Lokales

Erster Gedanke: "Nun zählen wir zu den Überlebenden"

DETTINGEN Die Diakonisse Anna Eisemann war von 1944 bis 1947 in Dettingen als Gemeindeschwester tätig. Über ihre Erlebnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs hat sie später einen Bericht verfasst, der hier auszugsweise wiedergegben ist:Im Dezember 1944, als ich Gemeindeschwester in Öhringen war, erhielt ich vom Mutterhaus einen Brief, der meine Versetzung nach Dettingen zum Inhalt hatte. Danach hätte ich am 5. Dezember reisen sollen. Durch den schweren Bombenangriff auf Heilbronn war aber der Zugvervehr so gestört, dass ich erst zwei Tage später fahren konnte.

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Bei dieser Reise ging es dann durch so viele Hindernisse und Wartezeiten, weil die Bahnhöfe überall verstopft waren. Als ich endlich dort ankam in der Dunkelheit, musste ich mich durchfragen nach der Schwesternwohnung, denn es war ja alles verdunkelt.

Die Wohnung war im Dachgeschoss des Pfarrhauses. So wurde ich erst von der Pfarrfamilie begrüßt und ein wenig aufgewärmt, denn die Warteräume und die Züge waren nicht geheizt. Endlich kam Schwester Elsa auch zurück von ihrem Dienst (mit ihr hatte ich nun die Arbeit zu teilen) und wir gingen in die Wohnung, die für meinen Empfang auch gemütlich eingeheizt war.

Das Dorf lag ein wenig abseits von der Straße, die von Kirchheim durchs Lenninger Tal zur Alb hinauf führte, und zählte etwa 3 000 Einwohner. Da sich die schweren Fliegerangriffe in den Städten fortsetzten, kamen immer mehr Leute auf die Dörfer, und auch unser Dettingen war das Ziel vieler solcher Flüchtlinge, sodass sich die Einwohnerzahl beträchtlich vermehrte und damit auch unsere Arbeit. Bald hatte ich mich auch an die Wohnverhältnisse gewöhnt und freute mich, in diesem Dorf mit den lieben, freundlichen Menschen Dienst tun zu dürfen.

Unterdessen nahte der 20. April 1945, dieser Tag von schicksalhafter Bedeutung für das Dorf Dettingen. In den Jahren zuvor wurde dieser Tag festlich begangen als der Geburtstag des Mannes (Hitler), der in der Welt so viel Verwirrung angerichtet hat, und nun wurde dieser Tag zu einem Gedenktag für alle Zeiten durch ein Feuer von unheimlicher Glut, das bei uns im Dorf angezündet wurde.

Es gab in den letzten Tagen mancherlei Anzeichen, dass das Kriegsgeschehen dem Zusammenbruch entgegentrieb. Da war der "Hitlerausverkauf". Waren, die man zuvor in Jahr und Tag nicht mehr zu sehen bekam, wurden unentgeltlich verteilt, und es war unschwer zu verstehen, wie das gemeint war: Man wollte die aufgehäuften Vorräte nicht als Beute in fremde Hände fallen lassen.

Am Morgen des Unglückstages hörte der Beschuss durch die feindlichen Jagdflieger nicht mehr auf. Die beiden aufgestellten Flakgeschütze waren schon bald erledigt. In einem Haus war ein Kind, das getroffen war und ohne ärztliche Hilfe verbluten musste. Dort drüben lag ein Mann, der in die Brust getroffen war; auch ihm konnte man nicht mehr helfen. Am schlimmsten hatte es eine Frau getroffen. Ihr wurde ein Bein oben abgeschossen, und auch ihr konnte niemand mehr helfen. Ja, wir merkten, die Front rückte näher und näher. Das deutlichste Zeichen waren die durchziehenden Truppen, die einen Anblick zum Erbarmen boten. Die Gefahr wurde immer größer.

Als ich eben von einem Schwerverletzten auf dem Heimweg war, schossen die Jabos unbarmherzig um sich, dass ich rasch ins nächste Haus flüchten musste. Und das waren meine guten Nachbarsleute Rall. Zu ihnen ging ich in den Keller, wo die ganze Familie versammelt war. Zitternd empfing mich die gute Frau Rall und bat mich, doch bei ihnen im Keller zu bleiben, denn sie hätte große Angst, ja sie spürte, dass etwas komme. Als es dann wieder ruhiger wurde, wollte ich doch vollends heimgehen, denn Schwester Elsa wartete ja in Sorge auf mich.

Da hielt mich Frau Rall an und fasste mich bei der Hand, um sich zu verabschieden, denn so meinte sie wir wissen ja nicht, ob wir uns noch einmal sehen werden. Als ob sie ahnen konnte...? Rasch, aber traurig ging ich rüber in unseren Keller. Schon nach kurzer Zeit, so etwa 16 Uhr, erfolgte eine starke Detonation, gleichzeitig war das elektrische Licht erloschen. Tageslicht drang vom Ausstiegsloch herein und eine große Staubwolke wirbelte auf, sodass wir nasse Tücher vors Gesicht halten mussten, um nicht zu ersticken. Im sichersten Winkel des Kellers drängten sich alle Anwesenden zusammen, unwillkürlich reichten wir uns die Hände in dem Gefühl, der nächste Augenblick könnte der letzte sein. Es folgte noch einmal eine sehr starke Detonation.

Als eine gewisse Beruhigung eingetreten war, war mit dem Gefühl des Dankes gegen Gott das der erste Gedanke: "Nun zählen wir zu den Überlebenden!" Langsam suchten wir einen Weg über Schutt und Geröll nach draußen. Aber was sahen wir? Die seitliche Wand unseres Hauses war vom Sog völlig herausgerissen und ringsum brannte es; das Feuerwehrmagazin, der Kirchturm, das Rathaus, das Schulhaus und fast der ganze Straßenzug der Kirchheimer Straße brannte lichterloh!

Es ist nicht wiederzugeben, was sich für ein Feuersturm entfesselte. Es war wie ein dauernder Donner stundenlang. Bei der rauchgeschwärzten Luft war nichts mehr zu sehen von dem blauen Himmel und der Frühlingssonne, die den beginnenden Tag anzeigten. Unser Herr Pfarrer eilte zuerst in die Kirche, um zu retten, was noch zu retten war. Wir anderen Bewohner fanden bei der Durchsuchung unseres stark beschädigten Hauses viele Brandbomben, die ins Freie geworfen werden konnten. Aber wir waren ja von allen Seiten von Bränden bedroht.

Besonders gefährlich war das Übergreifen des Feuers von der brennenden Nachbarscheuer. An dieser Stelle musste der Pfarrer mit dem Beil die brennenden Dachsparren hinausschlagen, um zum Brandherd zu gelangen. Wir mussten ununterbrochen Wasser herbeischleppen, vom Keller zur Bühne, um die Vorderseite des Hauses vor der Gluthitze des gegenüberliegenden Schulhauses zu schützen. Als wir von der Bühne durch das Dach schauten, darauf fast keine Ziegel mehr waren, sahen wir, wie auch das Rall'sche Haus in Flammen stand. Auch hier war vom Sog die vordere Hausseite ganz herausgerissen.

Aufs Tiefste erschüttert aber waren wir, als uns zur Gewissheit wurde, dass die ganze Familie Rall bei der zweiten Detonation ums Leben kam. Da lagen sie nun, die sechs verstümmelten Leichen. Oh, wie konnte ich jetzt die gute Mutter Rall verstehen, wenn sie mir von ihrer Angst sagte. Sie hat es offenbar nicht nur geahnt, sondern gespürt, dass Schweres auf sie zukommen werde. Nun sahen wir auch, dass unsere Kirche in hellen Flammen stand. Diese Kirche, die den 30-jährigen Krieg einst glücklich überlebte, ist nun als ältestes Gebäude unseres Dorfes ein Raub der Flammen geworden. Auf dem Kirchplatz mit seinen stattlichen Kastanienbäumen war ein tiefer Krater, der durch die Bomben entstanden war. Ein kalter Schauer überlief uns, als wir entdeckten, dass die rückziehenden Soldaten zwischen dem Pfarrhaus und dem Rathaus einen vollen Munitionswagen gestellt hatten. Ein toter Soldat lag daneben.

Noch wussten wir nicht, ob wir unser Haus retten könnten, denn die Flammen wurden immer heftiger und unsere Kräfte drohten zu erlahmen. "Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und Seine Treue ist groß." So aus tiefstem Herzen durften wir danken, als an jenem Unglücks-Freitag die Sonne unterging und mit glutrotem Schein die Trümmerhaufen beleuchtete. Am Ende unserer Kraft zogen wir uns in unser Kellerloch zurück, um ein wenig auf dem harten Lager zu ruhen. An Schlaf war nicht zu denken, denn das noch lebende Vieh brüllte in seiner Not und Verzweiflung, und niemand konnte helfen.

Der nächste MorgenAn vielen Stellen brannte es noch, und viele Menschen sah man planlos hin- und herlaufen, Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten und dazu noch liebe Angehörige. Bei diesem Anblick erstarb mir das Wort auf den Lippen, denn der Schmerz war so abgrundtief, dass jedes Wort der Teilnahme oder Trost wie Hohn wirkte. Ein stilles Gebet zu dem Gott, der dies alles geschehen ließ, ließ mich dann innerlich wieder ein wenig zur Ruhe kommen. Es ist gut zu verstehen, dass die Not und Aussichtslosigkeit die betroffenen Menschen schier erdrückte. Denn es war doch Frühjahr und die Felder sollten bestellt werden, doch nun fehlte es überall. Die Gebäude sollten wieder aufgebaut werden. Aber Baumaterial war nicht zu bekommen. Kein Wunder, wenn ein Bauer nachts in lautem Selbstgespräch um sein zerstörtes Anwesen herumlief.

Da unsere Kirche in Schutt und Asche lag, hat unser Pfarrer versucht, am folgenen Sonntag an der Trümmerstätte einen Gottesdienst zu halten. Doch der aufgehäufte Schutt und die Brandstätte machten das unmöglich. Nun war in unserer Gemeinde ein Saal der Altpietistischen Gemeinschaft, der verschont geblieben war. So fanden jeden Sonntag zwei Gottesdienste statt, um neun und um zehn Uhr, denn der Saal fasste die Besucher nicht auf einmal. Sehr dankbar waren Pfarrer und Gemeinde darüber, dass nun doch wieder ein kirchlicher Mittelpunkt da war, der es ermöglichte, Gemeinde zu bauen und zu gestalten. Es war erstaunlich, wie stark der Gottesdienstbesuch war, auch von den ehemals "Braunen".