Lokales

Eine "Wohnung" aus vier Bauwagen

Eine "Vierzimmerwohnung" auf 16 Rädern in Form von vier Bauwagen steht der Jugend Schlierbachs in der Nähe des Bauhofs zur Verfügung. Dort haben sich Benjamin, Rüdiger, Thomas und ihre rund 50 Freunde häuslich niedergelassen und genießen ihre Freiheit.

JOACHIM KRUG

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SCHLIERBACH Früher waren der Platz vorm Rathaus oder am Schlierbacher See Treffpunkte der Jugend in Schlierbach. Doch hier war sie nicht gern gesehen, immer wieder war es den Anwohnern zu laut und manchmal auch zu dreckig. Die Polizei war ständiger Gast. Da fasste sich 1997 Gemeinderat Kurt Moll (CDU) ein Herz "so kann es nicht weiter gehen" und stiftete den "heimatlosen" Mädchen und Jungen einen ausgemusterten Bauwagen, den sie sich herrichten durften. Den Platz stellte die Gemeinde in der Nähe des Bauhofs zur Verfügung.

Schnell wurde das heruntergekommene Gefährt zum abendlichen Treffpunkt der Jugend Schlierbachs. Mit viel Idealismus wurde es aufgemöbelt und wohnlich hergerichtet. Die dringendsten Anschaffungen wurden durch Umlagen getätigt, Möbelspenden kamen von den Eltern. Seit rund drei Jahren stehen jetzt vier Wohnwagen, jeder in einer anderen Farbe, an der schmalen Straße entlang des Schlierbachs. Ein Wagen ist gewissermaßen das "Kinderzimmer", in dem sich Schlierbachs jüngster Nachwuchs trifft. Die drei anderen Wagen eine "Gaststätte", ein "Wohnzimmer" und "Spielzimmer" steht einer Clique zur Verfügung, in der überwiegend 15- bis 26-Jährige das Sagen haben. Auf Initiative des Jugendforums wurden zwei "Dixi-WCs" aufgestellt, die Gemeinde stiftet inzwischen Strom, mit dem auch geheizt werden darf. Im Rahmen der Bauhoferweiterung ist vorgesehen, dem Gebäude ein von außen erreichbares WC anzubauen.

Auf Anregung von Andrea Kronefeld vom Jugendamt Göppingen steht ein Anhänger bereit, in dem überflüssiger Gruscht abgeladen werden kann. Der Vorteil der Bauwagen ist für die Jugendlichen, dass sie immer offen haben, denn den meisten von ihnen stehen Schlüssel zur Verfügung, mit deren Hilfe sie zu jeder Zeit in die Wagen können. Das ist für viele der Vorteil gegenüber dem Jugendraum, der nur ein Mal die Woche offen ist.

Regelmäßig treffen sich bis zu 20 Jugendliche, überwiegend junge Männer, in ihren Bauwagen, die sie inzwischen wohnlich hergerichtet haben. Wird Geld gebraucht, findet eine Umlage statt, ein Teil des Geldes kommt durch Getränkeverkauf in die meist klamme Kasse. Die vielen inzwischen über 18-Jährigen, deren Autos entlang der Wagen geparkt sind, übernehmen die Verantwortung, auch für die Jüngeren, die meist unter sich bleiben. Die Eltern wissen Bescheid und sehen sich auch regelmäßig um. Eine Mitgliedschaft gibt es bei den Bauwagen-Bewohnern nicht, jeder und jede kann kommen, auch Auswärtige sind oft Gäste, besonders bei Discos, die im Sommer oft im Freien stattfinden.

Die "Bauwagen-Kolonisten" sind keine abgeschottete Gruppe. Viele sind Mitglieder in Schlierbacher Vereinen, besonders bei der Feuerwehr und im Sportverein. Kontakt zum "offiziellen" Jugendraum haben sie kaum, sie wollen in "ihrem Reich" sein, das sie inzwischen überaus gemütlich und geschmackvoll hergerichtet haben. Die meisten von ihnen sind im Beruf, woher sie auch das Know-how für die Pflege und Herrichtung ihrer "Wohnung" haben.