Lokales

Einnahmerückgang gefährdet Existenz

Mit dem Appell, den Zuschuss für Pro Familia in bisheriger Höhe beizubehalten, hatte sich Dr. Brigitte Schmitt an die Mitglieder des Kirchheimer Finanz- und Verwaltungsausschusses gewandt. Heute fällt in öffentlicher Sitzung die Entscheidung darüber, wie sich Kirchheim verhält, nachdem Nürtingen den Zuschuss an diese Einrichtung gestrichen und Esslingen seinen bisher gewährten Zuschuss auf die Hälfte reduziert hat.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Von Jubiläumsstimmung kann ein Jahr vor dem inzwischen mit ernsten Fragezeichen versehenen 25-jährige Bestehen von Pro Familia keinesfalls die Rede sein. Von Nürtingen ganz aus der Zuschussliste gestrichen und von Esslingen auf die Hälfte des bisherigen Zuschusses reduziert, kann die schon lange gegen die "Bugwelle der Unterdeckung" um das Überleben kämpfende Beratungsstelle Pro Familia mit Sitz in Kirchheim derzeit nur noch auf ein positives Signal aus der Teckstadt hoffen.

Den Zuschuss der Stadt nicht ebenfalls um 50 Prozent zu reduzieren lautete daher auch der dringliche Appell, den die Leiterin der Beratungsstelle, Dr. Brigitte Schmitt, an die Mitglieder des Finanz- und Verwaltungsausschusses des Kirchheimer Gemeinderats richtete. Die Kirchheimer Einrichtung ist eine von insgesamt 18 Pro-Familia-Beratungsstellen in Baden-Württemberg und eine von vier anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen im Landkreis Esslingen. Diese "Anerkennung" wird alle drei Jahre vom Sozialministerium neu überprüft. Die Zahl der Konfliktberatungen lag im vergangenen Jahr bei 270, wobei ein großes Thema die Konfliktberatung von Minderjährigen war. Der Anteil junger Frauen unter 18 Jahren lag nach Auskunft von Dr. Brigitte Schmitt bei 5,6 Prozent. Die Zahl der Minderjährigen, die sich nach der Schwangerschaftsberatung und der ebenfalls angebotenen Finanziellen Hilfsberatung entschieden, die Schwagerschaft auszutragen, hat gegenüber den Vorjahren klar zugenommen.

Der Trend hält auch in diesem Jahr weiter an. Nachdem mit dem bewährten Mutter-Kind-Programm die laut Dr. Brigitte Schmitt "bisher beste Art der Unterstützung für allein Erziehende ausläuft" und seit Januar dieses Jahres keine Neuaufnahmen mehr erfolgen, wurde eine Gruppe für junge Schwangere initiiert. Alle jungen Frauen, die bei Pro Familia in der finanziellen Hilfeberatung waren, wurden daher angeschrieben und haben alle auch Interesse an einem Gruppentreffen signalisiert.

Im Rahmen der Beratungen zum Schwangerschaftskonflikt kommen immer wieder auch Themen an die Oberfläche, die dann zu weiteren Beratungsgesprächen führen. Dazu gehört neben der Familienplanungsberatung und der Information über Verhütungsmittel auch die Kinderwunschberatung für Paare, die sich nicht unbedingt sofort der medizinischen Maschinerie der künstlichen Befruchtung überantworten wollen, oder die Ehe-, Partnerschafts- und Sexualberatung.

Der dritte große Arbeitsbereich, dem sich Pro Familia verschrieben hat, sind die Themen Prävention oder Sexualpädagogik. Ziel der Arbeit in diesem ebenfalls viel Raum einnehmenden Bereich ist es, die Zahl ungewollter Schwangerschaften und möglicher Schwangerschaftsabbrüche zu verringern, aber auch Jugendliche durch entsprechende "Aufklärungsarbeit" vor Missbrauch, Übergriffen oder anderen negativen Erfahrungen zu schützen.

Schulen, Jugendgruppen oder auch Einrichtungen für Jugendliche melden hier Bedarf für Aufklärungs- oder Lehrerfortbildungsveranstaltungen im Bereich Sexualpädagogik oder aber auch für die Teilnahme von Pro Familia an Projekttagen an. Insgesamt 28 solcher Veranstaltungen konnten im vergangenen Jahr angeboten werden. Ein großer Bereich der Präventionsarbeit wird auch durch die Internetberatung abgedeckt, an der neben Dr. Brigitte Schmitt bundesweit über 50 weitere Berater tätig sind.

Neben einer seit Anfang des Jahres laufenden Planung einer Zusammenarbeit mit der Werkstatt Esslingen Kirchheim (W. E. K.), mit dem Ziel der Gestaltung eines Fachtages sowie sexualpädagogischer Arbeit mit den Eltern behinderter Menschen und mit den Betroffenen selbst, bietet Pro Familia auch vielfältige Gruppenangebote an, die vom Abend für Eltern von Kindern in der Pubertät über Veranstaltungen an der Familienbildungsstätte bis hin zu Schulaufführungen eines Präventionsstückes reichen.

Nachdem Pro Familia bis 2003 zu 65 bis 70 Prozent durch Zuschüsse von Land, Kreis sowie von den Städten Kirchheim und Nürtingen finanziert wurde, zeichnet sich seit dem vergangenen Jahr ein Rückgang der Eigeneinnahmen ab, da keine Stiftungsgelder mehr eingehen und die Einnahmen durch die angebotenen Beratungen weiterhin rückläufig sind.

Viele könnten es sich "schlicht nicht mehr leisten, etwas für eine Beratung zu bezahlen", lautete die abschließend formulierte Erkenntnis von Dr. Brigitte Schmitt, die um den Fortbestand der Kirchheimer Beratungsstelle Pro Familia bangt und hofft, dass sich die Gremiumsmitglieder heute gegen eine Reduzierung des städtischen Zuschusses um 50 Prozent auf rund 9 569 Euro aussprechen werden.