Lokales

Einflussreiche Sprachrohre

Die Selbsthilfegruppen sind aus dem Alltag längst nicht mehr wegzudenken

Für die einen bieten sie die Möglichkeit zu zwangloser Geselligkeit, dem anderen vermitteln sie handfeste Tipps: Selbsthilfegruppen umfassen ein breites Spektrum. Betroffene, die sich an eine Selbsthilfegruppe wenden, können sicher sein, auf Verständnis und freundliche Aufnahme zu stoßen. Auch für die Stadt und die Krankenkassen sind Selbsthilfegruppen längst nicht mehr wegzudenkende Ansprechpartner.

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Irene strifler

Kirchheim. „Selbsthilfegruppen sind wichtige Säulen im Gemeinwesen“, bringt es Roland Böhringer, Leiter des Amtes für Familie und Soziales in Kirchheim, auf den Punkt. Er betont die Bedeutung der Selbsthilfegruppen als Sprachrohre ganzer Bevölkerungsgruppen bei der Stadtplanung.

Das fängt bei scheinbaren Kleinigkeiten an. So gilt es zum Beispiel gut abzuwägen, ob ein Areal mit einer dicken weißen Linie umzeichnet werden soll. „Für sehbehinderte Menschen ist das sehr gut, für Parkinson-Kranke stellt solche ein Strich dagegen eine nahezu unüberwindbare Barriere dar“, weiß Roland Böhringer aus zahlreichen Gesprächen mit Vertretern der jeweiligen Selbsthilfegruppen. Entstanden aus der Mitte der Bürgerschaft, sind diese Gruppen nicht nur wichtige Ansprechpartner vor Ort, sondern auch auf Bundes­ebene. Nicht selten nehmen sie sogar Einfluss auf die Forschung. Längst sind sie ein wesentliches Element im Gesundheitswesen.

Aus diesem Grunde ist die Unterstützung der Selbsthilfegruppen seit diesem Jahr eine Pflichtaufgabe der Krankenkassen geworden. „In vielen Fällen stellen Selbsthilfegruppen ein wichtiges zusätzliches Standbein für Patienten dar“, berichtet Markus Traub aus seiner Erfahrung. Der AOK-Vertreter steht für die Selbsthilfekontaktstelle für den hiesigen Raum und ist in dieser Funktion Ansprechpartner für alle Versicherten. Bei Bedarf gibt er Tipps, hilft beim Aufbau von neuen Gruppen, stellt Kontakte her oder hilft bei der Entwicklung von Flyern und ähnlichem.

Rund 300 verschiedene Selbsthilfegruppen sind im Bereich der Bezirksdirektion Neckar-Fils der AOK tätig. Zu den bekanntesten gehören die Lebenshilfe oder der Blindenverband, der jetzt sein 85-jähriges Bestehen feierte. Aber auch ganz junge und ganz unbekannte Gruppen sind dabei, etwa die Schmerzgruppe oder Grüppchen für ganz spezielle Krankheiten. Meist entsteht eine Selbsthilfegruppe dann, wenn ein engagierter Betroffener seinesgleichen sucht. Es handelt sich um Angebote für weitere Betroffene und deren Angehörige. Manchmal gibt es auch extra Gruppen für Angehörige, etwa für die Angehörigen alkoholkranker Menschen. „Betroffene übernehmen trotz ihres Handicaps die Organisation für andere Betroffene“, zollt Roland Böhringer den Initiatoren der Gruppen großen Respekt. Manchmal kann diese Aufgabe nämlich schwer werden, vor allem dann, wenn die Kräfte nachlassen.

Traub und Böhringer haben gemeinsam mit hiesigen Selbsthilfegruppen einen Workshop ins Leben gerufen, bei dem die Bedürfnisse der Gruppen und ihre Wünsche abgeklärt wurden. „Wo drückt der Schuh?“ lautete die übergeordnete Fragestellung. „Wer eine Gruppe initiieren oder leiten will, der muss sich in der Stadt aufgenommen und willkommen fühlen“, erläutert der Sozialamtschef weiter, weshalb der Stadt ein gutes Miteinander so wichtig ist.

Viele der etablierten Selbsthilfegruppen haben ganz ähnliche Probleme. Die AMSEL-Kontaktgruppe für Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, und auch die Parkinson-Gruppe, wünschen sich Unterstützung im Management und auch Begleitung zu Veranstaltungen. Das ist natürlich auch beim Blindenverband ein wichtiges Thema. Hier sind beispielsweise schon eine Menge helfender Hände vonnöten, wenn ein Kaffeenachmittag über die Bühne gehen soll. Eher Unterstützung im verwaltungstechnischen Bereich sucht die Osteoporose-Gruppe. Sie bietet diverse Gymnastik-Gruppen an und hat einen erheblichen Verwaltungs- und Abrechnungsaufwand zu schultern.

„Es wäre schön, wenn sich Menschen finden würden, egal ob Betroffene oder nicht, die mitmachen und helfen“, meint Roland Böhringer. Angedacht wurde auch schon mal, eine Art Helferpool zu gründen, bei dem sich beispielsweise Ehrenamtliche für gelegentliche Begleitungen bereiterklären, egal in welcher Gruppe. Wer sich zu einer Gruppierung besonders hingezogen fühlt, kann sich natürlich auch ausschließlich dort engagieren. Wie überall bietet das Ehrenamt mannigfache Möglichkeiten. Und wie überall ist es auch bei den Selbsthilfegruppen so, dass sie auf den Einsatz engagierter Ehrenamtlicher angewiesen sind.

Wer die Kirchheimer Selbsthilfegruppen unterstützen oder Kontakt zu einer bestimmten Gruppe aufnehmen möchte, kann die Telefonnummer 0 70 21/502-364 im Kirchheimer Rathaus anrufen und wird dort an die richtige Stelle weitervermittelt.