Lokales

Erinnerung an jüdische Schicksale

Teckboten-Serie folgt den Kirchheimer Stolpersteinen

Insgesamt 14 Stolpersteine erinnern in Kirchheims Innenstadt an das Schicksal jüdischer Mitbürger, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft deportiert und ermordet wurden. Im Rahmen einer kleinen Teckboten-Serie werden ihre Biografien wieder lebendig.

richard umstadt

Kirchheim. „Nur wenn Deutschland sich zu seiner immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte bekennt, können wir die Zukunft menschlich gestalten“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer viel beachteten Rede vor der Knesset zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels. Ein verantwortungsvolles Bekennen setzt die Erinnerung voraus. Der Kölner Künstler Gunter Demnig versteht seine Arbeit in diesem Sinne. Europaweit senkte er in den vergangenen elf Jahren insgesamt 14 000 Stolpersteine in die Erde.

Inzwischen heben sie in 305 deutschen Städten und Gemeinden, in elf österreichischen, 13 ungarischen und einer holländischen Kommune die Namenlosen aus der Dunkelheit des Vergessens ans Licht der Erinnerung. Bei den Stolpersteinen handelt es sich um Betonwürfel, die mit einer Messingplatte versehen sind. Auf dieser Platte stehen der Name des NS-Opfers, das Geburtsjahr sowie Jahr und Zielort der Deportation.

Diese Erinnerungskultur liegt Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker – aber nicht nur ihr – besonders am Herzen. Deshalb nahm sie auch die von Bürgern gespendeten Stolpersteine als Geschenk an die Stadt gerne an. Initiiert von Stadträtin Dr. Silvia Oberhauser und der Frauenliste und unterstützt durch Brigitte Kneher, Gunter Basler und Stadtarchivar Rainer Kilian, gab Gunter Demnig den deportierten Kirchheimer Juden einen Ort des Innehaltens und Gedenkens.

Insgesamt 14 Stolpersteine in den Straßen der Teckstadt erinnern an das Leben und Leiden der ehemaligen Kirchheimer jüdischen Glaubens. Heute und in den folgenden Teckboten-Ausgaben werden die Schicksale der Familien Bernstein, Reutlinger und Salmon, recherchiert von Brigitte Kneher, beschrieben. Sie lebten bis 1940 beziehungsweise `41 und `42 in der Teckstadt, bevor sie nach Auschwitz, Minsk und in andere Vernichtungslager in den Osten deportiert wurden. Ihnen und ihren Familienangehörigen sind die Stolpersteine gewidmet, die Gunter Demnig vor deren ehemaligen Wohnstätten anbrachte.

Insgesamt rund 60 Kirchheimer Bürger jüdischen Glaubens lebten in den 30er-Jahren in der Teckstadt, von denen aber nicht alle deportiert wurden. „Wer es schaffte, ist rechtzeitig ausgewandert“. Angelika Matt-Heidecker wusste, dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch 43 Juden in Kirchheim gewohnt hatten, am Ende des Kriegs kein einziger mehr. Ihre Schicksale vor und während des Dritten Reichs sind übrigens in der vom Stadtarchiv Kirchheim herausgegebenen Schriftenreihe, Band 3, unter dem von Brigitte Kneher verfassten Kapitel „Chronik der jüdischen Bürger Kirchheims seit 1896“ nachzulesen.

Brigitte Kneher war es auch, die vor über 20 Jahren die nicht leichte Aufgabe übernahm, zu denjenigen Kirchheimer Juden Kontakt aufzunehmen und sie in ihre einstige Heimatstadt einzuladen, die die menschenverachtende nationalsozialistische Gewaltherrschaft überlebt hatten, beziehungsweise rechtzeitig nach Israel oder in die USA ausgewandert waren.

Aus Gesprächen mit Angehörigen der Familien Reutlinger und Salmon, beide Familien leben in den USA, und Überlebenden der Familie Bernstein in Israel, weiß Brigitte Kneher, dass es für sie Trost bedeutet, zu wissen, dass durch die kleinen Gedenksteine in Kirchheim die Namen ihrer Anverwandten aus dem Vergessen geholt wurden.

„Es geht nicht um die Schuld derer, die nach 1945 geboren sind, sondern um die Verantwortung, die wir für die Vergangenheit zu tragen haben“, sagte Kirchheims Stadtoberhaupt Angelika Matt-Heidecker im April 2007, als die ersten neun Stolpersteine verlegt wurden. Oder wie es die Bundeskanzlerin vor der Knesset ausdrückte: „Menschlichkeit erwächst aus der Verantwortung für die Vergangenheit.“

Anzeige