Lokales

Entschädigung für 200 Menschen

Über 20 000 Menschen waren von 1942 bis 1945 als Zwangsarbeiter in den damaligen Kreisen Esslingen und Nürtingen beschäftigt. Erst jetzt 60 Jahre nach Kriegsende erhielten rund 200 von ihnen eine Entschädigung. Zu diesem Erfolg beigetragen haben intensive Recherchen des Esslinger Kreisarchivs.

KREIS ESSLINGEN Ihre genaue Zahl kennt keiner. Über 20 000 Menschen müssen es gewesen sein, die von 1942 bis 1945 als Zwangsarbeiter in den damaligen Kreisen Esslingen und Nürtingen die Kriegswirtschaft am Laufen hielten. Erst jetzt, kurz vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes, haben einige von ihnen eine Entschädigung für ihr Leid erhalten. Für den Landkreis Esslingen hat das Kreisarchiv die zentrale Bearbeitung dieser Anfragen übernommen.

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Die Tage vor dem 8. Mai 1945 waren für die Zwangsarbeiter eine Befreiung, aber selten das Ende der Leidenszeit: Viele standen vor einer zerstörten Zukunft. Häufig gab es in der Heimat nichts und niemanden mehr, zu dem sie hätten zurückkehren können. Sie waren aus der Ukraine, aus Polen, Russland und Tschechien, aber etwa auch aus Frankreich unter Zwang oder mit falschen Versprechungen deportiert worden, um hier in Fabriken, bei Handwerkern und Bauern zu arbeiten.

Erst durch den Aufbau der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" seit dem Jahr 2000 wurde es möglich, diesen Menschen eine geringe Entschädigung anzubieten. Nicht jeder bekam aber Geld. Das Problem: Der Antragsteller hatte nachzuweisen, dass er als Zwangsarbeiter in Deutschland war. Nachdem die meisten sofern sie überhaupt noch lebten keinerlei Unterlagen aus dieser Zeit hatten, waren ihre letzte Hoffnung die deutschen Archive. Über 600 Menschen, vor allem aus Osteuropa, haben sich seither mit ihrem Anliegen an das Kreisarchiv Esslingen gewandt. Für viele der inzwischen hoch betagten und meist in Armut lebenden Frauen und Männer wäre eine Entschädigung von existenzieller Bedeutung: Bei durchschnittlich 40 Euro Rente sind 3 000 Euro ein Vermögen.

Um in den 2,5 Kilometern Akten des Kreisarchivs oder in Gemeindearchiven Nachweise zu finden, war allerdings detektivisches Gespür gefragt. Lückenhafte Überlieferung und schlechte Orts- und Namensangaben waren die Hauptgegner des schnellen Erfolgs. In enger Zusammenarbeit mit Stadt- und Gemeindearchiven, betroffenen Firmen und den Krankenkassen haben die Archivare des Kreisarchivs mit hohem Aufwand für rund 200 Menschen einen Nachweis gefunden.

Mit Blick auf die über 20 000 Zwangsarbeiter in den beiden damaligen Kreisen bleibt das eine erschreckend geringe Zahl. Andererseits zeigen die in Briefen geschilderten erschütternden Schicksale, dass der hohe Aufwand berechtigt war. Für die verzweifelten Menschen bedeutet die bescheidene Geldsumme nicht nur einen gesicherten Lebensabend, sondern auch eine späte Anerkennung ihrer Lebensgeschichte. So bat eine 77-jährige Ukrainerin, die als 19-jährige in einer Esslinger Fabrik an einer Drehmaschine gearbeitet hatte, das Kreisarchiv: "Helfen Sie mir, bitte! Sie sind doch gerechte Menschen."

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