Lokales

"Einfach mal wieder miteinander raus können"



RUDOLF STÄBLER

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KIRCHHEIM Walter Titze stammt aus Reichenbach/Schlesien und ist dort im Mai 1921 auf die Welt gekommen. Seine Frau Hildegard, geborene Prause wurde nur ein paar Monate später sozusagen ein Dörfchen weiter in Schweidnitz geboren. Beide haben in derselben Firma gearbeitet. Er war mit der Herstellung von Elektrozählern beschäftigt und seine Hildegard war Telefonistin und so wurde der berufliche Alltag zum "Ehestifter". Bereits vor der Hochzeit hat Walter Titze ein Bein verloren. Mit gerade mal 22 Jahren ereilte ihn dieser Schicksalsschlag in Russland.



Als die beiden 1944 heirateten, fanden sie eine Wohung in Schweidnitz. Doch dies sollte nicht lange dauern. Nach dem die Front immer näher rückte, wurde Schweidnitz zur Festung erklärt und mit dem Lazarettzug sollte es nach Dresden gehen. Nach einem nächtlichen Halt in einem Bahnhof war am anderen Tag die Lok vom Zug verschwunden. "Das war großes Glück für uns", erinnert sich Hildegard Titze. Am geplanten Ankunftstag in Dresden wurde die Stadt durch einen verheerenden Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt. Dann traf die jungen Leute ein erneuter Schicksalsschlag. Auf der weiteren Flucht bekam die erst zwei Monate alte Tochter eine Lungenentzündung und da keine ärztliche Hilfe zu bekommen war, musste sie sterben. Später bekam das Jubelpaar nochmals vier Töchter, die bisher für acht Enkel und fünf Urenkel verantwortlich sind. Dabei leben die Töchter mit ihren Familien alle nicht weit weg von Kirchheim und können Mutti auch mal im Haushalt unterstützen. Hildegard Titze ist sich sicher: "Ohne meine Kinder könnte ich das alles nicht schaffen."



Weitere Lebensstationen waren Waiblingen, Gschwend, Ludwigsburg und Walter Titze arbeitete trotz seiner Kriegsverletzung schließlich bis 1978 bei der Firma Junkers in Wernau. Seit 17 Jahren genießen die beiden ihren Lebensabend im Hohenbolweg 17 in Kirchheim und sind trotz aller Widrigkeiten mit ihrem Leben ganz zufrieden. Nur raus kommt Walter Titze seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Beinprothese muss städnig verändert werden und einen Wagen, um die Treppe zum ersten Stock überwinden zu können, hat er auch nicht. So genießt er eben den Blick vom Balkon und erinnert sich noch gern an seinen letzten Urlaub. "Mit 65 haben wir mit drei Enkeln noch Ferien in Österreich gemacht, das war anstrengend, aber hält jung" ist er sich sicher. So gibt es bei den Titzes beim Ehejubiläum eigentlich nur den Wunsch nach mehr Gesundheit und auch Beweglichkeit. Ein wenig raus wollen sie schon gern einmal wieder miteinander.

Das Ehepaar Titze blättert im Familienalbum und erinnert sich gerne. Das letzte große Fest haben die beiden gefeiert, als sie gemeinsam ihren 80. Geburtstag feierten.

Foto: Jean-Luc Jacques