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Entrücktes in der Martinskirche

KIRCHHEIM Seit jeher war der Palmsonntag der letzte fröhlich und festlich begangene Tag vor Beginn der enthaltsamen Karwoche. Letzten

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RALF SACH

Sonntag wartete das Schwäbische Kammerorchester in der Martinskirche mit einem Programm auf, das sich an dieser Tradition orientierte. Die vorherrschenden Klänge dieses Abends waren in Dur gefasst, und in der Verbindung mit tänzerischer Virtuosität wirkten sie wie ein Kontrapunkt zu den momentan allerorts stattfindenden Passions-Aufführungen. Diese Dur-Dominanz schien jedoch stets eine Bedrohte zu sein.

So war denn auch gleich zu Beginn einer ausschließlich in reiner Streicherbesetzung gestalteten Programmfolge Bachs Drittes Brandenburgisches Konzert hierfür ein beredtes Zeugnis. Dirigent Matthias Baur führte das Orchester souverän und zielsicher von dem energischen G-Dur-Beginn dieses Concertos durch die vielen chromatischen Verästelungen und Untiefen hindurch bis hin zu dem beinahe ekstatischen Schlusssatz in Form einer Gigue.

Ganz dem Tanz widmete auch Igor Strawinsky seine Ballettmusik "Apollon musagete". Apollo, der griechische Gott der Weisheit und der Kunst, erregt durch sein eindringliches Leierspiel die Aufmerksamkeit der drei Musen des Theaters, der Dichtkunst und der Musik. Wie entrückt erklang unter der Hand von Konzertmeisterin Agathe Steiff-Schall das Apollo nachahmende Leierspiel der Terpsichore (Muse der Musik), wie überhaupt die von Strawinsky mit dynamischen Anweisungen förmlich übersäte Partitur klanglich sehr differenziert in Szene gesetzt wurde. Die musikalische Farbenpalette reichte dabei vom geräuschhaften "Marziale" bis hin zum sphärischen Verhauchen im Violin-Tremolo.

Wenn keine Tonart, dem Musiktheoretiker und Bach-Zeitgenossen Johann Mattheson zufolge, eine "tiefe Traurigkeit so wohl" auszudrücken vermag wie E-Dur, dann scheint verständlich, warum das Violinkonzert in dieser Tonart von Johann Sebastian Bach von vielen bis heute als sein empfindsamstes angesehen wird. Solistin Amelie Wünsche gelang bei der Aufführung dieses Werks in beeindruckender Weise der Ausgleich zwischen technischer Brillanz und tief empfundener Anmut. Insbesondere der zweite Satz (Adagio) zog das Publikum mit seinem großen Spannungsfeld zwischen den kleingliedrigen Bass-Ostinati und der darüber, scheinbar wie entrückt, schwebenden Melodie in seinen Bann. Wünsche verlor die Endlosigkeit dieser Melodie bei aller detaillierten musikalischen Ausgestaltung nie aus dem Auge und verdiente sich so nach diesem Satz einen "Szenenapplaus".

Als längstes und wohl technisch anspruchsvollstes Stück beendete Dvoraks Serenade in E-Dur dieses ungewöhnliche Passionskonzert. Von deren 4. Satz ("sich verströmendes Larghetto") soll Arnold Schönberg zu seiner "Verklärten Nacht" angeregt worden sein. Auch hier verliert die Musik bei all der Ländler- und Reigenseligkeit nie ihren melancholischen Unterton, der sich im letzten Satz sogar noch ins energisch Protesthafte steigert. Wenn Passion die Verklärung im Leiden bedeutet, dann fand an diesem Palmsonntag-Abend in der Martinskirche eine intensive Passionsbetrachtung statt. Zu danken ist dem Schwäbischen Kammerorchester und seinem Leiter Matthias Baur für diese zu Herzen gehende Darbietung.