Lokales

Erfahrungen sammeln im australischen Busch

KIRCHHEIM Dem Abenteuer auf der Spur ist Anja Honegger aus Kirchheim. Die Abiturientin wählte einen weit intelligenteren Weg, um

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IRIS HÄFNER

in den australischen Busch zu gelangen, als so manch deutscher Pseudo-Star. Sie will gar nicht erst "herausgeholt" werden, sondern freut sich auf ein halbes Jahr in den Darling Downs.

In diesem Teil des australischen Kontinents befindet sich das Outdoorcamp "Ironbark", das von einer renommierten Privatschule in Brisbane unterhalten wird. Jeder Schüler darf oder muss während seiner Laufbahn für fünf Wochen dort wohnen. Dem Camp ist eine Farm angegliedert, sodass sich die Einrichtung mehr oder weniger selbst versorgen kann. Die Mitarbeit in dem landwirtschaftlichen Betrieb wird sowohl von den Schülern als auch von den Betreuern verlangt. Fernab des Schulalltags geht es dort vor allem um Gruppendynamik und das Verlassen gewohnter Pfade.

"Seit der zehnten Klasse war mir klar, dass ich nach dem Abi für einige Zeit in ein englischsprachiges Land gehen möchte", erzählt Anja Honegger. England ist ihr zu nah, zu regnerisch und zu kalt, die USA passen ihr momentan nicht ins Konzept, und so bot sich eigentlich nur noch Australien für die ambitionierte junge Frau an. Beim Arbeitsamt hatte sie sich rechtzeitig unter den Stichworten Jobs und Praktika informiert. Angeboten werden da beispielsweise Ferienjobs in Disney-Land, aber auch "Live and Work" in Australien. "Als ich das durchgelesen hatte, war ich sofort Feuer und Flamme", erinnert sich die 19-Jährige. Doch es gab auch einen Wermutstropfen: Die Laufzeit betrug ein Jahr. "Das war mir einfach zu lang wegen meinem Freund. Ich hatte mir ein halbes Jahr vorgestellt", erzählt Anja. Außerdem will sie sich auch in Ruhe auf ihr Studium vorbereiten, das irgendetwas mit Technik und Mathematik zu tun haben muss. Dazu zählt die Wohnungssuche oder auch die Antragstellung fürs Stipendium.

"Irgendwann fiel mir ein Heftchen in die Hände, in dem stand, dass dieses Programm seit neuestem auch für ein halbes Jahr angeboten wird. Da hab' ich mich gleich beworben", freute sich Anja. Das Auswahlverfahren übernahm eine britische Organisation. Bevor die Kirchheimerin überhaupt zu den Prüfungen zugelassen wurde, musste sie einige Referenzen vorlegen. Gutes Englisch wird vorneweg vorausgesetzt, aber auch soziales Engagement ist gefragt. Anja ist beim CVJM aktiv und gibt schon seit Jahren Nachhilfeunterricht. "Im Februar musste ich nach Bonn fahren zu einem Auswahlgespräch, das auf Englisch stattfand", erläutert Anja.

Banges Warten war nun angesagt, erst im April kam die ersehnte Zusage. "Einen Tag vor dem Deutsch-Abi bekam ich einen Anruf aus Australien. Ich hatte sogar zwei Schulen zur Auswahl", erzählt die 19-Jährige. Zum einen handelte es sich dabei um ein "normales Internat" in Melbourne und zum anderen um das Outdoorcamp in den Darling Downs. "Das Outdoorcamp hat mich wesentlich mehr angesprochen. Ich bin gerne in der Natur. Bei Freizeiten in Spanien, in denen ich als Betreuerin gearbeitet habe, bin ich schon geklettert, und ansonsten wandere und jogge ich gerne", beschreibt Anja ihre Hobbys. Der Bezug zur Natur ist der Abiturientin wichtig. "Das ist eine ganz andere Welt, als ich sie später dann im Studium vorfinde", nennt sie eine weitere Motivation für dieses exotische Ziel.

"Man weiß nicht, was einen täglich so erwartet, man ist für alles zuständig", weiß Anja. Seit etwa zwei Monaten hat die Schule einen Internetanschluss, doch für die Schülerinnen und Schüler gelten strenge Regeln: es gibt weder Handy noch Radio, Fernsehen oder Zeitungen. Das Leben spielt sich in der Gruppe ab, frei nach dem Musketier-Motto: einer für alle, alle für einen. Es gibt jedoch auch Unterricht, und jeder Schüler hat ein Referat zu halten. Fernab der Zivilisation muss sich jeder auf die ungewohnten Lebensbedingungen einstellen. Komfort wird klein geschrieben, und auch die Tierwelt hat es in sich. "Es gibt Schlangen und Spinnen, die nicht so harmlos sind", weiß Anja.

Die Kirchheimerin profitiert von den Erfahrungen einer Vorgängerin, sodass sie schon in groben Zügen weiß, was auf sie zukommt: Mädchen für alles, dürfte die Sache wohl am besten umschreiben. Um über den Jetlag hinwegzukommen, bleibt sie für zwei Tage in Melbourne, ehe es dann an die neue Wirkungsstätte geht. "Ich habe eine Mega-Telefonliste für den Fall des Falles", meint die 19-Jährige lachend. Illusionen gibt sie sich nicht hin. "Der Job ist körperlich anstrengend, auch am Wochenende muss ich arbeiten", erzählt sie. Für ihre Tätigkeit erhält sie Unterkunft, Essen und Trinken sowie ein Taschengeld. Außerdem bekommt sie Urlaub. Zu dieser Zeit wird sie voraussichtlich Besuch aus Deutschland erhalten, um gemeinsam den fünften Kontinent zu erkunden.

"Ich bin Schütze und damit abenteuerlustig und reisefreudig", verrät Anja ihre Motivation. Die Abiturientin ist überzeugt, dass sie im australischen Busch bedeutend mehr für ihr weiteres Leben lernt, als in einer herkömmlichen Schule in der Stadt. Für sie ist das halbe Jahr eine körperliche und psychische Herausforderung.

Ein Beauty-Case war nicht in ihrem 30-Kilo-Reisegepäck. Dafür festes Schuhwerk und jede Menge praktische Kleidung. "Meine alten, ausgeleierten T-Shirts habe ich schon eingepackt. Ich denke, ich werde jede Menge davon gebrauchen", sieht Anja Honegger unternehmungslustig in die australische Zukunft.

INFOAnja Honegger ist mittlerweile sicher in Australien angekommen. In regelmäßigen Abständen will sie über ihre Erlebnisse in "down under" auf der Jugendseite berichten.