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Erziehung zu mehr "Ehrgeiz in der Marktwirtschaft"

Maßvolle Lohnentwicklung, bedarfsorientierte Mehrarbeit und kein weiterer Anstieg der Nebenkosten. Dies sind für Günther Oettinger drei wesentliche Faktoren, um tragfähige Kostenstrukturen im Mittelstand zu sichern. Über die Zukunft der mittelständischen Wirtschaft sprach der zukünftige Ministerpräsident gestern bei GO Druck Media Verlag in Kirchheim mit Gästen aus Politik und Wirtschaft.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Mittelständische Betriebe zeichneten sich durch eine besondere Gesinnung aus, die in der Einheit von Unternehmern und Arbeitnehmern wurzelt, führte Peter Schuster zunächst in die Thematik ein. Der Kreisvorsitzende der Christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), auf dessen Initiative die Diskussionsveranstaltung zustande gekommen war, hieß den prominenten Landespolitiker in Kirchheim willkommen.

Ulrich Gottlieb, Geschäftsführer von GO Druck Media Verlag, präsentierte mit der Vorstellung seines Unternehmens ein klassisches Beispiel eines mittelständischen Betriebs. In einem Schnelldurchgang durch fünf Generationen führte er die Zuhörer vom Erscheinen des ersten "Wochenblatts" in Kirchheim im Jahr 1832 bis hin zum modernen Unternehmen, dessen Produktpalette von der Zeitung über Kataloge bis zu Mediendienstleistungen vielfältiger Art reicht. "Wir haben ein umfassendes Netzwerk aufgebaut", verriet der Hausherr ein wichtiges Rezept, um sich als Mittelständler am Markt positionieren zu können.

Günther Oettinger betonte, das Land habe seine Zukunft auch weiterhin im Mittelstand. Im Bundesvergleich stehe Baden-Württemberg gut da. So schneide das "Musterländle" in Sachen Arbeitslosigkeit besser ab als Bayern, zudem präsentiere sich die Wirtschaft weitaus vielfältiger, eben vor allem durch den hohen Anteil mittelständischer Betriebe. Diese Faktoren machten das einst arme Baden-Württemberg attraktiv.

"Doch unser Konkurrent heißt heute nicht Mecklenburg-Vorpommern, sondern eher Chicago, Detroit, Indien oder China", stellte der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende klar. Bundesweit machte er drei Problemkreise aus, durch die Deutschland in Schieflage geraten sei: Das Wirtschaftswachstum falle erneut zu gering aus, dadurch könnten wesentliche Aufgaben und Investitionen nicht finanziert werden. Zudem sei der Arbeitmarkt nicht intakt. Die Arbeitslosigkeit steige weiter, bereits jeder vierte oder sogar dritte Haushalt sei in irgendeiner Form von Arbeitslosigkeit betroffen. Das dritte Problem siedelt Oettinger in der demografischen Struktur an: "Wir haben nicht zu viele alte Menschen, wir haben zu wenig junge!" All diese Faktoren gelte es dringend abzumildern.

Möglichkeiten dazu sieht der CDU-Mann in vielen Bereichen. So macht er wesentliche Mängel bereits in der schulischen Ausbildung aus: Dass im Mittelstand oft ein Nachfolger fehle, führt der Politiker auf eine schlechte "Selbstständigen-Kultur" zurück: "Wir erziehen die Jungen zu wenig zu Ehrgeiz in der Marktwirtschaft." Längst reiche es heute nicht mehr, in der Schule Mathe zu büffeln, vielmehr fehle ein Fach "Ökonomische Kompetenz". Das dreigliedrige Schulsystem sei auf Dauer kaum haltbar, zumal die Hauptschule nurmehr eine Restschule darstelle. Oettinger skizzierte die Möglichkeit, neben Gymnasien und Realschulen auf handwerklich orientierte Werkrealschulen zu setzen, um je nach spezieller Fähigkeit jedem einen Abschluss zu ermöglichen.

Was die Banken anbelangt, erinnerte der Fachmann an die großzügige Kreditvergabepraxis der 90er-Jahre, die sich ins Gegenteil verkehrt habe. Hier müssten mehr Spielräume eingeräumt, auch hin und wieder Risiken eingegangen werden können. Der Generationswechsel bei Betrieben werde zudem massiv durch eine falsche Entwicklung im Erbrecht beeinträchtigt, monierte der Jurist. So schwäche die übliche Praxis der Auszahlung von Geschwistern das Eigenkapital erheblich.

Auch im Bereich Verkehr eines der großen Probleme im Ländle plädierte Oettinger für mehr Marktwirtschaft. Dazu gehöre langfristig eine Art Mautpflicht auch für Pkw, wobei tageszeitabhängige Preise zu einer deutlichen Entzerrung des Verkehrs führen könnten.

In der angeregten Diskussion zum Abschluss wurde deutlich, dass viele klassische Probleme benannt wurden. Alle stimmten mit der Kritik des zukünftigen Ministerpräsidenten überein, dass es in Deutschland zu wenig Konzepte gebe. Die Hoffnung des Mittelstandes ruht auf weniger Bürokratie, dafür mehr auf innovativen Ideen zur Sicherung der Betriebe, denn, wie Peter Schuster eingangs sagte: "Wenn's dem Mittelstand gut geht, geht's dem Land gut."