Lokales

Eltern sollen sich engagieren

„Empfehlung“ heißt es auf dem Papier, Zwang ist es in Wirklichkeit: Die Frage, ob ein Viertklässler künftig auf Hauptschule, Realschule oder Gymnasium geht, entscheidet die Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg verbindlich – und über die Köpfe der betroffenen Eltern hinweg. Ein Problem, über das die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer jetzt mit Eltern und Lehrern in Jesingen sprach. Ihr Rat an die Eltern: „Engagieren Sie sich.”

MICHAEL KRAFT

Kirchheim. „Bildung macht stark” steht über dem Bild eines stattlichen Elefanten, das der Projektor an die Wand des Gemeindehauses Sankt Lukas in Jesingen wirft. Carla Bregenzer, die Frau, die den heimischen Wahlkreis im Stuttgarter Landtag für die SPD vertritt, ist gekommen, um mit Eltern und Lehrern über das zu reden, wobei die SPD große Unzufriedenheit ausmacht: die Grundschulempfehlung, die Entscheidung darüber also, was einem Kind nach der Grundschule offensteht – Hauptschulabschluss, mittlere Reife oder Abitur.

Denn hier in Baden-Württemberg heißt es zwar Empfehlung. „Diese Empfehlung ist aber eigentlich eine Verpflichtung”, kritisiert Carla Bregenzer: Auf welche weiterführende Schule ein Kind geht, entscheidet nicht es selbst und seine Eltern, sondern die Gesamtlehrerkonferenz. Ein Notenschnitt von mindestens 2,5 in Deutsch und Mathematik reicht fürs Gymnasium, 3,0 in beiden Fächern braucht es für die Realschule. Sind die Eltern mit der Entscheidung nicht einverstanden, bleibt nur der Weg über ein Vermittlungsgespräch und eine weitere Prüfung (die ein Großteil der Kinder nicht besteht) den gewünschten Sprung auf Realschule oder Gymnasium doch noch zu schaffen. Vom baden-württembergischen Kultusministerium wollte die Landtags-SPD wissen, wie viele Eltern mit der Empfehlung für Haupt- oder Realschule im vergangenen Jahr nicht zufrieden waren – es war fast ein Drittel von ihnen.

Die jetzige Regelung führt nach Ansicht der SPD schon in der 3. Grundschulklasse dazu, dass Schulkinder unter erheblichem Druck stehen, weil jede misslungene Klassenarbeit um die Aufnahme auf die erhoffte weiterführende Schule zittern lässt. Die verbindliche Grundschulempfehlung soll deshalb nach dem Willen der SPD abgeschafft werden; die Eltern sollen von den Lehrerinnen und Lehrern in der Grundschule zwar umfassend beraten werden, dann aber alleine entscheiden können, welchen Schultyp ihre Kinder im Anschluss an die Grundschule besuchen. „Das Problem ist, dass man den Eltern viel zu wenig zutraut, dass sie wissen, was ihre Kinder können”, sagt Carla Bregenzer in Jesingen und erntet beifälliges Nicken bei ihren Zuhörern.

Zustimmung erhält die SPD-Frau auch für ihren Vorschlag, die Zeit in der Grundschule um zwei Jahre zu verlängern – „die Entscheidung für eine weiterführende Schule fällt viel zu früh” – und für ihr Plädoyer für Ganztagesschulen sowie dafür, mehr Geld für Bildung auszugeben: „Die Investition in Bildung hat die höchste Rendite überhaupt!” Da lässt sie ihre auf Dienstreisen nach China und Indien gesammelten Eindrücke einfließen und schildert, wie massiv in jenen Milliardenvölkern in Bildung investiert werde.

Zudem wirbt Carla Bregenzer in Jesingen ganz allgemein für einen „Bildungsaufbruch in Baden-Württemberg“; Kinder sollen, plädiert die SPD-Abgeordnete, länger gemeinsam lernen, langfristig schwebt ihr sogar eine gemeinsame zehnjährige Schulzeit vor, dann erst die Möglichkeit einer weiteren Spezialisierung.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer in Jesingen nehmen es mit Interesse auf – und fragen nach, wann das Wirklichkeit werden könnte, was Carla Bregenzer ihnen als Vision entwirft. Sehr bald schon, sagt die Abgeordnete und legt den Eltern eigenes Engagement ans Herz: „Sie müssen dafür kämpfen, dass sich was ändert!“ Hilfreich sei, sich mit seinen Wünschen an den Landeselternbeirat zu wenden, dessen Meinung in die Beschlüsse des Landeskultusministeriums einfließt. „Engagieren Sie sich!“, lautet Carla Bregenzers aufmunterndes Schlusswort.

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