Lokales

Endlich ein eigenes Reich: drei Quadratmeter für 50 Mark

"Wenn ich ,Gastarbeiter' höre, bin ich beleidigt. Kirchheim ist meine Heimat, ich lebe hier seit 45 Jahren", sagt Foti Nikolaidis. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Thema "50 Jahre ,Gastarbeiter' in Kirchheim" saß er im Alten Gemeindehaus auf dem Podium zusammen mit Justizminister Ulrich Goll, Moderator Willi Kamphausen sowie mit Vertretern damaliger Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Die "Gastarbeiter" von einst haben die lokale Geschichte der vergangenen 50 Jahre miterlebt und teilweise auch mitgeprägt. Ihre persönliche Geschichte deckt sich häufig mit der ihrer deutschen Nachbarn und Kollegen: Bilder vom ersten Moped oder Auto, von Hochzeiten oder von den Kindern zeigen die normalen Entwicklungsstufen in der wachsenden Wohlstandsgesellschaft der Wirtschaftswunderzeit.

Und doch gibt es auch gravierende Unterschiede: beispielsweise die Fotos vom ersten Schnee oder auch nur die Erinnerungen daran. Diejenigen, die in Kirchheim geboren und aufgewachsen sind, haben ihren ersten Schnee in frühkindlichem Alter erlebt und schon allein deshalb nicht als etwas Besonderes im Gedächtnis speichern können. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, dass die "Gastarbeiter" der ersten Stunde ihre Erlebnisse nur schriftlich der Familie mitteilen konnten. Beigefügte Fotos sollten Glück und Erfolg in der Fremde dokumentieren. Solche Fotos und viele andere Gegenstände, die den einstigen Traum vom schnellen Geld symbolisieren, sind noch bis zum 9. Dezember im Kirchheimer Rathaus zu sehen in der Ausstellung "... und es kamen Menschen".

Da steht ein Koffer: einziges Bindeglied zwischen Heimat und Fremde. In einer Vitrine liegt ein abgegriffenes Buch, eine Art Gebrauchsanweisung für Deutschland. "Der türkische Arbeiter in Westdeutschland", lautet die Übersetzung des Titels. Fahrkarten und Arbeitsverträge hatten die deutschen Firmen damals massenweise an ihre künftigen Arbeitnehmer verschickt. Beides hat Muammer Sari sorgfältig aufbewahrt, im Kirchheimer Rathaus sind die Dokumente derzeit zu bestaunen. Auf dem Arbeitsvertrag steht: "Gilt am Tag des Eintreffens". Formulare für Geldüberweisungen sind in einem anderen Schaukasten ausgestellt: 500 Mark hat Amorim Gouveia vor Jahrzehnten einmal nach Portugal überwiesen. Das war etwas mehr als 6 000 Escudos und in beiden Währungen damals sehr viel Geld. Ein altes Radio, eine italienische Zeitung, Briefe, eine Kassette mit Liedern der türkischen "Nachtigall aus Köln" zeigen, wie die "Gastarbeiter" in Deutschland Beziehungen zur Heimat unterhielten.

Außerdem sind in der Ausstellung Zeugnisse zu sehen, Bilder von Fußball-Mannschaften, von Folkloretanzgruppen samt Originalkostümen sowie die Portäts von fünf verschiedenen Familien, die über drei oder gar vier Generationen hinweg in und um Kirchheim heimisch geworden sind. Den chronologischen Schlusspunkt setzen Trikots von Lado und Manuel Fumic, die ebenfalls den Erfolg repräsentieren, den Einwanderer und ihre Nachkommen in Deutschland erzielt haben.

Die Wirklichkeit war oftmals völlig anders von Erfolg zunächst keine Spur. Erol Keskin erinnert sich an seinen ersten Eindruck von Deutschland: "Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich hatte viele schöne Berichte bekommen. Dann kam ich hierher in die Wohnung meines Onkels: Für meine Begriffe war das nichts." Ähnliche Erfahrungen hat auch Chrisula Malatun gemacht. "Ich bin von Saloniki nach Owen gekommen, also von der Großstadt ins Dorf. In Deutschland hatten wir nur ein Zimmer, und meine Spielwiese war das Bett meiner Eltern."

Im Gespräch mit diesen Zeitzeugen werden die Ausstellungsstücke besonders lebendig und aussagekräftig: Eduardo Sanchez kam vor über vierzig Jahren mit dem Zug vom sonnigen Madrid ins verregnete Wendlingen, und auch ihm erging es nicht viel besser, was die Wohnverhältnisse betraf: In der Dachkammer in Kirchheim gab es keine Isolierung und keinen Ofen und das in einem extrem kalten Winter Anfang der 60er-Jahre. Zudem musste er sich die "Wohnung" mit einem spanischen Ehepaar teilen. Als Trennwand dienten Säcke. Aus verschiedensten Gründen ging Sanchez abends öfter mal aus, um ein Bier zu trinken.

Auch andere erzählen, wie sich drei Ehepaare ein Zimmer teilten oder wie es nur ein Bad für elf Personen gab. Warmes Wasser dagegen floss höchstens in der Küche. Dann kam für manchen die Erlösung: Endlich ein eigenes Zimmer drei Quadratmeter groß, bei 50 Mark Monatsmiete! Hasan Savas hält die Ausstellung im Kirchheimer Rathaus vor allem auch deshalb für wichtig, um den Jüngeren zu vermitteln, was die erste Generation damals auf sich genommen hat: "In den Familien wird wenig darüber gesprochen." Ähnlich äußert sich auch Erol Keskin, der die Trennung der Familien aus der Sicht des Kindes beschreibt: "Ich war fünf Jahre alt, und mein Vater war weg." In den entscheidenden Jahren habe ihm dadurch die Vaterliebe gefehlt. "Darunter leide ich heute noch", sagt er und stellt dann fest: "Man spricht wenig darüber, aber es ist so."

Die Gründe für die Emigration, die ja nicht von Dauer sein sollte, sind vielfältig. Natürlich lockte das Geld, aber auch der bevorstehende Militärdienst in der Heimat ließ es für viele junge Männer reizvoller erscheinen, für ein paar Jahre nach Deutschland zu gehen. Fabio Bertoldi wiederum wollte als 20-Jähriger Deutsch lernen. Er hat in verschiedenen Hotels und Gaststätten gearbeitet und sich schließlich selbstständig gemacht. 30 Jahre lang hat er die Gaststätte "Fass" in Kirchheim betrieben und wurde somit vom Arbeitnehmer selbst zum Arbeitgeber. Seinen Betrieb gibt es immerhin noch im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen, die einst dringend auf die "Gastarbeiter" angewiesen waren und heute vom Markt verschwunden sind.

Für die Arbeitgeberseite berichtete beim Podiumsgespräch beispielsweise Karl-Heinz Lettmann, wie er für die Firma Müschenborn vor 37 Jahren persönlich 30 Arbeitskräfte in Novi Sad angeworben hat: "Wir hatten Aufträge bis unters Dach, tolle Maschinen, großes Know-how. Aber die Menschen haben uns gefehlt. Diese Leute haben hervorragend gearbeitet und der Firma bei der Bewältigung der Aufträge geholfen."

Die Arbeitsintegration hat also funktioniert, bei der Sozialintegration gab es dagegen ganz unterschiedliche Erfahrungen. Wesentlich scheint die Sprachkompetenz zu sein. "Ich spreche Schwäbisch und habe deshalb weniger Integrationsprobleme", sagt Giuseppe Danze. Und Chrisula Malatun, die als erstes "Ausländerkind" in die Owener Grundschule ging und dort "sehr, sehr lieb aufgenommen wurde", nennt einen wichtigen Grund, warum sie sehr schnell Deutsch lernen konnte: "Ich musste ja Deutsch reden, es gab doch gar keine anderen griechischen Kinder."

Bei der Arbeit war die Sprache auch kein Problem, allerdings aus anderen Gründen, wie Karl Glasstetter berichtete: "In der Spinnerei genügen 40 bis 50 wichtige Ausdrücke". Der Wandel der Zeit zeigt sich gerade an diesem Punkt, der die Integrationsarbeit vor ganz neue Herausforderungen stellt, auch im Blick auf Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit. Giuseppe Danze bringt es auf den Punkt: "Solche Hilfsarbeiterjobs gibt es heute gar nicht mehr."