Lokales

Erinnerungen an die "Mutter Kirchheims und des Kirchheimer Bezirks"

KIRCHHEIM Noch nie in der 175-jährigen Geschichte des "Teckboten" wurde so viel Trauer und Anteilnahme bekundet als in den ersten Januartagen des Jahres 1857. Die schwarz umrandete Titelseite der

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KARL-GEORG SINDELE

ersten Ausgabe des gerade begonnenen Jahres befasste sich mit dicken dunklen Lettern mit einer Todesbotschaft. "Unsere vielverehrte, vielgeliebte Frau Herzogin, Königliche Hoheit, ist zur ewigen Ruhe eingegangen. In jedem Haus fühlt man tief den unersetzlichen Verlust, der mit der Königlichen Familie auch uns, wie die Gemeinden rings umher betroffen hat". Wenig später widmete der Neidlinger Pfarrer Meyding der Verstorbenen, "der Mutter Kirchheims und des Kirchheimer Bezirks" auf den ersten zwei Zeitungsseiten des Teckboten ein vielstrophiges Nachruf-Gedicht, das umgehend von Schullehrer und Organist Balz für Männerstimmen vertont wurde.

Im Kirchheimer Totenbuch war sachlich vermerkt worden, dass Frau Herzogin Henriette im Königlichen Schloss am 2. Januar 1857 mittags 11 Uhr an einem Hirnschlag im Alter von 76 Jahren acht Monaten und elf Tagen verstorben sei.

Tage der TrauerObwohl man seit geraumer Zeit wusste oder auch munkelte, dass es mit dem Gesundheitszustand der durch Schlaganfall und Lungenentzündung geschwächten Schlossherrin nicht zum Besten bestellt war, schockierte die Todeskunde die eigene Familie und den Kirchheimer Oberamtssprengel. Es waren denn auch ungewöhnlich viele Trauergäste und wohl auch Neugierige, die am Montag, 5. Januar, im Kirchheimer Schloss an der einbalsamierten Verstorbenen im offenen Sarg vorbeizogen. Und ebenso drängten am folgenden Tag Leute von nah und fern zum Trauergottesdienst mit Dekan Weitzel in die übervolle Martinskirche, deren Türen auch für die vielen im Freien Stehenden weit offen bleiben mussten. Seit Sonntag läuteten täglich dreimal alle Kirchenglocken der Teckstadt.

Am Mittwoch, 7. Januar, hielt Prälat von Moser, der langjährige Beichtvater der Herzogin, am offenen Sarg im Rundsaal des Schlosses einen Trauergottesdienst vor der königlichen und herzoglichen Familie. Nachdem die Angehörigen Abschied genommen hatten, wurde der Sarg geschlossen und von Mitgliedern des Kirchheimer Gemeinderats auf den mit sechs Rappen in schwarzem Geschirr bespannten Leichenwagen getragen. Wie im Hofprotokoll vorgesehen, setzte sich um 13 Uhr ein beachtlicher Trauerkondukt von Kirchheim nach Stuttgart in Bewegung.

Der letzte WegUnter Glockengeläut und mit Trauermärschen ging es durch die von Menschen gesäumten Straßen zur Alten Plochinger Steige. Vorneweg und am Ende des von Reitknechten flankierten Leichenzugs ritten je eine Schwadron des 2. Reiterregiments, also des früheren Louisjäger-Regiments des längst verstorbenen Gemahls der Herzogin. Begleitet wurde der Wagen der Verstorbenen von den hochrangigen königlichen Kommissären Minister von Hügel und Oberstallmeister von Taubenheim sowie von Prälat von Moser, Dekan Weitzel, Leib- und Oberamtsarzt Dr. von Hauff und dem herzoglichen Geschäftsführer Hofrat Preu. Auf dem Weg über Plochingen und Esslingen wurde der Zug von den Honoratioren und der Bevölkerung der gestreiften Gemeinden mit Trauergeläut und Trauergesang empfangen.

Dass hier nicht eine x-beliebige Adlige zur letzten Ruhe begleitet wurde, sondern eine veritable Königinmutter, wurde spätestens in Stuttgart offenkundig. In Berg schloss sich Oberst von Reischach mit dem Rest der Louisjäger samt Musikabteilung an. Und vom Königstor beim heutigen Hauptbahnhof über die Königstraße bis zur Stiftskirche standen die drei Stuttgarter Infanterie-Regimenter Spalier. Das Glockengeläut sämtlicher Stuttgarter Kirchen verstummte erst wieder, als der Sarg Henriettes vom Wagen gehoben und zum Trauergerüst am Altar der Stiftskirche getragen wurde.

Die königliche Hofkapelle spielte den ersten Satz des Requiems von Jomelli und Oberhofprediger von Grüneisen hielt vor einer prominenten in Trauerflor erschienenen Trauergemeinde die Ansprache mit dem Leitsatz aus Johannes 11,25 "Ich bin die Auferstehung und das Leben".

Vor den Augen des königlichen Hauses, des Hofstaates, des diplomatischen Korps, des Offizierskorps, der Regierungs-, Landtags- und Stuttgarter Gemeinderatsvertreter sowie der Kirchheimer Teilnehmer wurde der Sarg unter Trauerkantatenbegleitung der Hofkapelle in die Gruft unter dem Chor getragen und vom Oberhofprediger nochmals eingesegnet.

Der Sarg mit dem einbalsamierten herzoglichen Leichnam steht heute noch in dieser für die Öffentlichkeit unzugänglichen geschichtsträchtigen Gruft des Hauses Württemberg. Mehr als 100 Verstorbene aus fast 600 Jahren haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Aber schon 1817 beim Tode von Herzogin Henriettes Gemahl Louis gab es Bedenken, wie lange man noch die Gruft belegen könne. Dies muss Henriette bewusst geworden sein.

Wie ließe es sich sonst erklären, dass sie wenige Tage nach dem Tode von Louis eine Art letztwillige Verfügung niederschrieb und für den Fall, dass in der Gruft kein Platz mehr für sie sei und sie an ihrem Witwensitz Kirchheim sterbe, darum bat, "dass die hiesige Bürgerschaft mich auf hiesigem Kirchhof bestatte", natürlich mit Begleitung der Geistlichkeit und kurzer Rede des Beichtvaters, des damaligen Dekans Pfeiffer. Damit ihre Kinder die Begräbnisstelle finden können, solle ein einfacher Stein das Grab bedecken. Einer ähnlichen Verfügung während der Italienreise 1819 ist zu entnehmen, dass auf dem Stein außer ihren Daten und einem frommen Spruch auch stehen soll: "Sie war eine glückliche Mutter."

Die Stadt Kirchheim hat leider neben der nicht exakt bekannten Grabstelle der Barbara Gonzaga im Klosterbereich und der Gruft Franziskas von Hohenheim unter dem Chor der Martinskirche keine weitere herzogliche Gedenkstätte erhalten. Denn Henriette fand als vorletzte Angehörige des Hauses Württemberg doch noch Platz in der Gruft der Stuttgarter Stiftskirche, bevor diese dann 1860 zum letzten Mal belegt wurde.

Die NachtrauerKönig Wilhelm I. ordnete für seine Tante und Schwiegermutter eine Hoftrauer von zwölf Wochen mit zeitweiliger Schließung des Hoftheaters an. Ein ausführlicher Nachruf im Staats-Anzeiger für Württemberg würdigte die Verstorbene mit ihrer erlesenen Abstammung, ihrem bemerkenswerten Lebenslauf und ihrer weit bekannten Wohltätigkeit.

Auf das Kondolenzschreiben des Kirchheimer Stiftungs- und Gemeinderats bedankte sich der König bereits am 12. Januar für die Anteilnahme und bat den Dank auch der gesamten Einwohnerschaft der Stadt Kirchheim "für die treue Anhänglichkeit und dankbare Liebe für die Verewigte" weiter zu geben. Und Dekan Weitzel, der gute Beziehungen zu Henriette unterhalten hatte, wurde für die geistliche Betreuung der Herzogin vom König mit dem Ritterkreuz des Friedrichsordens ausgezeichnet.

Der Stuttgarter Stadtpfarrer Albert Knapp, einst Pfarrer an der Kirchheimer Martinskirche und lebenslänglich eng Vertrauter der Herzogin, konnte seine vielfach bewiesene poetische Neigung auch im Falle des Todes seiner Verehrerin nicht unterdrücken und widmete "der Fürstin von außen, Fürstin von innen" ganz im Stil seiner Zeit einen langen Nachruf in überschwänglich huldigenden Versen, die mit ganz wenigen Zeilen auszugsweise wiedergegeben seien:Denn Du verstandest's, seit Du Gott gefundenZu theilen Deine Liebe weit umher;Du fragtest kaum nach eignen HerzenswünschenDes Nächsten Leid betrübte Dich viel mehr.Rings um dein Schloß was darf man dort erschauen?Bescheidner Frauen friedensreiches Stift,Ein Waisenhaus, Du wolltest es erbauen,Ein Hospital, wo sehendes VertrauenDer Leidenden Herberg und Liebe trifft.So wurdest Du die Perle jener FrauenDie seit Jahrhunderten Dein Schloß umfing.

Verehrung der WohltäterinDie Trauer wich so nach und nach und wandelte sich in dankbare Verehrung. War es doch ein Glücksfall für die Stadt Kirchheim und den Umkreis, dass diese bemerkenswerte Frau zunächst unfreiwillig und unter unglücklich-blamablen Umständen den Weg in die Oberamtsstadt in Albtraufnähe fand. Aufgrund seiner unbeschreiblich hohen Verschuldung bekam der herzogliche Gemahl Louis Residenzverbot und wurde samt Frau und Kindern in das durch den Tod Herzogin Franziskas 1811 freigewordene Stadtschloss Kirchheim "verbannt".

Der frühe Tod von Louis, die Vitalität einer damals erst 37-jährigen Witwe und ein erfreulich langes, noch fast 40 Jahre währendes Leben in zunehmend frommer Witwenschaft bescherten Kirchheim ein reichhaltiges wohltätiges Wirken einer im Übrigen sehr toleranten, weltoffenen und bürgernahen Aristokratin. Dabei hatte sie als nicht regierende Herzogin einer Nebenlinie doch keine politische Macht und Exekutivbefugnisse. Durch die Heirat ihrer Tochter Pauline mit König Wilhelm I. im Jahre 1820 war sie für 37 Jahre mit dem Nimbus einer Königinmutter Württembergs versehen. Nicht zuletzt waren es vor allem ihre geistreiche Argumentationskraft, ihr Verhandlungsgeschick und ihre Hartnäckigkeit in komplexen Willensbildungsprozessen, ihre ständig wachsende Autorität und auch ihre Spendier-freudigkeit trotz nicht üppiger Finanzausstattung, die sie zu einer zentralen Person der "organisierten" Wohltätigkeit werden ließ.

Heute wäre sie eine Leitfigur der karitativen Diakonie oder, noch moderner ausgedrückt, eine "Charity-Lady" mit sehr guten Fähigkeiten im "Fundraising" (Spendensammeln) und von Herzen kommender Sponsoring-Bereitschaft, die sich auch mit Sicherheit für die Randgruppen der Gesellschaft und Tätigkeitsfelder wie der Jugend- und Schulsozialarbeit engagieren würde. Mag sie bei manchen Aktionen durch die enge Verbindung mit dem Königshaus in Zugzwang gekommen sein und mag sie auch die wohltätigen Einrichtungen nicht erfunden haben, stets half sie den Armen aus religiöser Überzeugung, und dies vor allem auch in der oft im Verborgenen blühenden "stillen" Wohltätigkeit. Wie dem auch sei, ohne ihre Hilfe und ihre Tatkraft wären viele Einrichtungen in Kirchheim nicht oder nicht so schnell zustande gekommen.

Sie setzte sich seit 1817 für sogenannte Industrieschulen ein, die Armen über das Erlernen handwerklicher Fertigkeiten wie Flechten, Spinnen, Nähen und anderes mehr Möglichkeiten eines kleinen Broterwerbs verschaffen sollten. Dank ihres Einsatzes und mancher finanzieller, auch spontaner Nothilfe aus ihrer Privatschatulle konnte 1826 die Kinderrettungsanstalt Paulinenpflege für Waisen und verwahrloste Kinder eröffnet werden; ebenso 1838 eine erste Kleinkinderschule (Kindergarten) in Kirchheim, 1840 das Wilhelmshospital als erstes Krankenhaus, 1852 ein Frauenstift (rund zwei Jahrzehnte später in Henriettenfrauenstift umbenannt), 1853 eine Suppenanstalt, 1855 eine höhere Töchterschule. Unvergessen ist auch ihre Start- und Anschubhilfe beim Zustandekommen der Freiwilligen Feuerwehr im Revolutionsjahr 1849.

Viele der genannten Institutionen bestehen mit teils veränderten Aufgaben heute noch. Wie viel Notleidende, ehemalige Bedienstete und Nahestehende reichhaltig im Stillen beschenkt wurden, kann kaum erahnt werden.

Viele Facetten eines LebensEs ist das erfolgreiche wohltätige Wirken, das Henriette eine die Zeiten überdauernde Verehrung in Kirchheim, im protestantischen Altwürttemberg wie auch im Hause Württemberg gesichert hat. Aber man befasst sich auch gerne mit dem faszinierenden Lebenslauf, der die 1780 in Kirchheimbolanden geborene Prinzessin von Nassau-Weilburg quer durch deutsche Gefilde ins Baltikum und nach Sankt Petersburg, nach Genf, Rom, Wien, ja Budapest geführt hat. Mit einem leichten Hauch von Stolz blickte und blickt man als Kirchheimer auf die vornehmen Verwandtschaftsbeziehungen Henriettes: Sie kannte alle vier württembergischen Könige. Zunächst war sie Schwägerin des ersten Königs Friedrich und Tante des zweiten Königs; dann wird sie durch die Heirat ihrer Tochter Pauline auch Schwiegermutter König Wilhelms I., Großmutter von König Karl und noch erlebte Urgroßmutter des letzten Königs Wilhelm II., dem nachgesagt wurde, einiges vom Naturell Henriettes geerbt zu haben. Außerdem war sie die Tante der russischen Zaren Alexander I. und Nikolaus I. sowie der mit ihr auch eng befreundeten Königin Katharina (Pawlowna). Kronprinzessin Olga, die Frau ihres Enkels Karl, war eine Großnichte.

Bereits zu Lebzeiten wird Henriette mit ihren fünf Kindern und bald 20 Enkeln eine bemerkenswerte "Großmutter Europas". Heute kann man sie mit Fug und Recht als eine "Urgroßmutter Europas" beziehungsweise Urgoßmutter des europäischen Hochadels bezeichnen. So ist die englische Königin Elisabeth II. eine dreifache Urenkelin und der spanische Bourbonenkönig Juan Carlos I. ein vierfacher Urenkel.

Aber all diese Facetten eines inte-ressanten Lebenslaufs, der verwandtschaftlichen Beziehungen, der Abstammungslinien, auch der eigenen Herkunft von deutschen und englischen Königen, sind keine Verdienste wie es die Leistungen in der Wohltätigkeit darstellen. Bewundernswert bleibt aber, wie Henriette ihr Leben standhaft durch alle Höhen und wohl auch gewaltige Tiefen steuerte, in der zweiten Lebenshälfte dabei auch Kraft und Halt in einem festen Glauben und großem Gottvertrauen fand.

"Henrietten-Jahr"Zu ihrem 150. Todestag hat der Verfasser des Artikels eine Biografie der Herzogin Henriette im Jan Thorbecke Verlag veröffentlicht. Die Kirchheim Info wird an einem Messestand bei der Stuttgarter Ausstellung Caravan-Motor-Touristik (CMT) im Januar Herzogin Henriette Kirchheims historischen Stolz wieder herausstellen.

Die gemeinsamen Aktivitäten des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Kirchheim unter Teck zu Ehren der Herzogin werden zu Beginn des Jahres noch bekanntgegeben. Wenn 2006 ein Max-Eyth-Jahr war, so wird 2007 in Kirchheim ein Jubiläumsjahr der Herzogin Henriette.Quellen: Hauptstaatsarchiv Stuttgart G-Bestände, Hohenlohisches Zentralarchiv Neuenstein La-Bestände, Stadtarchiv Kirchheim (A-Bestände, LKAS-Mikrofilme), Der Teckbote.Ausgewählte Literatur: Sindele, Karl-Georg: Herzogin Henriette von Württemberg Eine Biografie [1780-1857], Ostfildern, 2006; Ledderhose, Karl Friedrich: Die Herzogin Henriette von Württemberg, geb. Prinzessin von Nassau-Weilburg, Heidelberg, 1867