Lokales

Entschleunigte Verkehrsteilnehmer

Tempo 30 auf Ortsdurchfahrten und Lkw-Durchfahrtsverbot in fünf Kreiskommunen

Tempo 30 in den Ortsdurchfahrten gilt zwar (noch) nicht allerorten, aber bereits in diesem Quartal ist Entschleunigung für alle Verkehrsteilnehmer in fünf Kreiskommunen angesagt: Kirchheim, Notzingen, Hochdorf Wendlingen und Wernau.

Tempo 30 wie hier in Reudern soll bis Jahresende auf den Ortsdurchfahrten in fünf weiteren Kreiskommunen Realität sein. Foto: Je
Tempo 30 wie hier in Reudern soll bis Jahresende auf den Ortsdurchfahrten in fünf weiteren Kreiskommunen Realität sein. Foto: Jean-Luc Jacques

Kreis Esslingen/Notzingen. Der Lärmaktionsplan brachte es ans Licht: Vielerorten gibt es Überschreitungen der Verkehrslärm-Grenzwerte von 70 dB (A) tagsüber und 60 dB (A) nachts, was zur Folge hat, dass die Anwohner einer zu hohen Lärmbelastung ausgesetzt sind. Wie dem entgegengetreten werden kann, da­rüber machten sich die entsprechenden Behörden Gedanken. „Das Ganze macht nur Sinn, wenn man eine große Fläche betrachtet. Unterm Strich kommt nur dann was raus, wenn sich mehrere Kommunen zusammenschließen und ein Konzept erarbeiten“, erklärt Wolfgang Schwarz, Amtsleiter des Straßenverkehrsamts im Landratsamt Esslingen. Dies ist nun geschehen. Tempo 30 für Pkw und Lkw in den Haupt-Ortsdurchfahrten gelten in naher Zukunft in Kirchheim, Wendlingen, Notzingen, Hochdorf und Wernau. Die Beschilderung soll bis spätestens Ende des Jahres umgesetzt sein.

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Einher geht damit auch ein Lkw-Fahrverbot in den fünf Kommunen. Ausgenommen ist dabei der Ziel- und Quellverkehr. Industriegebiete und alle Abladestellen können weiterhin in gewohntem Umfang angefahren werden und die Firmen können ihren Fuhrpark wie gewohnt nutzen. Die Durchfahrtsmöglichkeit wird nur solchen Brummis untersagt, die auf ihrem weiten Weg von A nach B nicht zwangsläufig durch diese Orte fahren müssen. Um diesen Verkehr auf andere Straßennetze wie die vierspurigen Bundesstraßen 10 und 313 sowie die Autobahn oder die B 297 verdrängen zu können, ist zwangsläufig großflächiges Denken gefragt. Sperrung einzelner Ortsdurchfahrten verlagern die Probleme in den Nachbarort, lösen das Problem jedoch nicht. „Wir mussten den gesamten Raum anschauen. Es ist schwierig, das richtige Maß zu finden, damit keiner benachteiligt wird“, ist sich Wolfgang Schwarz bewusst. Aus diesem Grund war auch das Regierungspräsidium Stuttgart bei der Planung frühzeitig mit im Boot.

Seit rund drei Jahren feilen die zuständigen Behörden am Konzept. Als die Grundsatzentscheidung der Tempo-Reduzierung und des Lkw-Durchfahrtsverbots gefällt war, ging es um die Detailplanung. So mussten Verkehrszeichenpläne erstellt werden. Dabei geht es nicht nur um Tempo-30-Schilder nach jeder Einmündung. Die Planer müssen auch an Hinweisschilder auf der Autobahn und Infotafeln auf den Bundesstraßen wegen des Nachtfahrverbots denken. Bei Letzterem ist Albershausen im Landkreis Göppingen mit dabei. Auch dort stöhnen die Anwohner über den Lkw-Verkehr zu nachtschlafender Zeit.

„Ich bin gespannt, wie sich der Verkehr entwickelt. Auch die Autofahrer werden umdenken müssen. Die nun getroffene Regelung ist sicher erst der Anfang, denn im Kreis Esslingen gibt es eine Reihe von Kommunen, die wegen des Lärmaktionsplans etwas unternehmen müssen“, ist Wolfgang Schwarz überzeugt.

Der Notzinger Gemeinderat wurde am Ende der öffentlichen Sitzung kurz von Bürgermeister Sven Haumacher über den aktuellen Stand der Planung informiert. Er zeigte den von der Stadt Wendlingen erarbeiteten „Schilderplan“ für die Bodenbachgemeinde. Der sah entlang von Kirchheimer und Hochdorfer Straße ziemlich rot aus, denn sobald eine Seitenstraße einmündet, bedarf es in jeder Richtung eines Tempo 30-Schilds. Wegen der Tallage Notzingens gibt es deshalb im Vergleich zu Hochdorf doppelt so viele Einmündungen.

„Ist die Beschilderung verbindlich?“, fragte Herbert Hiller alarmiert und bat um die Vertagung in den Ausschuss für Umwelt und Technik. „Die Rechtslage ist da eindeutig. Theoretisch darf jeder auf der Landes- beziehungsweise Ortsdurchfahrtsstraße 50 Kilometer pro Stunde fahren. Deshalb braucht es an jeder noch so kleinen Einmündungen ein Schild. Ich kann Notzingen nicht gesamt zur Tempo-30-Zone erklären – in dem Fall würden vier Schilder reichen“, sagt Fred Schuster, stellvertretender Amtsleiter beim Rechts- und Ordnungsamt der Stadt Wendlingen. Er hat die Beschilderung für Notzingen ausgearbeitet. Somit dürfen in Zukunft die Autofahrer innerorts nur noch auf der Kreisstraße 1205 mit 50 Kilometer pro Stunde unterwegs sein. „Die Emotionen schlagen bei Tempo 30 gerne hoch. Aus meiner Sicht ist es jedoch ein Zugewinn an Sicherheit, der auch volkswirtschaftlich nicht unterschätzt werden darf, weil weniger Unfälle passieren“, sagt Fred Schuster.

Diese Ansicht teilt Gemeinderat Rudolf Kiltz nicht. „Ich finde das verheerend und frage mich, ob Lärm reduziert wird, wenn man mit einem Lkw mit Tempo 30 den Berg hoch- und runterfährt“, sagte er bezüglich der besonderen Lage Notzingens. Ihm ist der 30er-Abschnitt zu groß, ihm hätte das Tempolimit im Ortskern gereicht. Georg Frank sprach gar von einer echten Katastrophe und befürchtet eine „Steherei“ auf der Ötlinger und Wellinger Straße. „Bevor der Schilderwald kommt, sollte zuerst die Straße gerichtet werden. Die Ortsdurchfahrt in Hochdorf ist seit der Sanierung um einiges leiser zu befahren“, erklärte er. Wesentlich entspannter sah Hans Prell die Sache: „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass auf Ortsdurchfahrtsstraßen Tempo 30 gilt. Im unteren Ortsteil ab dem Gemeindehaus bis über die Kreuzung hinaus ist für mich die Geschwindigkeitsbegrenzung aus Verkehrssicherheitsgründen zwingend geboten.“