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"Er wollte nur noch ans Geld"

Der 52-jährige Harald J. aus Wernau ist wegen Mordes und schweren Raubes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Die 9. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichtes sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte am 16. April die Filialleiterin des Schlecker-Marktes in Mettingen bei einem Raubüberfall erstochen hat. Bereits im Februar hatte er den Aldi in Wendlingen überfallen.

KREIS ESSLINGEN Mit versteinerter Miene nahm der Angeklagte das Urteil zur Kenntnis. Frühestens in 15 Jahren kann er wieder in Freiheit kommen. Weit ausholen musste der Vorsitzende Richter bei seiner Urteilsbegründung nicht, denn Harald J. hatte beim Prozessauftakt ein weit reichendes Geständnis abgelegt und beide Überfälle zugegeben.

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Strittig war letztlich nur noch die Frage, ob Harald J. wirklich gezielt auf die 50-jährige Filialleiterin eingestochen hatte. Der Angeklagte hatte behauptet, die Frau sei ihm bei einem Gerangel "ins Messer gefallen". Dieser Einschätzung schlossen sich die Richter nicht an. Eine Kundin hatte die zwei Stiche mit eigenen Augen gesehen: "Wir haben keine Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage", erklärte der Vorsitzende Richter. Zumal ihre Angaben auch zu den Einschätzungen des Gerichtsmediziners passten, dass die tödlichen Verletzungen von zwei wuchtigen Stichen stammen müssen. Dass sich der Angeklagte an diese Stiche nicht erinnern wollte, sei "kein Lügen, sondern ein Verdrängen" hielt ihm das Gericht zugute. Harald J. wollte offenbar selbst nicht wahr haben, dass er zu einer solchen Tat fähig war.

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass der nicht vorbestrafte Harald J. auf die Idee kam, Raubüberfälle zu begehen? Scheidung, Jobverlust und rund 100 000 Euro Schulden hatten sein bürgerliches Leben gehörig ins Wanken gebracht. Mit seiner Lebensgefährtin wollte er ein Hotel in Kanada übernehmen, doch dafür fehlte das Geld. "Der Angeklagte stand sicher unter Druck, seine Taten lassen sich dadurch aber nicht vollständig erklären", sagte der Richter. Er vermutet, dass Harald J. die Überfälle vor sich selbst verharmlost hat. So suchte er sich Aldi und Schlecker als Ziel aus, weil er der Meinung war, den großen Konzernen tue das nicht weh. Die Richter glaubten ihm auch, dass er ursprünglich nicht vorhatte, Gewalt anzuwenden. "Er dachte, das sei eher ein Diebstahl als ein Raubüberfall".

Harmlos war allerdings schon der erste Überfall nicht. Mit einem gefälschten Ausweis hatte sich Harald J. als Kassenprüfer ausgegeben. Als ihm die stellvertretende Filialleiterin den Tresor öffnete, hatte er ein Messer gezogen, die Frau bedroht und mit Klebeband gefesselt. Bei diesem Raub erbeutete er rund 15 000 Euro. Wäre es bei dieser einen Tat geblieben, hätte Harald J. eine Strafe von sechs Jahren erhalten. Dass lebenslänglich daraus wurde, lag daran, dass die Situation beim zweiten Überfall außer Kontrolle geriet, als sich die 50-jährige Schlecker-Filialleiterin heftig gegen den Überfall wehrte und den Koffer mit rund 3000 Euro Beute festhielt. "In diesem Moment war ihm alles egal, er wollte nur noch an das Geld", sagte der Richter in der Urteilsbegründung. Deswegen habe Harald J. zweimal zugestochen und dabei den Tod der zweifachen Mutter aus Altbach in Kauf genommen.

ez