Lokales

Erst um Mitternacht ist Schluss

Modellversuch erlaubt Verlängerung der Außenbewirtschaftung freitags und samstags

Ziemlich hitzig und auch durchaus witzig, trotzdem mit Tiefgang und im Bemühen um einen tragfähigen Kompromiss diskutierten Kirchheims Stadträte die Verlängerung der Bewirtschaftungszeit in Biergärten. Ergebnis: Bürger und Gäste dürfen ihren Schlummertrunk in diesem Sommer freitags und samstags bis 24 Uhr im Freien genießen. Der Modellversuch ist auf drei Monate beschränkt.

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irene strifler

Kirchheim. „Höret Leut‘, i muss was saga: Glei‘ wird‘s dieba elfe schlaga! Trenkat aus ond weret still, weil des so dr Stadtrat will!“ – Mit dem „Gastwächterlied“ des Kirchheimer Sebastian Blau-Preisträgers Hans Paulin stimmte der Stiftsscheuerwirt seine Gäste freitags und samstags aufs städtisch verordnete Ende des Freiluftvergnügens ein. Damit nahm er die knappe Entscheidung des Rats gegen eine Verlängerung der Freiluft-Sperrstunde vor einem Jahr humorvoll auf die Schippe.

Die Zeiten ändern sich. Grüne und SPD brachten ihren gemeinsamen Antrag erneut ein. Die Argumente dafür und dagegen waren übers Jahr gleich geblieben, doch die Mehrheiten haben sich verschoben: Fiel der Antrag vor einem Jahr mit 14 zu 15 Stimmen durch, fanden sich jetzt 17 Befürworter eines Modellversuchs bei elf Gegnern. Von 15. Juni bis 15. September darf nun freitags und samstags in der Außengastronomie der Innenstadt bis Mitternacht bewirtet werden.

Eingangs hielt Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker entsprechend dem Verwaltungsantrag auf Beibehaltung der bisherigen Regelung ein flammendes Plädoyer für eine funktionierende Innenstadt. Hier stehe der Schutz der Anwohner im Vordergrund. „Wohnen, leben, schlafen“ sieht die Stadtchefin als wesentliche Ziele für das Zentrum. Sie erinnerte daran, dass das Argument der ruhebedürftigen Anwohner auch mitentscheidend war für das Parkverbot auf dem Schlossplatz.

„Eine belebte Innenstadt hat eine soziale Kontrollfunktion“, setzte SPD-Mann Andreas Kenner für die Antragsteller dagegen. Eben weil auch ihnen die Anwohner wichtig seien, handle es sich um einen Modellversuch ohne Automatismus, in den zudem die Schulferien fielen. Die Biergartenbesucher seien eben gerade nicht Vandalen, die randalierend durch die Stadt zögen und von niemandem so einfach heimgeschickt werden könnten. „Stärken wir den Normalbürger“, forderte Kenner „Mut zum Modell“.

„Drei Monate zwei Stunden pro Woche, das können wir wagen“, meinte auch Grünen-Fraktionsvorsitzender Andreas Schwarz. Lärm habe andere Quellen, er entstehe nicht primär im Biergarten. Eben weil das Motto „Wohnen, leben, schlafen“ ernst zu nehmen sei, gelte es, die Innenstadt als Ort der Kommunikation zu würdigen: „Biergärten soll es nicht nur in Gewerbegebieten geben.“

„Fast an jedem Wochenende findet ein Event statt, die zumutbare Grenze für die Anwohner ist schon überschritten“, setzte Dr. Silvia Oberhauser von der Frauenliste dagegen. Ruhebedürfnis und Gesundheit stellte sie dem Bedürfnis nach „Spaß und Fun“ gegenüber und ließ keinen Zweifel daran, dass erstgenannte Werte höher einzustufen seien: Für viele Bewohner beginne mit dem Sommer die Leidenszeit.

Seine persönliche Leidenszeit herrsche dann, wenn kein Besuch schöner Gartenwirtschaften möglich sei, stellte Albert Kahle (FDP/Kibü) seinen Standpunkt dagegen. Man sei es der Bevölkerung schuldig, dass sie den Sommer draußen genießen könne. Wolfgang Schuler (CIK), selbst einst Bewohner der City, erzählte von lärmgeplagten Innenstadt-Flüchtlingen: „Da kann man nachts wirklich kein Fenster offenlassen.“ – Eine Tatsache, die gerade bei Altbauten ein Problem darstellt. Ohnehin zöge sich der Biergartenbesuch bis Mitternacht hin, wenn um 23 Uhr das letzte Bier bestellt werde.

„Denkt an die Menschen in der Innenstadt, die gehen völlig unter“, appellierte Ralf Gerber von den Freien Wählern voller Pathos an seine Ratskollegen. Klar seien viele Leute für die Verlängerung der Bewirtung, „denn die sind ja nicht betroffen“. Kirchheim habe schon zahlreiche Events. „Jetzt wollen wir den Lärm noch erhöhen“, schüttelte Gerber ungläubig den Kopf. Gerade jene Bürger, die man am Schlossplatz vor Parkverkehr geschützt habe, belaste man nun mit neuerlichen Lärmquellen.

Nicht die Biergärten sorgten für zusätzlichen Lärm, sondern das Rauchverbot, das alle Raucher nach draußen treibe, gab der CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Kapp zu bedenken und sprach sich dafür aus, der Gastronomie eine Chance zu geben. Zuvor hatte sein Fraktionskollege Gregor Küstermann eine Lanze für ruhebedürftige Anwohner gebrochen und argumentiert, die Attraktivität der Innenstadt hänge nicht an einer dreimonatigen Ausnahmeregelung.

Empirisch untersucht wurde das Thema im Teilort Ötlingen: „Wer um 11 Uhr nachts noch nicht genug hat, soll halt reingehen“, gab Ötlingens Ortsvorsteher Hermann Kik das Ergebnis einer kleinen Befragung unter Kneipengängern wieder, die keinen Handlungsbedarf sähen. Ötlingen wolle daher gemäß ortschaftsrätlichem Wunsch „außen vor“ bleiben.

Nach Abschluss des Modellversuchs zieht der Gemeinderat Bilanz. Dann wird‘s spannend, ob die Schlusszeile des Gastwächterlieds im Jahr 2010 ab 23 Uhr wieder aktuell wird: „Wird‘s au eng im Schankraum drenna, d‘Nachber müssat schließlich penna! Saufat aus ond hockat nei‘, nå schenk i euch weiter ei‘!“