Lokales

Erinnerungen an die schönste Zeit im Leben

Filmnachmittag für Demenzkranke – Wohngemeinschaft als erfolgreiche Wohnform

In der Wohngemeinschaft für Demenzkranke werden regelmäßig Filmnachmittage für die Bewohner veranstaltet. So sollen Erinnerungen wachgerufen und lebendig gehalten werden.

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Anna Haack

Kirchheim. In gemütlichen Sesseln sitzen die Bewohner der Demenzwohngemeinschaft in Kirchheim vor dem Fernseher. Ein paar Angehörige sind auch da. Es läuft: „Der Haus­tyrann“ mit Heinz Erhardt. Was für manche ein alter Schinken ist, macht den Bewohnern der Wohngemeinschaft für Demenzkranke ihre Jugend für ein paar Stunden greifbarer und lebendiger.

Demenzkranke leiden vor allem unter dem Verfall ihrer geistigen Leistungsfähigkeit. Im Verlauf der Krankheit werden unter anderem das Orientierungs- und Urteilsvermögen sowie das Sprach- und Rechenzentrum beeinträchtigt. Auch wenn die alten Menschen viel vergessen – an ihre Jugendzeit können sich die meisten noch sehr gut erinnern. „Oft sprechen die Bewohner noch tagelang über den Film und ihre damit verbundenen Erinnerungen“, erzählt Wiltrud Krimmer, eine Angehörige.

Die Mitarbeiter, von denen die Idee zum Filmnachmittag stammt, wissen, dass nicht alle Filme geeignet sind. Vor allem die heute üblichen können Ängste und Verwirrung hervorrufen. Deshalb sind die „Streifen“ aus der Jugendzeit der Betroffenen, besonders passend. Dadurch leben Erinnerungen, an die, wie man sagt, schönste Zeit des Lebens wieder auf und das ist für die Demenzkranken immer wieder ein Erlebnis. „Der Filmnachmittag tut den Bewohnern gut“, bestätigt Wiltrud Krimmer. Am Abend wird das Gesehene gemeinsam besprochen und jeder kann seine Gedanken äußern. Das gibt Angehörigen und Pflegern auch die Möglichkeit, andere Themen zur Sprache zu bringen.

Vorbild für die Kirchheimer Einrichtung sind Wohngemeinschaften für Demente in Berlin. Angehörige, die mit der allgemeinen Betreuungssituation unzufrieden waren, haben den Verein „Gemeinsam statt Einsam“ gegründet. Nachdem eine passende Wohnung im Zentrum von Kirchheim gefunden und einiges an Organisatorischem bewältigt war, konnten die Ersten einziehen. Mittlerweile besteht die für Frauen und Männer gedachte Wohngemeinschaft in zentrumsnaher Lage seit knapp fünf Jahren. Insgesamt können acht Personen in sieben Einzelzimmern und einem Doppelzimmer untergebracht werden. Zurzeit leben dort sieben Frauen zusammen, ein Platz ist momentan frei.

Betreut wird die Wohngruppe von einem ambulanten Pflegedienst, Angehörigen, Angestellten und Ehrenamtlichen. Es gibt keinen „Chef“, nur verantwortliche Ansprechpartner für bestimmte Bereiche wie Pflege oder Hauswirtschaft. So ist rund um die Uhr jemand für die Bewohner vor Ort. „Jeder Bewohner kann so lange brauchen wie er will und seine Lebensgewohnheiten beibehalten“, betont Wiltrud Krimmer.

Die Bedürftigkeit der Bewohner reicht von Pflegestufe null bis drei. Den Initiatoren ist es wichtig, dass jeder Bewohner dort abgeholt wird, wo er ist und dass individuell auf ihn eingegangen werden kann. Ihnen Wertschätzung entgegenzubringen ist grundlegend für das Konzept. Deshalb haben alle Angehörigen und Mitarbeiter die Fortbildung „Integrative Validation“ besucht.

Die Bewohner fühlen sich in der familiären Wohnform sehr wohl, sie ermöglicht es ihnen, länger selbstbestimmt zu leben. Trotzdem sind sich Menschen mit Demenz meistens bewusst, dass ihre geistigen Fähigkeiten nachlassen und das macht ihnen zu schaffen. Um dem entgegenzuwirken, werden die Bewohner für tägliche Aufgaben wie Spülmaschine ein- und ausräumen, Bügeln oder Gemüse schneiden aktiv eingebunden. Das stärkt das Selbstwertgefühl und gibt ihnen die Möglichkeit, sich in das Alltagsleben einzubringen.

Für viele ist eine Wohngemeinschaft als Lebensform für demente Menschen allerdings noch ein Novum. Auch Wiltrud Krimmer gibt zu: „Was man durch die richtige Betreuung bewirken kann, das hätte ich nie gedacht.“

Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam statt Einsam“ ist Sybille Mauz. Sie ist unter der Telefonnummer 0 70 21/4 71 48 oder per E-Mail an gemeinsam-statt-einsam@t-online.de erreichbar.