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Ente statt Rente, Rotkäppchensekt und "Kirchheimer Blotzerla"

KIRCHHEIM Mit Professor Dr. Rolf Walter stand gestern in der Schlosskapelle "ein Lausbub und Ordinarius" im Mittelpunkt des Neujahrsempfangs der SPD. Dass es dabei nicht nur um die noch immer bestehenden Unterschiede zwischen

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Ost und West ging, sondern vor allem auch um das neue Jahr im Allgemeinen und die SPD im Speziellen, machte Martin Mendler unmissverständlich deutlich. Höchst erfreut darüber, zahlreiche Repräsentanten Kirchheimer Vereine, Verbände und Organisationen begrüßen zu dürfen, galt sein Willkommengruß nicht nur allen SPD-Mitgliedern, sondern "auch all denen, die das im Laufe des Jahres noch werden wollen".

"Wenn wir Wohlstand auch morgen auf hohem Niveau halten wollen, dann brauchen wir heute Mut zum Wandel", stellte der Vorsitzende der SPD Kirchheim fest und gab seinen Eindruck weiter, dass wohl "der Reformwille der Bürger schon ausgeprägter ist als derjenige der politischen Klasse". Für die bevorstehenden Urnengänge empfahl er dann auch "ungeschminkte Wahrheiten statt populistischer Wahltaktik", setzte sich dann aber vor allem kritisch mit den Folgen der Flutkatastrophe auseinander.

Dass sich der Mensch auch in einer hochindustrialisierten Welt nicht zum Beherrscher der Naturgewalten aufschwingen sollte, sei die eine aus der verheerenden Katastrophe zu ziehende Lehre. Die andere lautet für Martin Mendler, sich auf die richtigen Maßstäbe zu besinnen moralisch wie gesellschaftlich. Jetzt gehe es vor allem darum, Verantwortung für dauerhafte Projekte zu übernehmen, betonte Martin Mendler und zeigte sich überzeugt, dass die Stadt Kirchheim zusammen mit dem Gemeinderat dem Appell des Bundeskanzlers folgen und eine Partnerschaft mit einer Kommune in Südostasien übernehmen werde.

"Wir müssen unsere Maßstäbe für Bedürftigkeit, für Wohlstand, für Gerechtigkeit und für Leistung neu justieren, besser: wieder ins richtige Lot bringen", forderte das Mitglied der Kirchheimer SPD-Gemeinderatsfraktion und sensibilisierte seine Zuhörer dafür, bei aller derzeit notwendigen Konzentration auf Südostasien nicht zu vergessen, dass es auch andere Flecken auf der Erde gebe, "wo die Menschen, vor allem Millionen von Kindern, um Hilfe schreien".

Zum geladenen Gastredner überleitend, thematisierte Martin Mendler dann die zwischen den Bundesländern in Ost und West noch immer zu beobachtenden gefährlichen Ungleichheiten in den Lebensverhältnissen der Bürger. Als "Lausbub und Ordinarius" stellte er den Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Professor Dr. Rolf Walter, vor. Dank seiner beiden Wohnsitze und seiner wissenschaftlichen Arbeit sei ihm die "doppelte Perspektive, vielleicht sogar doppelte Identität vertraut".

Rolf Walter zeigte sich zunächst sehr erfreut über den "vorgeschalteten Werbeblock", in dem Martin Mendler an Rolf Walters im August im Teckboten vorgestellte "autobiographische Spätlese" mit dem Titel "Herr Professor, Sie sind ein Lausbub" erinnert hatte. Dann holte der Gast zum Gegenzug aus und bekannte, dass er "im Bereich der Elementarfarben gewisse Präferenzen für die Farbe Gelb" habe, die er "nicht nur aus ästhetischen Gründen der Farbe Rot und auch der Mischung aus Rot-Grün vorziehe". Bevor allzu große Ratlosigkeit entstehen konnte, wertete es der welterfahrene Professor als Indiz für die Offenheit und Toleranz der Kirchheimer SPD, dass sie offensichtlich auch politisch Andersdenkende beziehungsweise Bürger ohne Parteibuch wie ihn zu Wort kommen lasse.

Vierzehn Jahre hat Professor Dr. Walter schon im "Wilden Osten" zugebracht und bekannte daher: "Ich gehöre also zur besonderen Spezies der Wossis". Mit seinem Berufs- und Lebensmotto "Perspektive durch Retrospektive" brachte er gute Voraussetzungen für das Betätigungsfeld "Neujahrsempfänge" mit, die schließlich "gerne Rückschau und Prognose miteinander verbinden".

Mit zunächst Grundsätzlichem zum deutsch-deutschen Verhältnis näherte er sich der Erkenntnis, dass "die deutsche Einheit ein Phänomen von hoher qualitativer Komplexität" ist auch wenn es auf der anderen Seite als die einfachste und natürlichste Sache der Welt erscheine. Ganz entschieden wiedersprach er jedenfalls dem Dramatiker Friedrich Hebbel, der im Mai 1836 in seinem Tagebuch vermerkt hatte: "Selbst im Falle einer Revolution würden die Deutschen sich nur Steuerfreiheit, nie Gedankenfreiheit zu erkämpfen suchen".

Eine klare Absage erteilte der Pendler zwischen West und Ost der Mär, dass es angeblich grundsätzliche Unterschiede in der Leistungsbereitschaft Deutscher aus unterschiedlichen Bundesländern gebe. "Der Thüringer sei dem Schwaben im Grunde doch äußerst ähnlich", lautete die immerhin 14 Jahre im wilden Osten gereifte Erkenntnis des bekennenden Schwaben.

Noch keine Gesellschaft weltweit habe es jemals geschafft, "in derartig kurzer Zeit einen solch fundamentalen Wandel zu vollziehen, machte der Gastredner seinem Publikum die Dimensionen der "Deutschen Revolution von 1989" bewusst. Während die sozialistische Wirtschaft den Konsumbereich völlig vernachlässigt habe, hätten die alten Bundesländer einen enormen Vorteil im Blick auf Marken, Markenfamilien und Markentransfers.

Ob Professor Walters Hoffnung erfüllt wird, dass beim nächsten Neujahrsempfang der Roten tatsächlich Rotkäppchensekt ausgeschenkt und dazu vielleicht ein Zigarillo der Marke "Sprachlos" gereicht wird, bleibt abzuwarten. Als Dank für seine so fundierten wie prägnanten und vor allem auch sehr persönlichen Einblicke in den vielen so fernen Osten, überreichte ihm SPD-Fraktionsführer Walter Aeugle abschließend nicht nur Wein, sondern unter pädagogisch untermauertem Protest auch Zigarillos der Marke "Kirchheimer Blotzerla".

Der Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Sozialgeschichte hatte zuvor noch kurz seine Nebeneinkünfte offen gelegt und sich dazu bekannt, unter dem Motto "Ente gegen Rente" seinen neuen Nachbarn bei Rentenfragen geholfen zu haben, wofür er mit Naturalien entsprechend entlohnt wurde. Dass er persönlich nie etwas von antiwestlichen Ressentiments zu spüren bekommen habe, versicherte Rolf Walter und zeigte sich überzeugt, dass deutsch-deutsche Sprachbarrieren kein Thema sein können. "Wer sich verstehen will, versteht sich auch" lautet seine Erkenntnis, dass "Niethosen" mit gutem Willen problemlos in Blue Jeans" rückübersetzt werden können, wenn einem danach ist. Im Blick auf die aus der Retrospektive zu gewinnende Perspektive wünschte er "viele gegenseitige Besuche, mehr Annäherung und entscheidende Schritte auf dem Weg nicht nur zur materiellen, sondern zur inneren Einheit Deutschlands" und empfahl: "Go East Sie sind willkommen".