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Einer, der sich traut, aus groovigen Vorlagen Neues zu machen

WENDLINGEN Einen der Höhepunkte des 23. Wendlinger Zeltspektakels konnten sich am Freitagabend rund 450 Besucher reinziehen, ohne von Platzproblemen belästigt zu werden. Stefan Gwildis hatte eine Auswahl seiner mit deutschen Texten neu aufgefrischten Versionen alter Rock- und Soulklassiker mitgebracht und begeisterte damit Jung

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HEINZ BÖHLER

und Alt. Da war es der Abrundung des Abends nur dienlich, dass zuvor schon die Lokalmatadoren von "Soulex" in das gleiche Horn gestoßen hatten. "Halleluja, brothers and sisters, so nice to be here in Wendlingen!" Humor ist eines seiner Markenzeichen, weshalb sich Stefan Gwildis hin und wieder nicht scheut, das prätentiöse Bühnengehabe, einiger seiner sonst wohl respektierten amerikanischen Bühnenkollegen kräftig durch den Kakao zu ziehen. Doch zunächst freute sich die "Soulex"-Sängerin über den Beifall, den die Band für ihre Interpretation von alten Soul-Hits wie "I will survive" oder "Baby Love" ernten konnte.

Nach einer kurzen Umbaupause zeigte sich ein zunächst nur mit Gitarre und Mikrofon bewaffneter, im "sauteuren" Anzug unter leicht angegrauten Schläfen auftretender Herr mittleren Alters auf der Bühne und freute sich zum leise angeschlagenen Blues-Akkordeon darüber, dass so viele Wendlinger und ihre Gäste an diesem Abend nicht vor dem Fernseher sitzen wollten, ja seinetwegen sogar auf den Besuch der frisch eröffneten Erotik-Messe in Sindelfingen verzichtet hätten. Klar, dass er ein solches Verhalten "Halleluja, brothers and sisters" umgehend belohnen musste, was er dann auch ausgiebig tat.

Nun ist Gwildis ja nicht der erste deutsche Musiker, der mit eingedeutschten Hits aus dem angloamerikanischen Sprachraum reüssiert, das taten schon Ted Herold und Peter Kraus vor fünfzig Jahren nicht zu knapp. Doch dass einer sich traut, an dem Kern der Songs selbst, an dem Rhythm-'n'-Blues-Feeling eines Van Morrisson, eines Marvin Gaye oder Billy Preston zu kratzen, ist relativ neu.

Und er belässt es nicht dabei, sondern nutzt die groovigen Vorlagen, um darin etwas ganz Neues zu verpacken, nämlich Lebensgefühle der Unterschichten oder auch einer gewissen Bohème gesamtdeutscher Großstädte. Dabei geht es gar nicht darum, Stefan Gwildis mit den Originalen zu vergleichen, mit Weltstars also, um die sich nach ihrem frühen Ableben Legenden gesponnen haben, wie um Otis Redding, dessen "Dock of the Bay" in Hamburg "Dock Nr. 10" heißt, sondern darum, deutlich zu machen, dass das Schicksal der Underdogs überall gleich ist und im Blues der Afro-Amerikaner eine adäquate Ausdrucksform gefunden hat.

"Ain't no mountain high enough" hat Stefan Gwildis, wie er sagte, unter dem Eindruck des Elbhochwassers in "Wir ham noch jeden Berg geschafft" umgedeutet, als Appell an Solidarität und ein leidenschaftliches Herangehen an eine Aufgabe. Auch die Bewältigung der Probleme, die mit dem Mauerfall über Deutschland hereingebrochenen sind, hat Stefan Gwildis thematisiert: "Papa will hier nich' mehr wohn'" bettet das Schicksal eines Stasi-IM in den Sound von "Papa was a Rolling Stone" dem sicherlich größten Hit der "Temptations".

Gwildis hat den Blues, kein Zweifel, zumindest in der Stimme. Da irritiert ein wenig, dass er seinen Interpretationen von Songs, die durch Joe Cocker zu Chartbreakern wurden, immer noch künstlichen Reibeisenklang aufpresst. "Lass ma' ruhig den Hut auf" muss keineswegs wie Cocker klingen, um Gwildis 'rüber zu bringen.

Doch am besten klingt Stefan Gwildis, wenn das Material, das er singt, den Dreh ins kompliziertere Gelände des Jazz gewinnt. Mit gekonnt eingesetzten Scat-Licks und einer unangreifbar wirkenden Tonsicherheit auch bei etwas schwierigen und engen Harmonien kommt er durch die städtische Mondlandschaft, auch wenn der Trabant bei ihm statt über Stings "Bourbon Street" über Hamburg steht.

Immer sicher und manchmal spektakulär virtuos begleitet von einer Band, die sich seinem Auftritt bedingungslos unterordnet, hält Gwildis sich in vielen Texten erstaunlich nah am englischen Original. So finden die Themen "Fremdgehen" in "Me and Mrs Jones" von Billy Paul und "Beziehungskiste", wie sie Marvin Gaye einst in "I heard it through the Grapevine" besungen hat, ihre Entsprechungen in "Sie lässt mich nicht mehr los" und "Das kann doch nicht dein Ernst sein".

In Wendlingen jubelte man dem späten Newcomer enthusiastisch zu, vor allem wenn er seine Mitmusiker immer wieder in Szene setzte, wie die beiden Keyboarder Ralf Schwarz, der sich um die Vintage-Sounds ("is'n Fachausdruck und meint die "alten Klänge") kümmerte, und Matze Kloppe, der schon auch mal statt den Synthie zu betasten, in die Melodica blies.

Für Furore sorgten allerdings besonders die gekonnt vorgetragenen Soli von Gitarrist Mirko Michalzik und Achim Rafain mit seinem E-Bass, wofür eine besonders ausgedehnte Version von Stephen Stills' "Love The One You're With" ausreichend Raum bot. Bei Stefan Gwildis heißt der Song aus der Hippiezeit der freien Liebe: "Bleib so wie du bist". Nachdem der Hamburger Sänger sein Publikum auf "Dock Nr. 10" in seinen Heimathafen entführt hatte, und einer Zugabe ("Sie ist so süß, wenn sie da liegt und schläft") verabschiedete sich der Barde mit einer zur Akustikgitarre vorgetragenen Version von "You are so beautiful", auch mal von Joe Cocker bekannt gemacht und auf deutsch "Du bist so wundervoll" unter noch lange anhaltendem Beifall.