Lokales

Einschlafstörungen, Depressionen und Schamgefühl

KIRCHHEIM "Ich bin 53 Jahre alt, geschieden und lebe alleine. Meine Söhne aus der gescheiterten Ehe sind inzwischen 17 und 19 Jahre alt. Da sie noch in Ausbildung sind, sind sie wirtschaftlich noch unselbstständig und auf meine Unterstützung angewiesen. Meine Schulden entstanden durch die Ehescheidung. Ich alleine konnte unser Haus nicht mehr weiterfinanzieren und es musste weit unter Wert verkauft werden. So blieben mir 50 000 Mark Schulden. Nach meiner Scheidung war das Verhältnis zu meiner Ex-Frau sehr angespannt und es folgte eine sehr unschöne Unterhaltsauseinandersetzung, in deren Verlauf ich meinen damaligen Handelsvertretervertrag verloren habe. Aus der Not geboren, machte ich mich in meinem Beruf selbstständig ohne ausreichendes Eigenkapital. So kam eins zum anderen und meine Schulden wuchsen noch mehr an.

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Im Jahr 2002 verkaufte ich meinen Betrieb, um als Angestellter in einem anderen Bundesland weiter zu arbeiten. Grund für den Umzug war eine neue Beziehung, die mir sehr viel Hoffnung gab. Ich war sicher, meine Schulden in den Griff zu bekommen und ein neues Leben anfangen zu können. Wie gesagt, ich ging einer Außendiensttätigkeit nach. Sehr wichtig ist dabei der Kontakt zu den Kunden. Obwohl ich sehr offen bin und auf Menschen zugehe: Mit der Mentalität kam ich nicht zurecht. Meine Verkaufserfolge waren nicht so hoch wie sie hätten sein müssen, obwohl ich viele Stunden am Tag unterwegs war. Das Einkommen war rückläufig die Unterhaltsverpflichtungen und sonstige Kosten stiegen. Oftmals habe ich während meiner Tätigkeit im Außendienst Schwierigkeiten gehabt, die notwendigen Betriebsmittel aufzubringen.

Ich wurde aus Verzweiflung immer verschlossener. Meine Beziehung hielt dieser Belastung nicht stand. Im Jahr 2003 habe ich dann beschlossen, zur Schuldnerberatung zu gehen. Nach den Beratungen dort habe ich entschieden, das Insolvenzverfahren zu beantragen. Damals beliefen sich die Schulden auf rund 80 000 Euro. Ich wusste, dass keine rosigen Zeiten auf mich zu kommen, denn das Insolvenzverfahren löst in der Versicherungs- und Bausparbranche den Verlust des Arbeitsplatzes aus. So auch bei mir. Auf dem Arbeitsmarkt habe ich trotz 27-jähriger Berufserfahrung in meinem Beruf keine Chance, da die EU-Vermittlerrichtlinien eine Beschäftigung so lange verbieten, bis die Wohlverhaltensphase abgelaufen ist. Daher arbeite ich heute als Taxifahrer.

Bei anderen Arbeitgebern habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie eine Einstellung ebenfalls ablehnen, weil die Abtretung der pfändbaren Bezüge den Treuhänder einer Pfändung entspricht. Dies ist nicht sehr ermutigend. Auf Grund der Schulden beziehungsweise des Insolvenzverfahrens hatte ich Schwierigkeiten, eine neue Wohnung zu finden, da die meisten Wohnungsbaugesellschaften oder größeren Vermieter mit der Schufa oder anderen Auskunfteien zusammenarbeiten. Ein Eintrag dort ist also auch ein Ko-Kriterium bei der Wohnungssuche. Gleichfalls gab es erhebliche Schwierigkeiten, einen Telekommunikationsanschluss zu erhalten. Ein Anbieter lehnte einen Anschluss kategorisch ab, die Telekom forderte eine sehr hohe Sicherheitsleistung.

In meiner Freizeit versuche ich mich durch kostenneutrale Aktivitäten zu beschäftigen wie spazieren oder lesen. Meine Freunde? Bekannte und Angehörige wissen von meinen Schulden. Ein Teil der so genannten Freunde und leider auch einige Familienangehörige haben sich daraufhin zurückgezogen. Neue Beziehungen ergeben sich nicht, da ich kaum in der Lage bin, rauszugehen und Bekannt-schaften zu schließen. Da mein jetziges Einkommen gerade ausreicht, um die Grundbedürfnisse zu decken, lebe ich immer noch sehr angespannt. Daher leide ich nach wie vor unter Einschlafstörungen, Depressionen, Schamgefühl und anderen psychosomatischen Symptomen. Aber ich bin überzeugt davon, dass ich nach Abschluss der Wohlverhaltensphase und der Restschuldbefreiung ruhiger und gesünder leben kann."

sb