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"En dr Erotik send mir Schwoba die reinschte Deifl"

KIRCHHEIM Lag's an dem vielversprechenden Titel der Lesung ". . . kocht han i nix, aber guck wie i dalieg! . . ." oder dem Ruf, den die Schauspielerin Christiane Maschajechi genießt ("Die isch eifach guat")? Jedenfalls geriet die Kirchheimer



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RICHARD UMSTADT

Stadtbücherei ob des Besucheransturms am Freitagabend an die Grenzen ihrer Kapazität.



Es stimmt eben doch. "Sex sells" Sex verkauft sich gut. Auch im Ländle. Dabei trat Christiane Maschajechi im Laufe ihrer szenischen Lesung augenzwinkernd den Beweis an, dass die Schwaben zu Unrecht im Ruf stehen, allesamt prüde und verknöcherte Pietisten zu sein, die nur einmal im Jahr lachen "wenn dr Zins uffm Konto isch". Entgegen aller moralischer Bedenken, Ratschläge und kirchlich erhobener Zeigefinger, setzte sich, Gott sei dank, auch zwischen dem Neckar und dem Bodensee die "Sünde" durch.



Wie kann es auch anders sein, verbirgt sich doch hinter dem täglichen Arbeitsgerät des Prototyps einer kittelgeschürzten, "sexy Schwäbin", wie sie Christiane Maschajechi nachzeichnete, vielerlei Symbolik: Schon allein der Besen ist ein phallisches Gerät und "dr Oimr" die weibliche Entsprechung dazu. Der Kehrwochenoutlook hat es also in sich.



Bereits im Mittelalter sang Oswald von Wolkenstein ein Loblied auf die Schwäbin, deren roter Mund den Minnesänger betörte. Doch es blieb nicht bei der Verbalerotik. Die Synodalen sahen sich 1674 gezwungen, gegen das frevlerisch-sündige Verhalten junger Paare vorzugehen und riefen "Wider das Zusammenschlupfen" auf. Ihr Vorbild war dabei das Genfer Sittengericht. Zwischen den sinnesfrohen Gemeindegliedern und den kirchlichen Sittenrichtern entbrannte ein zäher Kampf, bis schließlich die Lust die Oberhand gewann. Die Bevölkerungsstatistik war gerettet, die Kovente wurden 1891 abgeschafft.



Heutzutage zeigen Teenies ihre erste Liebe in aller Öffentlichkeit, was so mancher Dame den Seufzer entlockt "S'isch nemme dees". Die Frage "wo führt dees no na?" konnte Christiane Maschajechi anhand treffend ausgewählter, amüsanter Texte von Thaddäus Troll über Eduard Mörike bis hin zu Frieder Nögge überzeugend beantworten "ins Bett".



Dass dies freilich nicht immer das eheliche sein muss, zeigte die Geschichte eines Handelsvertreters mit schlechtem Gewissen ("Was isch a guats Gwissa wert?"). Dabei schlich sich bei manchem Zuhörer und mancher Zuhörerin am Ende der Verdacht ein, die Frau des Vertreters könnte mit dessen Chef vielleicht . . . oder doch nicht? Wer weiß? Jedenfalls sind auch die Schwäbinnen nicht "ohne". Vor allem die "Ömannzipierten", die nach dem Lesen des Beipackzettels für Antibabypillen und einer niederschmetternden Analyse des Mannes an sich zu dem Ergebnis kommen: "Dafür muss frau sich nicht vergiften". Dann doch lieber den untreuen Ehemann, der auf dem Sterbebett seiner Babette sein Liebesabenteuer mit der Magd beichtete, worauf ihn seine Frau beruhigte: "Aber Karle, muscht dr nix drbei denka, des han i scho gwisst. Moinscht i hett die umsonscht vrgiftet."



Einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite hatte die Schauspielerin, als sie getreu dem Geständnis "kocht han i nix, aber guck wie i dalieg! . . ." verschiedene Stellungen auf ihrem Sessel testete. Wie sagte doch gleich Thaddäus Troll, der auf gut Schwäbisch verschiedene Liebestechniken sozusagen Erotik für Fortgeschrittene beschrieb: "Sex isch scho a arge Schenderei". Dennoch will der Schwabe "die Liab" nicht missen, bei einem Viertele Wein wird er erst so richtig warm und gluschtich ("lüstern"). Dann könnte er zum Beispiel seine Angebetete fragen "Mach mr Sex odr ess mr liebr a Brezel?" Wobei das schwäbische Nationalgebäck laut Christiane Maschajechi nicht nur ein menschenverbindendes Symbol darstellt, sondern in seiner verschlungenen Form eindeutig von erotischem Charakter ist für Eingeweihte das Geheimzeichen des schwäbischen Kamasutras. Ungeübte sollten sich allerdings dieser Praktiken enthalten.



Mit sichtbarer Spielfreude, Charme und großer Ausdrucksstärke in Mimik und Gestik gelang es dem Mulitalent Maschajechi mit Leichtigkeit, ihre Zuhörerinnen und Zuhörer in die verschiedenen Varianten des schwäbischen Sex' einzuführen.



Fazit der Lesung, die auf ein begeistertes Publikum stieß: "En dr Erotik send mir Schwoba die reinschte Deifl". Deshalb dürfte auch Christiane Maschajechis Aufforderung "Liebet ond vrmehret Euch" zumindest die jungen Schwaben vor keine allzugroßen Probleme stellen.

". . . kocht han i nix", dennoch begeisterte Christiane Maschajechi ihr Publikum in der Stadtbücherei.