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Einst liebreizend und anmutig, später nackt und mit ...

"Wie Frauen sich sehen" mit einer Diashow unter dieser Überschrift stellte Griselde Walter bei einer Veranstaltung des Landfrauenvereins Neidlingen Selbstbildnisse von Künstlerinnen der vergangenen fünf Jahrhunderte vor. Griselde Walter ist Absolventin der freien Kunstakademie Nürtingen und hat eine Vorliebe für Biografien.

BERENIKE NORDMANN

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NEIDLINGEN Selbstporträts von Frauen waren in der frühen Kunstgeschichte eher selten, wie Griselde Walter den Zuhörerinnen erläuterte. Bis in die jüngste Vergangenheit war die Welt der Malerei eine Männerdomäne, denn bis auf wenige Ausnahmen war Frauen der Weg zur künstlerischen Bildung verwehrt. Wenige Frauen konnten an Akademien lernen und nur eine geringe Anzahl wurde von ihren Vätern unterrichtet.

Im Mittelalter bot sich talentierten Künstlerinnen die Möglichkeit, in Klöstern religiöse Handschriften zu verfassen, in denen auch erste Selbstbildnisse zu finden sind. Ein solches Selbstportät gibt es in Boccaccios Schriftensammlung über berühmte Frauen in einer Ausgaben von 1404.

Während der Renaissance verlangte es die Etikette, dass sich Frauen auf ihren Selbstbildnissen schicklich darstellten. Das heißt, sie mussten aufrecht sitzen, und es war verpönt zu winken oder gar zu lächeln. Die Künstlerin Artemisia Gentileschi, deren Leben in dem Film "Artemisia" biografiert wurde, war eine der wenigen Frauen, die im 16. und 17. Jahrhundert in den Genuss einer künstlerischen Ausbildung kamen. Zunächst vom Vater unterrichtet, wurde sie später von einem Lehrer in perspektivischem Zeichnen weitergebildet. Angeblich führte die Bekanntschaft der beiden zu einem Liebesverhältnis, das tragisch endete. Nach ihrem Vorbild Caravaggio entdeckt man in Gentileschis Werken ihre Vorliebe für Dramatik.

Im ausgehenden 17. Jahrhundert verewigte sich die erst zwölfjährige Zeichnerin Anna Waser auf einem Selbstporträt. Das junge Mädchen zeichnete sich selbst in einer Schweizer Tracht und berücksichtigte auch ihren Lehrer auf dem Gemälde, der ihr Talent schon früh förderte.

Ein Jahrhundert später wurde Elisabeth Vigée LeBrun 1755 in Paris geboren. Mit 15 Jahren zeichnete sie bereits professionell, war die Lieblingsmalerin von Marie Antoinette, wurde in die Académie Royale in Paris aufgenommen und porträtierte den europäischen Hofadel. Im Zuge des Mutterschaftskultes während der Aufklärung, stellte sie sich auf einem Porträt mit ihrer kleinen Tochter dar. Allerdings war es damals noch immer die Norm, Frauen liebreizend und anmutig zu präsentieren eine Maske, hinter der viele Frauen ihre Intelligenz verbergen mussten.

Diese Tatsache spiegelt die gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen der vergangenen Jahrhunderte wider. Frauen sollten makellos dargestellt werden, sie durften die Haare auf Gemälden nicht offen tragen, den Mund nicht geöffnet haben und auch die Beine nicht übereinanderschlagen. Bei Männern war ein anrüchiger Ruf jedoch von Vorteil, er förderte ihre Karriere.

Im 19. Jahrhundert öffneten immer mehr europäische Schulen Frauen die Türen. England spielte dabei eine Vorreiterrolle. In diesem Jahrhundert zeichnete sich die Polin Anna Bilinska während einer Arbeitspause. Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen stellte sie sich weniger idealistisch, nämlich mit wirrem Haar und Schürze, dar.

Im darauf folgenden Jahrhundert wurden die Künstlerinnen immer unabhängiger und auch freier in ihrer Themenwahl. Sexualität, Schwangerschaft und Krankheit spielten eine Rolle, Surrealismus und Selbsterforschung sowie experimentelles Zeichnen standen im Vordergrund. Gabriele Münter, die mit ihrem Lebensgefährten Wassily Kandinsky zur Künstlergruppe "Blauer Reiter" gehörte, fertigte unter anderem ein Selbstbildnis an, das sich durch großzügige Pinselstriche und den Verzicht auf Details auszeichnet.

Neu waren nun auch Aktselbstporträts von Malerinnen. Laura Knight porträtierte sich 1913 gleich doppelt auf einem Bild als Akt und Gillian Melling karikierte sich 1992 nahezu auf einem Selbstbild, das sie nackt und schwanger vor ihrer Staffelei zeigt. Käthe Kollwitz stellte sich so dar, wie sie war: Sie berücksichtigte, ohne zu verschönen, ihren Alterungsprozess und ihre markanten Gesichtszüge.

Der Surrealismus hingegen bot die Möglichkeit, geheimnisvolle Traumtiere in die Porträts zu integrieren, so wie es Leonora Carrington oder Dorothea Tanning taten. Nicht zu vergessen ist Frida Kahlo, deren Bilder ihren seelischen und körperlichen Schmerz widerspiegeln. Aufgrund eines Unfalls war sie auf ein Korsett angewiesen. Die Mexikanerin bildete sich etwa mit Tränen im Gesicht und Nägeln in der Haut ab.

Auch auf Fotografien, in Videoinstallationen und der Objektkunst thematisierten Künstlerinnen ihre Weiblichkeit. So bietet Mona Hatoum dem Betrachter den Blick auf ihren Außenkörper, und mit Hilfe einer Magensonde, auch auf ihr Körperinneres.

Griselde Walter, die selbst schon immer eine Vorliebe für Biografien hatte, wollte bei dieser Veranstaltung ihre Begeisterung weitergeben. "Mich hat dabei fasziniert, wie alles im späten Mittelalter begonnen hat und wie sich die Selbstporträtmalerei über die Jahrhunderte entwickelte", berichtet sie. Die Beispiele zu ihrem Vortrag wählte sie zunächst nach berühmten Persönlichkeiten aus, allerdings durften außergewöhnliche Lebensläufe wie die von Kahlo und Angelika Kauffmann nicht fehlen.

Die Selbstdarstellung auf Gemälden ist jedoch nicht nur ein vielfältiges Genre, sondern die Künstlerinnen geben auch "Einblicke in ihr Ich, und das damalige Leben", so Griselde Walter.