Lokales

Eisbaden ist weit mehr als eine kleine Herausforderung

Auch wenn die Freibäder längst geschlossen haben und die meisten Menschen sich bei den derzeit vorherrschenden Temperaturen nur mit dicker Pudelmütze und Schal vor die Tür wagen, gibt es ganz Unverdrossene, die jetzt nichts lieber tun, als sich in die kalten Fluten zu stürzen. Bekannt ist das Silvesterschwimmen im Bodensee, aber auch an den Kirchheimer Bürgerseen wagen sich Winterschwimmer in die Fluten.

GABY KIEDAISCH

Anzeige

KIRCHHEIM Für Reinhard Müller aus Wendlingen und Wolfgang Scheu aus Nürtingen hat die Badesaison an den Kirchheimer Bürgerseen erst im Herbst so richtig begonnen. Dass man dem ungewöhnlichen Sport Winterschwimmen auch an den Kirchheimer Bürgerseen nachgehen kann, wissen Reinhard Müller und Wolfgang Scheu. Schon seit September bereiten sie sich auf das Baden im kalten Wasser vor. Der Körper soll sich langsam an den Temperaturabfall gewöhnen. Auch Regenwetter hat die beiden nicht davon abgehalten, vier- bis fünfmal die Woche ihrem Hobby nachzugehen.

Während es für den 52-jährigen Reinhard Müller bereits die zweite Winterschwimmsaison ist, hat Wolfgang Scheu diesen Herbst damit begonnen. Die anfängliche Skepsis, wie der Körper mit dem immer kälter werdenden Wasser umgeht, hat sich längst in Wohlgefallen aufgelöst: Missen will er das tägliche Eisschwimmen inzwischen nicht mehr. Neben dem gesundheitlichen Aspekt hat der 53-Jährige das Naturerlebnis beim Winterbaden schätzen gelernt.

Die unberührte Landschaft am frühen Morgen, der Sonnenaufgang, das ist eine faszinierende Atmosphäre, beschreibt Wolfgang Scheu sein Empfinden. Selbst bei ungemütlichem Wetter findet der Architekt Gefallen an der Sache. Natur pur zu erleben ist eine echte Herausforderung, der er sich immer wieder gerne stellt.

Während es im Herbst noch möglich ist, in den Bürgerseen zu schwimmen, ist der Aktionsradius im Winter nicht nur wegen der geschlossenen Eisdecke stark eingeschränkt. Jeden Morgen müssen die beiden Winterschwimmer erst ein paar Meter Eisfläche aufhauen. Auch jetzt bei gerade mal 2,3 Grad Wassertemperatur ist es nicht empfehlenswert, sich im eiskalten Wasser anzustrengen. Richtiges Schwimmen wäre ohne Neoprenanzug kaum möglich, da die Bewegung von Armen und Beinen im eiskalten Wasser eingeschränkt ist.

Was das bedeutet, kann sich jeder unschwer vorstellen. Eisbaden sollte man deshalb nie alleine. Man sollte mindestens zu zweit sein oder in einer größeren Gruppe ins Wasser gehen. Falls doch mal etwas passiert, können die anderen helfend eingreifen. Außerdem macht Winterbaden in Gesellschaft gleich doppelt so viel Spaß.

Vor einem einmaligen Badespaß im eiskalten Wasser, um sich oder der Freundin etwas beweisen zu wollen, ist allerdings abzuraten. Für einen ungeübten Körper könnte das zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen. Auch ist von Wettbewerbssituationen im kalten Nass abzusehen. Maximal drei bis fünf Minuten sollte das ganze Badevergnügen auch für Geübte dauern. Sonst besteht die Gefahr von Unterkühlung. Je nach Körperempfinden ist auch weniger empfehlenswert. Das soll jeder halten, wie er es kann, empfiehlt Reinhard Müller.

Ein bis zwei Minuten bleiben er und Wolfgang Scheu im Wasser. Das reicht. "Ein unbeschreibliches Gefühl", sagt Reinhard Müller. Dann geht es schnell wieder raus aus dem kalten Wasser, um sich kräftig trocken zu rubbeln und in warme Kleidung zu schlüpfen. Der Körper ist nach dem kalten Bad ganz warm, ergänzt Wolfgang Scheu.

Reinhard Müller hat schon seit zwei Jahren keine Erkältung mehr gehabt. Winterbaden härtet den Körper ab und er ist daher weniger infektanfällig. Trotzdem kann man sich eine Erkältung holen. Die läuft dafür flacher ab, weiß Wolfgang Scheu aus Erfahrung. Zudem werden die Blutzirkulation der Haut und der Schleimhäute der Atemwege verbessert. Überhaupt verändert sich das Körperempfinden. Auch zu Hause duscht Reinhard Müller fast ausschließlich kalt. Neben der körperlichen Abhärtung und Vitalität geht es dem Wendlinger darum, die eigenen Grenzen zu erweitern, die beim Winterbaden unzweifelhaft gesprengt werden.

Reinhard Müller sieht darin aber auch eine psychische Abhärtung. Dass er nach einem kurzen Bad in den Bürgerseen immer viel gelassener ist, hat Wolfgang Scheu entdeckt und teilt damit die Erfahrungen von vielen Winterschwimmern, die diesen Sport betreiben: Das allgemeine gesundheitliche Wohlbefinden erhöht sich und Stress- und Krisensituationen lassen sich besser bewältigen.

Auf ihr tägliches Ritual freuen sich die beiden jeden Morgen aufs Neue. Lediglich wenn Reinhard Müller am Abend vorher mit seiner Gruppe "Schnarrensack" einen Auftritt hatte und nur wenig Schlaf bekommen hat, verzichtet er auf die morgendliche Winterfrische. Obwohl sie immer sehr früh in die Bürgerseen eintauchen, haben Wolfgang Scheu und Reinhard Müller stets Gesellschaft: Neugierige Enten halten sich in respektvollem Abstand auf. Wenn die beiden Eisschwimmer das aufgeklopfte Wasserloch verlassen, genießen die Enten den offenen See.

Schon heute freut sich Wolfgang Scheu darauf, wenn die Tage wieder länger werden. "Dann schwimmen wir in den Frühling." Auf das morgendliche Erlebnis will er nicht mehr verzichten und sich das ganze Jahr über konsequent ein Bad in den Bürgerseen gönnen. Dass sich Winterbaden auch für Berufstätige gut in den Alltag einbauen lässt, machen Reinhard Müller und Wolfgang Scheu täglich vor. In maximal einer halben bis dreiviertel Stunde mit An- und Abfahrt ist alles erledigt, sagen sie und sind überzeugt: "Man hat einfach einen tollen Start in den Tag, man fühlt sich hinterher frischer und vitaler."

Anfängern raten Wolfgang Scheu und Reinhard Müller, es einfach einmal zu probieren. Man sollte jedoch auf seinen Körper hören. Falls bestimmte Krankheiten vorhanden sind wie Bluthochdruck, Durchblutungs- und Herzrhythmusstörungen oder Nierenerkrankung sollte man das mit dem Arzt abklären. Ansonsten gibt es nach ihrem Dafürhalten keine Bedenken. Man sollte sich aber unbedingt langsam an das kalte Wasser gewöhnen und im Herbst mit dem Baden beginnen. Regelmäßig kalt duschen erhöht dabei die Konditionierung für das Eisschwimmen, und in einen kalten See sollte man prinzipiell nur steigen, wenn noch mindestens eine weitere Person dabei ist.