Lokales

Entschlossener Kampf gegen sexuelle Gewalt

Der Verein „Serie-X“ legt einen polarisierenden Kalender vor, der provozieren, vor allem aber zum Nachdenken anregen soll

Nach eineinhalb Jahren Planung, Umsetzung und Produktion kann der Kalender des Projekts „Serie-X – Väter setzen Zeichen gegen den Missbrauch von Kindern“ käuflich erworben werden. Den Kalender gibt es an verschiedenen Verkaufsstellen oder ganz bequem im Internet auf der Seite des gleichnamigen Vereins unter serie-x.de

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Kirchheim. Ein überzeugendes Hochglanzprodukt ist die Dokumentation eines spektakulären Kunstobjekts geworden, die als ungewöhnlicher Kalender für das kommende Jahr vorliegt. Ziel der aufwendigen Produktion war es, ein Zeichen zu setzen. Zwölf Väter hatten sich bereit erklärt, sich von dem Kirchheimer Profi-Fotografen Wilfried Adam auf zwölf Kalenderblättern dezent und doch zugleich auch spektakulär in Szene setzten zu lasen.

Anfängliche Skepsis und Kritik verstummten, als erste Arbeitsproben vorgelegt werden konnten. Die Kirchheimer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt „Kompass“ sah ihre Befürchtungen nicht bestätigt und steht dem Projekt inzwischen positiv gegenüber. Ausschlaggebend dafür war die einfühlsame Umsetzungsweise, die auch auf die Lebenssituation sexuell missbrauchter Kinder übertragen werden könne.

Die Initiatoren des Projektes waren sich bewusst, dass die künstlerisch provokante Konzeption und Umsetzung der Thematik Aufmerksamkeit und Kontroversen auslösen würde. Durch diese Vorgehensweise wollten sie auch die Notwendigkeit und den Wunsch nach Selbstbestimmung über die eigene Körperlichkeit für jedes Individuum betonen.

Dabei insbesondere auf Kinder hinzuweisen, deren Selbstbestimmungsrecht oft missachtet wird, war ein zentrales Anliegen des von besorgten Vätern aus Unterensingen gegründeten Vereins, der inzwischen auch von „Kompass“ entsprechend unterstützt wird. „Wir sind beeindruckt vom großen, ehrenamtlichen Engagement des Vereins und der ambitionierten Umsetzung seiner Ideen und wünschen ihm viel Erfolg beim Verkauf dieses Kalenders,“ ist auf der Startseite des Vereins unter einem Link zum Jahresbericht von „Kompass“ in Kirchheim zu lesen.

Die anfänglich eher skeptischen Vertreter von „Kompass“ sehen in der Umsetzungsweise der Idee eines Kalenders, in dem mit schutzloser Nacktheit versucht wird, auf das Tabu-Thema sexuelle Gewalt hinzuweisen, eine Parallele, die auch auf die Lebenssituation sexuell missbrauchter Kinder übertragen werden könne. Eingehende Diskussion mit den Verantwortlichen und intensive Auseinandersetzungen mit dem Kalenderprojekt haben die Mitglieder von „Kompass“ von den seriösen Absichten des Vereins überzeugt. Ein wesentlicher Punkt war, dass zu keinem Zeitpunkt Kinder in das Projekt involviert waren und werden.

„Dass sich der Verein nicht nur auf die Auseinandersetzung mit der eher seltenen Fremdtäterschaft beschränkt, sondern im Gegenteil die häufige, überwiegende Tatsache des familiären Missbrauchs in den Blick genommen hat, halten wir für wichtig“, wird im Jahresbericht von „Kompass“ ebenfalls betont.

Es wird angenommen, dass alle 30 Minuten in Deutschland ein Kind missbraucht wird. Der Missbrauch zieht sich dabei durch alle sozialen Schichten der Gesellschaft. Besonders erschreckend ist, dass es sich dabei meist nicht um ein spontanes und einmaliges Vergehen handelt, sondern es sich in den meisten bekannte gewordenen Fällen um Langzeit-Taten dreht.

Die offiziellen Statistiken über den Missbrauch von Kindern sind schon erschreckend genug, aber die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich um das 10- bis 15-fache höher als die Zahl der tatsächlich zur Anzeige gebrachten Verbrechen, sind die im Verein „Serie-X“ zusammengeschlossenen Väter und Mütter überzeugt. Das ist für sie Antrieb und Motivation, diese Missstände einer breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen – mit einem Kalender, dessen Verkaufserlöse zu 100 Prozent Organisationen zugute kommen, die sich um diese Kinder kümmern.

Kindesmissbrauch ist nach wie vor ein Tabu-Thema, dem die meisten Menschen mit Argwohn und Misstrauen begegnen. Fälle gäbe es leider viel zu viele – auch in der unmittelbaren Nachbarschaft, auch bei Personen, bei denen man es nicht vermute, lautet die Überzeugung der Mitglieder des Vereins „Serie-X“.

Bei der Umsetzung der Motive konnten die Macher auf die Unterstützung der jeweiligen Betreiber der ausgewählten Aufnahmeorte zählen. Auf diese Weise ist ein kleines Kunstwerk entstanden, das auch Dank der kostenlosen Bereitstellung von Papier, Layout, Druck, Weiterverarbeitung und Logistik seinesgleichen sucht.

Die Modelle von Serie-X haben mit ihrem Körper ein Zeichen gegen den Missbrauch von Kindern gesetzt – nackt auf dem Bauch liegend zu einem X geformt, als kleiner Teil einer Landschaftsaufnahme festgehalten aus der besonderen Perspektive eines Vogels, dessen Rolle in der konkreten Umsetzung freilich von einem Spezialstativ mit einer Höhe von zwölf Metern übernommen wurde: Ob am Hockenheimring, im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, am Flugplatz Berlin-Tempelhof, auf der Zugspitze, im Signal-Iduna-Park in Dortmund, auf dem „Trianon“ in Frankfurt oder auf der Insel Neuwerk im Wattenmeer, auf dem Breitenstein, in der Wilhelma, oder im menschenleeren Nürtinger Freibad – alle Kalender-Motive bestechen durch ihre hohe künstlerische Qualität und den hochwertigen Druck.

Mit der Idee und der Gründung des Vereins im Februar 2008 war die Umsetzung noch im kleinen Rahmen geplant. Ein Jahr später haben die Initiatoren und Väter die ganze Repub­lik bereist und sind rund 5 500 Kilometer auf eigene Kosten gefahren. Parallel wurden auch ein Song und ein Video produziert sowie Ausstellungen organisiert.

Auf der Homepage unter serie-x.de/kalender können alle Kunstwerke betrachtet werden und nur einen Mausklick weiter kann unter serie-x.de/bestellung das gegen viele Widerstände und mit großem Engagement verwirklichte Ergebnis des Kalenderprojekts zum Preis von 29,95 Euro bestellt werden.