorstandskollege Dieter Helber. Die Vertreter werden alle vier Jahre gewählt und stimmen in der jährlichen Versammlung über Jahresabschluss ab, Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat, Verwendung des Reingewinns sowie über Satzungsänderungen. Die Versammlung wählt außerdem den Aufsichtsrat.

Bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen will man die Vertreter künftig aber auch darüber hinaus stärker in wichtige Entscheidungen miteinbeziehen, so Helber. Bei den Filialschließungen im vergangenen Jahr habe man dies bereits praktiziert und die örtlichen Vertreter hinzugezogen, und auch bei Produktent-wicklungen. Mit örtlichen Beiräten und Mitgliederversammlungen solle zusätzliche Nähe zu den Mitgliedern und Kunden geschaffen werden.

Generell wolle man die Mitgliedschaft als zentrales Merkmal einer Genossenschaftsbank in Zukunft noch stärker betonen und damit die regionale Verankerung der Bank unterstreichen, so Helber. Momentan arbeite man an einem "Mehrwert-Programm" für Mitglieder, das voraussichtlich im Herbst kommenden Jahres starten soll. Firmenkunden sollen dafür gewonnen werden, die wiederum Volksbank-Mitgliedern beim Einkauf in ihrem Geschäft oder bei der Inanspruchnahme ihrer Leistungen Vorteile in Form von Zusatzleistungen gewähren sollen. "Davon profitieren am Ende beide Seiten, weil die Kaufkraft der heimischen Wirtschaft zugute kommt", so Ulrich Weiß.

Seit September setzt sich der Vorstand der Volksbank Kirchheim-Nürtingen aus drei Personen zusammen. Nach dem Ausscheiden von Peter Lächler übernahm Ulrich Weiß den Vorsitz im Vorstand. Er ist für die Bereiche Unternehmensfinanzierung, Finanzdienstleistungen, Personal, Marketing und Vorstandssekretariat verantwortlich. Dieter Helber, der weiterhin sein Büro in Kirchheim am Marktplatz hat, deckt den Privatkundenbereich ab. Neben Service und Finanzierung gehören dazu auch Beratung, der mobile Vertrieb, die Immobilienvermittlung und die Vermögensanlage. Harald Kuhn, der vor zwei Jahren von der Sparkasse Konstanz in den Vorstand der Volksbank Kirchheim-Nürtingen wechselte, ist für den gesamten Innenbereich zuständig, mit der Unternehmenssteuerung, Marktfolge, Innenrevision, Organisation und Problemkreditbetreuung.

Damit sei das letzte Fusionsziel umgesetzt, berichtet Weiß. Im Fusionsvertrag war vereinbart worden, dass die Vorstände Hermann Nagel und Peter Lächler aus Nürtingen und Jürgen Sauter aus Kirchheim mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen. Auch die angestrebten Synergieeffekte durch die Fusion seien erreicht worden.

Jetzt richte man das Augenmerk auf die strategische Ausrichtung bis zum Jahr 2008. "Stärkere Marktorientierung" laute das Schlagwort, so Weiß: "Wir wollen uns auf der Vertriebsseite verbessern." Zum Beispiel durch einen mobilen Vertrieb soll dies erreicht werden, der die Kunden zu Hause aufsucht und berät, und die Einrichtung eines Telefoncenters, bei dem ausgebildete Bankkaufleute Bankgeschäfte am Telefon abwickelten, auch über die Schalter-Öffnungszeiten hinaus.

Mit der aktuellen Geschäftsentwicklung ist man im Vorstand zufrieden. Die Kredite seien bis Ende Oktober um 16 Millionen Euro gestiegen (plus 1,9 Prozent). Auf Grund der allgemein schwierigen wirtschaftlichen Lage sei dies eine erfreuliche Entwicklung. Die Kundeneinlagen dagegen gingen um 13 Millionen oder 1,4 Prozent weiter zurück. Ursache sei hier aber hauptsächlich, dass die Kunden ihr Vermögen umschichteten, zum Beispiel in Lebensversicherungen oder Bausparverträge, berichtet Dieter Helber. So seien bis Ende Oktober 25 Millionen Euro bei den Verbundpartnern angelegt worden. "Wenn wir unsere Kundeneinlagen in der Bilanz mit den Einlagen bei unseren Verbundpartnern zusammenfassen, haben sich die Kundeneinlagen dieses Jahr bereits um über zehn Millionen Euro erhöht", so Helber. Bundesweit gehöre die Volksbank Kirchheim-Nürtingen bei den Verbundunternehmen zu den besten Vertriebspartnern.

Auf der Ertragsseite liege man bei Zinseinnahmen, Provisionsüberschuss sowie bei den Personal- und Sachkosten weitgehend im Plan. Ein Unsicherheitsposten sei nach wie vor der Risikoaufwand, berichtet Harald Kuhn. Hier müsse angesichts der weiterhin hohen Zahl von Insolvenzen eine hohe Vorsorge getroffen werden.