Lokales

„Erziehung findet immer weniger in den Familien statt“

Die Bedeutung von Jugendarbeit ist im Kirchheimer Gemeinderat unumstritten

Sie wollen sich mit Gleichaltrigen treffen, ohne sich gegängelt zu fühlen. Gerne schotten sie sich unter ihresgleichen ab, suchen sich aber dennoch Treffpunkte genau da, wo das Leben pulsiert. – Die Wünsche und Bedürfnisse von Jugendlichen beschäftigten jetzt wieder den Kirchheimer Gemeinderat. Sicher ist: Vielschichtige Angebote für Jugendliche sind heute wichtiger denn je.

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Irene strifler

Kirchheim. 1996 wurde erstmals der Teilsozialplan „Kinder und Jugendliche in Kirchheim“ verabschiedet. Seither fand eine kontinuierliche Weiterentwicklung statt. Dr. Maria Bitzan, die bereits vor zwölf Jahren begleitend dabei war, erteilte Kirchheim gute Noten: „Die Jugendhilfe kann sich sehen lassen!“

Ein besonderes Kennzeichen ist das Bestehen etlicher Punkte, an denen sich die Jugendlichen selbstgewählt und nicht gesteuert treffen können. Viele dieser Treffs funktionieren ohne jegliche Einmischung. Entstehen Konflikte mit der Nachbarschaft wegen Lärm oder Schmutz, kann oft in Gesprächen eine Lösung gefunden werden. Teilweise wurden auch die Rahmenbedingungen bei lange bestehenden inoffiziellen Treffpunkten verbessert, etwa in Ötlingen am Farrenstall oder im Dettinger Weg am Rambouilletplatz oder an der Lindorfer Kirche. Meist, so die Erkenntnis der Verantwortlichen, bewirkt loser Kontakt mit hauptamtlichen Sozialpädagogen schon einiges. Probleme bleiben natürlich nicht aus, sie entstehen oft durch junge Erwachsene, die nicht vor Ort wohnen und daher auch nicht für Gespräche gewonnen werden können. Polizeistreifen können hier vor Sachbeschädigungen und anderem Ärger schützen.

Eine zweite Säule der Jugendarbeit neben diesen informellen Treffpunkten sind Anlaufpunkte beziehungsweise Räume der offenen Jugendarbeit. Soziales Lernen steht dort im Vordergrund. Ein Beispiel dafür ist die Linde. Ihre Besonderheit bestehe darin, dass sie ihr Publikum stadtteilübergreifend beziehe.

Mit der Förderung mobiler Jugendsozialarbeit hat die Stadt bereits vor 30 Jahren auf aktuelle Probleme reagiert. Heute brauchen immer mehr Jugendliche derartige Angebote, weisen sie doch soziale Defizite auf. Beispiele für das Reagieren auf aktuelle Problemlagen sind die Entstehung der Jugendtreffs Check-In und TRIB, das Brückenhaus, die Treff-Angebote im Pavillon Dettinger Weg oder das KiZ. Auch hier ist vieles im Wandel. Eingestellt werden konnte so zwischenzeitlich die Arbeit im Geflügelhof.

Das Fazit von Sozialamtsleiter Roland Böhringer lautet: Kirchheim hat ein gut funktionierendes Netzwerk der offenen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit. Angebote entstehen bedarfsgerecht dort, wo sie gewünscht und notwendig sind.

Zum Bereich der präventiven Jugendhilfe gehört die Schulsozialarbeit. „Erziehung findet immer weniger in den Familien statt“, bilanzieren die Fachleute. Dem wachsenden Bedarf trägt die Stadt mit Einrichtung von Schulsozialarbeit in Kooperation mit dem Brückenhaus und der Paulinenpflege an mehreren Schulen Rechnung. Seitens des Amtes für Familie und Soziales wird darauf hingewiesen, dass längst nicht nur die sogenannten Brennpunktschulen mit problematischen Schülern konfrontiert seien. Flächendeckende Schulsozialarbeit gilt daher als sinnvoll. Im Vergleich mit anderen Städten schneidet Kirchheim jedoch bei diesem Thema gut ab.

Dr. Bitzan lobte die Grundlage der Jugendhilfe, die durch enge Zusammenarbeit verschiedener Gremien und durch die Beteiligung der Jugendlichen gekennzeichnet sei. Sie betonte, dass Kirchheim durchaus sozial stark belastet sei. So ist der Anteil der Minderjährigen, die Hilfe zum Lebenunterhalt beziehen, beängstigend hoch: In Kirchheim sind es sieben Prozent, wogegen die Quote im Landkreis bei 4,5 Prozent liegt. Die hier verfolgte Jugendarbeit sei dennoch ein Erfolgsmodell und basiere auf guter Infrastruktur an sozialen Diensten, Jugendangeboten und Trägern. Besonders das Kooperationsmodell der sozialen Dienste von Kreis und Stadt sei hervorhebenswert.

Neue Herausforderungen bleiben für die Jugendhilfe nicht aus. „Die sozialen Gegensätze verschärfen sich, immer mehr Orientierungshilfen werden nötig“, bilanzierte Bitzan. Entwicklungsbedarf machte sie beispielsweise bei Angeboten speziell für Jungen aus. Aber auch in den Stadtteilen gebe es Angebotsdefizite. Ganz wichtig war ihr, die Schulplanung mit der Sozialplanung abzustimmen.

Sie empfahl dem Gemeinderat unter anderem, die hauptamtliche Koordination für Jugendarbeit aufzustocken und Leitlinien für die örtliche Jugendhilfe zu erarbeiten.

Im Ratsrund wurden die Ausführungen mit Interesse zur Kenntnis genommen. „Wir haben uns durch frühes Handeln viel Schaden erspart“, meinte SPD-Vertreter Andreas Kenner. Wichtig war ihm, die „entpäda­gogisierten Freiräume“ nicht aus dem Zielkatalog zu verlieren. „Die Jugendhilfe steht gut da“, bilanzierte Eva Baudouin von der CDU und lobte die Vorreiterrolle der Stadt in Sachen Schulsozialarbeit wie auch die Tatsache, dass der Jugendgemeinderat als Multiplikator für Jugendanliegen wirke.

Andreas Schwarz von den Grünen Alternativen wünschte eine stärkere Einbeziehung der Politik in die Kinder- und Jugendhilfeplanung und teilte die Meinung, dass eine Stellen­aufstockung erforderlich sei. Auf jeden Fall die Infrastruktur zu erhalten und weiterzuentwickeln, war das Bestreben von Dr. Silvia Oberhauser von der Frauenliste, die daran appellierte, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Gegen eine personelle Aufstockung sprach sich Ralf Gerber von den Freien Wählern aus. Sein Argument war, dass es bereits zu viele Parallelstrukturen gebe. Wenn hier abgespeckt werden könnte, würden Kapazitäten freigesetzt.