Lokales

Enttäuschte Hoffnung auf ein intaktes Säulenensemble

KIRCHHEIM Mit "mangelnder Sensibilität" könnten wohlwollend die Vorwürfe zusammengefasst werden, die Gerhard Kerner im Blick auf

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WOLF-DIETER TRUPPAT

die laufenden Abbrucharbeiten am alten Schlachthof in Kirchheim erhebt. Er selbst greift zu deutlicheren Formulierungen und das ist aus seiner Sicht nachvollziehbar. Was war geschehen?

Wer tagein tagaus professionell Häuser entrümpelt und Haushalte auflöst, tut gut daran, einen entsprechenden Riecher zu entwickeln für Wertvolles und Wertloses, und diese Qualität nimmt der auch auf fachgerechte Demontagen spezialisierte Entsorger durchaus für sich in Anspruch.

Während des langen Dornröschenschlafes des alten Schlachthofs hatte er einst Gelegenheit, sich gründlich in der damals noch unter Denkmalschutz stehenden und am offenen Markt angebotenen maroden Immobilie umzuschauen. Neben den vielen angedachten und auch wieder verworfenen Nutzungsmöglichkeiten hätte sich das nostalgische, stadtbildprägende Schlachthofambiente seiner Meinung nach auch gut geeignet als Ausstellungs- und Verkaufsfläche für seine inzwischen an der Tannenbergstraße untergebrachte und sich ständig wandelnde atemberaubende Sammlung aus Kitsch, Kostbarem und Kuriosem.

In dem jetzt abgebrochenen nördlichen Teil des schon lange stillgelegten einstigen Kirchheimer Metzgermekkas hatte der ehemalige Kaufinteressent wahre Kleinode der Graugusstechnik im Jugendstil der Jahrhundertwende ausfindig gemacht, die ihn vor allem als gut erhaltenes Ensemble faszinierten. Als vor wenigen Wochen dann ein Bauschild am Schlachthof angebracht wurde, auf dem gleich zwei Telefonnummern für diejenigen angegeben wurden, die sich für antikes Material aus der künftigen Baustelle interessieren, nahm er sofort Kontakt bei dem dort genannten Unternehmen auf und vermeldete vehementes Interesse an den tragenden Säulen der deckenhoch verkachelten Halle, in der in ansprechendem Jugendstilambiente einst Schweinen und Kälbern die allerletzte Stunde geschlagen hatte.

Die erhoffte Rückmeldung blieb aber aus und immer, wenn Gerhard Kerner sich selbst beim Bauleiter des von dem Investor mit den erforderlichen Abbrucharbeiten beauftragten Abbruchunternehmens meldete und nachfragte, ob er denn nun einen Schlüssel bekommen und die im Blickpunkt seiner Begehrlichkeiten stehenden tragenden Säulen fachgerecht abtragen könne, bevor es mit dem Abbruch so richtig losgehe, wurde er immer wieder vertröstet.

Einen Schlüssel für den sich bisher neugierigen Blicken entziehenden Säulensaal braucht seit vergangener Woche niemand mehr. Ohne vorherige Rückmeldung wurde im nördlichen Gebäudeteil mit den Abbrucharbeiten begonnen. Durch die fehlende Wand konnten damit auch Außenstehende selbst mit ungeschultem Auge leicht erkennen, welch schöne Stützen sich in schmuckem Ensemble in dem tristen Funktionsanbau bislang verborgen haben.

Der Fortbestand des gesamten Gebäudeensembles war bekanntermaßen über Jahre nicht nur wechselnden Interessensgruppen zur Herzenssache geworden und Thema immer wieder neu im Ratsrund aufbrandender Diskussionen, sondern stand auch auf den Fahnen, die das Landesdenkmalamt immer dann schützend hochhielt, wenn im Lauf der Diskussionen von baulichen Veränderungen die Rede war, die durch eine Nutzungsänderung erforderlich werden könnten, oder im Zusammenhang mit dem ehemaligen Schmuckstück der Schlachterzunft gar das schlimme Wort "Abriss" in den Mund genommen wurde.

Auch das ist allerdings längst Vergangenheit, denn selbst die für konsequentes Bewahren um des Bewahrens willen oft heftig kritisierte Behörde hatte im Verlauf des langwierigen Verfahrens die schützende Hand zurückgezogen. Dem Schlachthof als Gesamt-Gebäudeensemble wurde die lange und konsequent hochgehaltene Denkmaleigenschaft letztlich deshalb aberkannt, weil von Investorenseite überzeugend nachgewiesen werden konnte, dass ein denkmalschützerisch zwar wünschenswerter Erhalt letztlich wirtschaftlich nicht zumutbar sei. Stand einst also alles unter massivem Schutz, ist jetzt eigentlich gar nichts mehr gegen unerwartete Einflüsse und Übergriffe gefeit.

Beruhigend für alle, die gern Altes und Liebgewonnenes schützen und bewahren wollen, ist die inzwischen gemeinsam von Verwaltung, Ratsgremium und Investor verfolgte Linie, im Interesse der Wirkung des altehrwürdigen Gebäudes einen klaren Schwerpunkt beim Schutz der stadtbildprägenden Elemente zu setzen. Turm und Schornstein stehen daher deutlich intensiver im Blickfeld der Bestandsschützer, als weniger nach außen wirkende Details, zu denen nun einmal auch die durch den begonnenen Abbruch wohl dem Untergang geweihten Jugendstilsäulen gezählt werden müssen.

Als versierter "Sammler und Jäger" ist es für Gerhard Kerner nicht neu, dass ein entdeckter Schatz auch einmal in andere Hände wandert. Um das zu vermeiden, hat er es sich zur Gewohnheit gemacht, mit einem raschen Angebot vor Ort ausgesprochene Wünsche sofort in handfeste Käufe umzumünzen und damit zu verhindern, dass ihm die Ziele seiner Nostalgie-Begeisterung doch noch vor der Nase weggeschnappt werden. Dass ihm im Herzen der Metzgermetropole die Hände gebunden sind und durch Verzögerungen und mögliche Missverständnisse seine Mission scheiterte, möchte er einfach nicht wahrhaben. Jetzt kann er nur hoffen, dass im weiteren Verlauf der Abbrucharbeiten vielleicht doch noch die eine oder andere Säule heil aus dem Haus getragen und möglicherweise mit gemeinsamen Anstrengungen doch noch vor dem wartenden Müllcontainer gerettet werden kann.