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Erinnerungen an den "Eskimo" mit Schokohülle

KIRCHHEIM Wenn alteingesessene Kirchheimer den Namen "Heilemann" hören, läuft ihnen unwillkürlich das Wasser im Munde zu-

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IRENE STRIFLER

sammen. "An unser Eis kann sich jeder erinnern", lacht Maria Heilemann, langjährige Chefin der gleichnamigen Konditorei in der Marktstraße. 1973 schlossen sich die Pforten des Betriebs für immer. Legendär ist aber heute noch der "Eskimo" aus dem Hause Heilemann, ein Sahne-Eis am Stil mit leckerem Schoko-Überzug. Das gab's nach dem Krieg für 30 Pfennig, kleinere frostige Delikatessen in jener nicht gerade vom Übermaß gekennzeichneten Zeit schon für einen Groschen.

Das Eis war wohl das berühmteste Produkt der Konditorei, doch Maria Heilemann kennt das komplette Angebot noch genau: "Wir hatten 28 Pralinensorten", erzählt sie und schwärmt besonders von der Marzipanfüllung. Darüber hinaus gab's leckere Schneckennudeln, verführerische "Teckbissen" oder auch variantenreiches Teegebäck. Die Kunst der Gebäckherstellung hat sich die überaus rüstige Rentnerin bis heute bewahrt. Auf dem Tisch steht eine Schale voller köstlicher "Pariser Platten". Maria Heilemann hat sie selbst mit Unterstützung ihrer "Guten Seele" produziert, und das im Alter von fast 90 Jahren.

Morgen feiert die Konditorsfrau Geburtstag. Geboren wurde sie vor 90 Jahren als Bäckerstochter in Bad Liebenzell. Doch ihr Vater starb noch kurz vor ihrer Geburt. Die Mutter siedelte nach Kirchheim über, und nach ihrer Wiederverheiratung wuchs die kleine Maria im Hause von Stahlwaren-Riedinger auf.

Ihre große Liebe fand sie dann wieder beim süßen Handwerk, als sie Eugen Heilemann kennen lernte, dessen Vater in der Marktstraße 35 eine Konditorei betrieb. Der Sohn war bereits weit herumgekommen: Als Konditormeister tourte er auf einem Vergnügungsdampfer um die Welt und versorgte danach als leitender Konditor die Bewohner des olympischen Dorfes in Berlin mit süßen Delikatessen. Zurück im Schwabenländle heiratete er Maria, die sogleich in die Konditorei mit einstieg. Die musste sie während der langen Kriegsjahre, als ihr Mann in Russland war, allein führen, unterstützt von der gesamten weiblichen Verwandtschaft. Trotz aller Arbeit fand sie täglich Zeit für einen Brief, und auch Eugen Heilemann griff täglich zu Bleistift und Papier. "Einmal erhielt ich 50 Briefe auf einmal", erinnert sich die Jubilarin, "da dachte ich: Jetzt ist alles aus." Umso glücklicher war die Familie, als der Soldat wieder zuhause auftauchte.

Gemeinsam ging dann manches leichter. Der Betrieb in der Kirchheimer Innenstadt lief bestens, noch heute erinnert sich Maria Heilemann, wie ihr Eis in großen Mengen zu Festen ausgeliefert wurde, gekühlt mit überdimensionalen Eisplatten aus dem Teckkeller. Nach vielen Jahren entschloss sich das Paar zur Schließung des Betriebs. Sohn und Tochter kamen für eine Übernahme nicht in Frage, hatte es sie doch nach Neuseeland und in die Schweiz verschlagen. Das Fernweh steckt der Familie eindeutig im Blut. Der Wunsch nach ausgedehnten Reisen war nämlich der Grund, weshalb sich das aktive Ehepaar ins Privatleben zurückzog. "Wir haben gemeinsam mehrere Weltreisen unternommen", berichtet Maria Heilemann und weist auf eine Auflistung aller Touren am Schrank hin, die manchem modernen Weltenbummler den Atem stocken lässt: Das Nordkap findet sich ebenso als Reiseziel wie Südamerika, Kenia und Auckland, Kalifornien und Moskau. Zahlreiche Nadeln auf einer Karte bezeugen, wie die weite Welt im Kirchheimer Haus der Heilemanns Einzug gehalten hat. Ein Schiff vom Titikakasee baumelt darüber, daneben hängt ein Känguru-Fell. Zu allem hat Maria Heilemann Geschichten und Erinnerungen parat.

Mit einer schweren Erkrankung ihres Mannes, die 1994 zu seinem Tod führte, fand die aktive Zeit des Ruhestands ihr Ende. Doch auch danach ließ es sich Maria Heilemann nicht nehmen, regelmäßig den Sohn in Neuseeland zu besuchen, und in Kürze fährt sie für ein paar Tage in die Schweiz. Von dort reist zuvor die Geburtstagsgesellschaft an, mit der die Jubilarin ihr Fest begehen wird. Aber auch außer der Verwandtschaft wird sich sicher eine große Zahl an Gratulanten einstellen. Schließlich hat Maria Heilemann nicht nur dem Albverein lange Zeit die Treue gehalten, sondern auch 64 Jahre lang im Liederkranz mitgesungen. Keine Frage: Für ihr Hobby Sticken und das tägliche Lesen des Teckboten schon in aller Frühe wird die patente Konditorsfrau dieser Tage kaum Zeit finden.