Lokales

"Entlastung gibt es nicht zum Nulltarif"

Der Autofahrer schimpft über rote Ampeln und trödelnde Fußgänger. Kaum hat er den Schlüssel abgezogen und setzt seinen Weg zu Fuß fort, gilt sein Zorn rücksichtslosen Automobilisten und rempelnden Radlern. Je nach Blickwinkel wird Freund zu Feind und umgekehrt. Verkehrsplaner haben es da schwer, allgemein gültige Ziele zu formulieren. Als geradezu "schizophren" bezeichnet Verkehrsexperte Kölz den modernen Menschen im Verkehrsgetümmel.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM "Wie funktioniert Verkehr?" lautete die Fragestellung, unter der das jüngste Stadtforum stand. Verkehrsexperte Professor Kölz von der Universität Stuttgart, Referent des Abends, ergänzte die Formulierung um den Zusatz "Wie sollte Verkehr funktionieren?".

"Wenn ein Thema mit solch einer Frage angekündigt wird, dann darf man gespannt sein", leitete Bürgermeister Günter Riemer vielversprechend die Veranstaltung ein. Tatsache ist, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine tiefe Kluft klafft. Riemer skizzierte den grundsätzlich in Städten zu meisternden Spagat zwischen Individualverkehr und ÖPNV und bezeichnete die Verkehrssituation speziell in Kirchheim als "nicht einfach". Intelligente Lösungen angesichts drängender Probleme seien in Zeiten knapper Kassen gefragter denn je.

Professor Kölz, seit elf Jahren als Verkehrsexperte mit Kirchheim vertraut und in vielen Fragen bereits beratend in Erscheinung getreten, ließ die rund drei Dutzend Stadtforums-Besucher zunächst hinter den Vorhang der Methodik blicken, ehe er konkrete Beispiele von Verkehrs- und damit auch Stadtplanung darlegte. Regelmäßig kommt es hier zu Zielkonflikten, deren Lösung eine politische Aufgabe ist.

Drastisch, wenn auch schleichend verändert hat sich in den beiden vergangenen Jahrzehnten die Art des Verkehrs, wie Kölz erläuterte. So stelle der Berufsverkehr heute nur noch ein Viertel des Gesamtverkehrs dar. Freizeitverkehr, Ausflugsverkehr, Einkaufsverkehr trügen das Gros zum Verkehrsaufkommen bei. Da ein Auto im Schnitt maximal 40 Minuten am Tag bewegt wird, lassen sich Rückschlüsse auf den Bedarf an Stellflächen ziehen. Interessant auch der Blick auf die Distanzen: Die Hälfte aller Stadtfahrten hat eine maximale Reichweite von fünf Kilometern eine Entfernung, die sich selbst auf dem Fahrrad leicht bewältigen lässt: "Da steckt viel Potenzial drin."

Als Charakteristisch für die Gesellschaft in Deutschland bezeichnete Kölz eine abnehmende Mobilität bei wachsender Motorisierung. Anders ausgedrückt: Der Einzelne fährt immer weniger, die Zahl der Fahrzeuge steigt jedoch. Noch führt dies nicht zu einer Abnahme des gesamten Verkehrsaufkommens, wohl dürfte dies aber nur eine Frage der Zeit sein.Ein Beispiel für integrierte Verkehrsplanung ist Kehl. Die Industriestadt am Rhein wurde im Vorfeld der Landesgartenschau 2004 auf Vordermann gebracht. Früher rollten über die heutige Fußgängerzone täglich 17 000 Autos. "Die Entlastung gab's natürlich nicht zum Nulltarif", machte der Fachmann klar, dass die Verbesserung der Lebensqualität in der Grenzstadt auf Höhe von Straßburg nur durch politische Zähigkeit zu erreichen war. Parallel führende Umgehungsstraßen mussten gebaut werden, teilweise verlagerte sich der Verkehr schlichtweg. Auch die heutige Durchgangsstraße in Richtung Europabrücke vermittle durch die Teilung der Spuren und mittige Bepflanzung nicht mehr das Gefühl, eine dicht befahrene Straße zu sein. Alles in allem sprach der Verkehrsexperte euphorisch von einer "homogenen Geschichte". Ähnliches gelte für Bad Wurzach. Dort kreuzten sich einst vor dem Rathaus zwei große Straßen. Dank Entlastungstangenten und Straßenverschlankungen überzeuge der Stadtkern heute durch hohe Aufenthaltsqualität.

Vor dem Hintergrund dieser Beispiele machte der Verkehrsfachmann den Kirchheimern klar, dass auch im Städtchen am Fuße der Teck viel "städtebaulich Sinnvolles mit verkehrlich Nützlichem" verbunden werden könne. Kölz ging auch auf den Alleenring ein. Laut Untersuchung seines Büros brächte ein Einbahnverkehr am Alleenring wohl städtebauliche Vorteile, etwa durch mehr Grün, mehr Platz für Radwege und ähnliches. "Aber ist das verkehrlich vertretbar?", fragte Kölz in die Runde und machte klar, dass hier die Politik gefragt ist. Dies sei immer eine Sache der Einschätzung. Definitiv lasse sich nur sagen, dass eine Mengenentlastung im Allenring entstehen werde, die aber zu einer graduellen Mehrbelastung der äußeren Straßen führen werde. Ob Einbahnverkehr oder nicht, sei zunächst sekundär, wichtig sei aber, dass etwas geschehe. So lautete der Rat des Fachmanns ganz klar: "Bleiben Sie dran am Allenring!" Durch den Verkehrsstrom könne die tolle Altstadt nicht erlebbar gemacht werden.

Als einen der wichtigsten Punkte der Zukunft bezeichnete Kölz außerdem das Thema S-Bahn: "Da sind gewaltige Strukturveränderungen möglich."

In der anschließenden Fragerunde wurden eine ganze Reihe konkreter und für Kirchheim relevanter Fragestellungen abgeklopft. Am Herzen lag den Anwesenden besonders die Innenstadt. Hier plädierte Kölz klar "für Planung mit Augenmaß", um der Stadt nicht etwa Schaden zuzufügen. "200 Meter in Stuttgart sind nicht 200 Meter in Kirchheim", warnte er davor, einkaufswilligen Gästen allzu lange Anmärsche zuzumuten, denn: "Wer einmal weg ist, der kommt nicht wieder."