Lokales

Eines der wichtigsten Kulturgüter des Abendlands

KIRCHHEIM Am Karfreitag 1729 wurde Bachs Matthäus-Passion zur Todesstunde des Herrn in der Leipziger Thomaskirche zum ersten Mal aufgeführt. 278 Jahre später, am 6. April, erklingt dieses musikgeschichtlich einzigartige Werk zur selben Zeit um 15 Uhr in der Kirchheimer Martinskirche. Die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs gehört heute zu den wichtigsten Kulturgütern des christlichen Abendlandes. Das liegt sicher auch daran, dass durch die, bis hinein ins Zeitalter der Romantik als "neu" empfundene Musik Bachs, die Leidensgeschichte Jesu in einer bisher nie gekannten Art und Weise plastisch veranschaulicht wird.

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Das Publikum wird regelrecht in die Verstrickungen von Schuld (Judas/Petrus) und Intrigen (das Volk), von Machtschiebereien (Pilatus/Hoher Rat) und ganz subjektiv empfundenen Gewissensqualen (die salbende Frau in Bethanien) hineingezogen. Wie ein Knäuel scheinen sich die Fäden um die Hauptperson, Jesus von Nazareth, unbarmherzig zuzuziehen, bis sich nicht nur für ihn die Lage ausweglos bis hin zum Kreuzestod zuspitzt, sondern auch die an dieser Zuspitzung beteiligten Personen an ihren Seelenqualen zugrundezugehen drohen. Die von inneren Spannungen durchzogene Musik Bachs lässt auch den Zuhörer nicht teilnahmslos außen vor, sondern nimmt ihn über die überwiegend bekannten Kirchenchoräle tief in die Handlung mit hinein.

Erst mit der Grablegung Jesu scheinen sich die inneren Kämpfe und Krämpfe langsam zu lösen. Die Musik wird beruhigter, die Handlung entspannt sich und bei der berühmten Abendszene "Am Abend, da es kühle ward" wähnt man sich durch das dargestellte Rascheln des Abendlaubs und die nachgezeichneten Wellenbewegungen beinahe wie in einer Naturidylle. Der wiegende Pastoralrhythmus in der letzten Arie "Mache dich, mein Herze, rein" lässt an das Zitat Jesu bei der Auferweckung der Tochter des Jairus denken: "Weint nicht, das Kind schläft nur!" Das Knäuel der inneren Verstrickungen, das die am Passionsgeschehen beteiligten Akteure selbst nicht mehr entwirren können, löst sich peu a peu wie von selbst in Ruhe ("Ruhe sanft, sanfte Ruh!") und Harmonie auf. Selbst im letzten Akkord dieses gigantischen Werks mutet Bach seinen Zuhörern noch eine sich erst im letzten Augenblick auflösende Dissonanz zu.

Bei der Kirchheimer Aufführung an Karfreitag kommt es zu einer besonderen Kooperation der Martinskirchengemeinde mit der Musikschule Kirchheim. Mitglieder des Musikschul-Jugendchors (Leitung: Bertram Schattel) musizieren zusammen mit dem Chor an der Martinskirche und dem Schwäbischen Kammerorchester (Leitung: Matthias Baur). Als Solisten sind Isabelle Müller-Cant (Sopran), Cecilia Tempesta (Alt), Robert Morvai (Tenor), Matthias Baur (Bass) sowie in den Nebenrollen Mitglieder der Gesangsklasse der Musikschule zu hören. Die Gesamtleitung hat Bezirkskantor Ralf Sach.

Karten sind bei der Evangelischen Kirchenpflege, Widerholtplatz 4, in Kirchheim, oder an der Abendkasse erhältlich. Am morgigen Samstag, 24. März, verkaufen der Chor an der Martinskirche und der Freundeskreis Kirchenmusik außerdem in der Zeit von 10 bis 12 Uhr an einem Stand vor der Volksbank Karten für dieses Konzert.

rs