Lokales

Erste Kontakte mitten im Kalten Krieg

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erinnerte in ihrem Grußwort an die Anfänge der Partnerschaft, die vor 40 Jahren noch unter weitaus schwierigeren Umständen als heutzutage zustandegekommen war. Nach weltpolitischen Stichworten wie dem "Eisernen Vorhang" und dem "Kalten Krieg" erwähnte sie dabei spezifische Ereignisse der bundesdeutschen Geschichte, die vor vier Jahrzehnten wohl die wenigsten für möglich gehalten hätten: "Es gab noch keine Ostverträge und noch keinen Kniefall Willy Brandts in Warschau."

Ziel der späteren Ostpolitik und der frühen Partnerschaft auf lokaler Ebene war es, Feindbilder und Vorurteile abzubauen sowie einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. "Vergessen ist das Vergangene nicht, wir müssen dafür die Verantwortung übernehmen", betonte die Oberbürgermeisterin, wobei sie den Blick zugleich auch nach vorn richtete: "Für die Zukunft müssen wir ebenfalls die Verantwortung übernehmen."

Ohne multilaterale Verständigung seien auf die aktuellen Fragestellungen der globalisierten Welt keine Antworten mehr zu finden: "Wir Europäer haben gelernt, wie das funktioniert. Selbstverständlich muss man dazu auch das eine oder andere von seiner eigenen Souveränität aufgeben." Dass das nicht immer leicht sei, hätten die vergangenen Tage gezeigt, die von Unruhe innerhalb der deutsch-polnischen Beziehungen auf höchster Ebene geprägt waren. Aber gerade die deutsch-polnische Woche im Kreis Esslingen zeige, dass man auf der unteren Ebene unbeeindruckt von den höheren Verwicklungen sehr gut miteinander zurechtkomme.

Wie bei Kirchheims Städtepartnerschaften mit Rambouillet und Kalocsa gehe es auch beim Austausch des Kreisjugendrings mit Pruszkow darum, Brücken zu bauen und Netzwerke zu bilden und zwar bis in die kleinsten Bereiche hinein, durch das Zusammenleben in Gastfamilien. 2005 seien erstmals polnische Schüler in Kirchheim zu Gast gewesen. "Der Dialog funktioniert sehr gut, diese Art der gegenseitigen Verständigung ist zukunftsweisend", meinte Angelika Matt-Heidecker am Samstag in der Linde.

Dieter Pahlke, der Vorsitzende des Kreisjugendrings, brachte anschließend sehr persönliche Erinnerungen vor an die Zeit vor 30 Jahren, als er zum ersten Mal nach Polen kam. Er war damals Zivildienstleistender und reiste mit einer Delegation des Landesjugendrings über die DDR nach Polen. Nicht nur die DDR-Grenze hat er damals als beklemmend empfunden. Auch die polnischen Gesprächspartner müssen gewöhnungsbedürftig gewesen sein, waren sie doch allesamt anders hätte es von offizieller polnischer Seite aus auch gar nicht sein dürfen nach außen hin linientreue Vertreter des sozialistischen Studentenbunds.

Zwei weitere Dinge waren für Dieter Pahlke damals völlig fremd: "Die Polen wollten mit mir über die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze diskutieren. Ich hatte dazu gar keine Meinung, ich kannte auch die polnische Geschichte nicht." Er hat sich schließlich intensiv mit Polen auseinandergesetzt und später sogar seine Diplomarbeit über das Nachbarland geschrieben. Spätestens dann war ihm auch klar geworden, welche entscheidende Rolle die katholische Kirche in Polen spielt, als bindende Kraft der Nation. Lange genug habe er sich gewundert, warum zu den Demonstrationen der Gewerkschaft Solidarnosc immer auch Gottesdienste gehörten, gestand Pahlke jetzt ein.

Was die Gegenwart betrifft, hofft der Kreisjugendringvorsitzende, dass sich das polnische Volk nicht die derzeitige anti-deutsche Stimmung der polnischen Politik zu eigen macht. Besonders freute er sich daher, dass Deutsche und Polen beim Kabarettauftritt von Steffen Möller (siehe Extra-Bericht auf dieser Seite unten) gemeinsam über dieselben Witze lachen konnten. Seine Beobachtung, dass die Witze über Polen in Deutschland in letzter Zeit deutlich zurückgegangen seien, ist für Dieter Pahlke ein Zeichen dafür, dass sich die Beziehungen normalisieren. Normalität sei in diesem speziellen Fall nämlich weder etwas Langweiliges noch Abgedroschenes, sondern vielmehr etwas Erfreuliches.

Langweilig wurde es dem Publikum in der Kirchheimer Linde auch beim anschließenden Auftritt der Gruppe "Ychtis" nicht: Acht polnische Mädchen im Alter zwischen acht und 14 Jahren sangen, tanzten und steppten, dass es eine reine Freude war, den geradezu professionellen Darbietungen zuzuschauen. Die Mädchen gingen mit einer solchen Leichtigkeit und Spielfreude ans Werk, dass der Funke von Anfang an auf das gesamte Publikum übersprang auch auf diejenigen, die von den polnischen Texten nichts verstanden. Musik und Tanz sind allgemein verständlich und daher bestens geeignet, um Brücken zu bauen und mit der Verständigung zu beginnen.

INFOZum Abschluss der deutsch-polnischen Woche des Kreisjugendrings Esslingen steht am morgigen Dienstag noch einmal das Kirchheimer Jugendhaus Linde im Mittelpunkt: Um 19 Uhr beginnt dort der Vortrag von Dr. Natali Stegmann zum Thema "Deutsche Juden Polen".

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