Lokales

Entlastung für den schmalen Geldbeutel

4,40 Euro. Mehr steht einem Arbeitslosengeld-II-Empfänger pro Tag fürs Essen und Trinken nicht zur Verfügung. Selbst die Brezel zum Vesper wird bei diesem Budget zum Luxus. Um die Betroffenen, die mit wenig Geld ihren Alltag meistern müssen, zu unterstützen, legt die Diakonische Bezirksstelle Kirchheim mit dem "Handbuch für den schmalen Geldbeutel" nun ein Werk vor, das in dieser Form in der Evangelische Kirche Deutschland einmalig ist.

NICOLE MOHN

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KIRCHHEIM Knapp 11 000 Bedarfsgemeinschaften leben derzeit im Landkreis Esslingen von Hartz IV Tendenz steigend. Das heißt: Pro Person stehen monatlich 345 Euro Basissatz plus Miet- und Unterkunftskosten zur Verfügung. Unter dem Strich steht den Menschen damit über das Jahr betrachtet weniger Geld zur Verfügung als früher bei der Sozialhilfe, sagt Ingrid Riedl, Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim. "Sonderzahlungen wie zum Kauf einer neuen Waschmaschine oder zur Kleidung sind weggefallen", erklärt sie. Die Idee: Die Empfänger sollen Geld für solche Anschaffungen oder auch die Wohnungsrenovierung vom Regelsatz ansparen.

Die Praxis aber, das weiß auch Projektleiter Klaus Konzelmann, sieht anders aus. Gerade für Familien hat sich die Lage zunehmend verschärft. Schon ein zerrissener Hosenboden bringt das ohnehin schon schmale Haushaltsbudget schnell ins Wanken. Brauchen die Kinder neue Schulbücher oder steht ein Klassenausflug an, ist das für die allermeisten ALG-II-Empfänger nicht mehr zu schultern.

Immer mehr suchen deshalb bei der Diakonie und der Kirche Hilfe. Nicht nur Hartz-IVler, sondern zunehmend Menschen in Lohn und Brot, deren Einkommen nicht mehr ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken. "Wir haben deshalb überlegt, was wir tun können, um die Situation dieser Menschen zu entschärfen", sagt Ingrid Riedl. Entstanden ist so eine umfassende Broschüre mit jede Menge Tipps, Adressen und Möglichkeiten zu günstigen Lebensangeboten, wie es Konzelmann nennt.

Von A wie Azubi bis Z wie Zuzahlungsbefreiung, vom Familientag im Kino bis hin zum Sozialtarif fürs Telefon oder Fundsachenversteigerung: Die Mitarbeiter der Diakonie Kirchheim waren selbst überrascht, was bei ihren Recherchen für das Handbuch alles an Tipps für den schmalen Geldbeutel herauskam. Besonders wichtig war dem Projektteam das Thema Essen und Ernährung. Die bleibt auf der Strecke, wenn das Haushaltsgeld knapp ist, weiß Ingrid Riedl aus dem Beratungsalltag in der Bezirksstelle. Neben Infos zum Tafelladen oder Mittagstisch finden die Leser des rund 50 Seiten starken Heftes Anleitungen, mit denen man für wenig Geld Gesundes und Leckeres auf den Tisch bringt. Die Rezepte kommen allesamt aus den Reihen der Kirchheimer Bevölkerung: "Nach unserem Aufruf haben wir an die 100 Zuschriften bekommen", freut sich Ingrid Riedl über die Hilfsbereitschaft der Kirchheimer. 40 davon fanden nun Eingang in das Handbuch, das vom Verein "Diakonie und Gemeinde" gesponsert wird.

Ein zweites wichtiges Augenmerk legten die Mitarbeiter der Diakonie bei ihren umfangreichen Recherchen für das Heft auf Freizeitaktivitäten: "Die Teilhabe war uns einfach wichtig", so die Leiterin. Vom verbilligten Schwimmbadtarif oder Musicalbesuch, reduzierten Beiträgen bei einigen Sportvereinen oder der Volkshochschule entdeckte das Projektteam auch hier eine ganze Reihe von Möglichkeiten.

Zudem finden sich in der Broschüre ganz handfeste Hinweise zu Zuschüssen und Hilfen wie die Ausbildungsbeihilfe oder Übernahme von Beerdigungskosten durch das Sozialamt. "Wir erleben in den Beratungen immer wieder, dass die Menschen nicht wissen, welche Leistungen ihnen zustehen oder wo man Bedarf anmelden kann", erklärt Ingrid Riedl.

"Wir wollen aber keinesfalls dokumentieren, dass es mit weniger Geld auch geht", betont Konzelmann. Vielmehr wolle man mit dem Handbuch, das ab Mitte November kostenlos in der Diakonischen Bezirksstelle und in den evangelischen Pfarrämtern, Kommunen und im Jobcenter zur Verfügung gestellt wird, die Ungerechtigkeit im System aufzeigen.

Noch vor Erscheinen, das für Mitte November geplant ist, herrscht jedenfalls großes Interesse an dem Handbuch, das speziell für Kirchheim und Umgebung gedacht ist. "Bei der EKD haben sie schon ein Belegexemplar angefordert", berichtet Konzelmann. Auch im diakonischen Kreisverband schlug die Idee Wellen. Und so könnte das Kirchheimer Projekt bald Schule machen, hofft der Projektleiter. Geplant ist, das Handbuch weiter zu pflegen und zu aktualisieren. Gedankenspiele, die Informationen auch im Internet zur Verfügung zu stellen, gibt es ebenfalls.