Lokales

Es braucht im Leben mehr als Mathe. . .

In diesen Tagen brauchen Kinder wenn man der Werbung glauben darf wieder den richtigen Kaffee um Mama oder Papa bezüglich ihrer Note gnädig zu stimmen. Ja, wenn es denn so einfach wäre. Viele Kinder und Jugendliche haben regelrecht Angst, mit dem Zeugnis nach Hause zu kommen.

Obwohl ich in der Schule ganz gut war, bin ich froh, dass ich keine Klausuren mehr schreiben muss und dass ich keine Schulzeugnisse mehr bekomme. Ich kann nur alle Eltern bitten, ihre Kinder trotz gegebenenfalls nicht so guter Zensuren weder zu züchtigen, noch abzustrafen, oder abzuqualifizieren. Wir und das gilt für uns alle sind liebenswert, unabhängig von (momentanen) Leistungen. Schulnoten sind zwar wichtig, aber es gibt im Leben viele andere wichtige Qualifikationen und Fähigkeiten, die (leider) nur sehr eingeschränkt in der Schule gelernt werden und die sich auch nicht in den Zeugnisnoten abzeichnen. Darunter fallen für mich zum Beispiel Kritik- und Konfliktfähigkeit, Überzeugungskraft, Ausdauer, Ideenreichtum, Respekt vor dem Anderen und soziales Verhalten. Verena Birkenbiehl schreibt in ihrem Buch "Stroh im Kopf", dass gute Schulnoten vor allem zeigen, das jemand gut angepasst ist, aber sonst nichts weiter. Es braucht im Leben eben mehr als Mathe...

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Ich habe im Jugendknast einen jungen Mann kennen gelernt, der nicht besonders gut in der Schule war. Es war nicht seine Intelligenz, sondern seine Faulheit, die anderen Interessen, die er gerade hatte, die dazu geführt haben, dass er einige Fünfen hatte. Da sein Vater großen Wert auf das Zeugnis gelegt hat, war er darüber sehr erbost. Dieser junge Mann hat sich dann zum Ziel gesetzt, seinem Vater zu beweisen, dass er in Latein, das dem Vater besonders wichtig war, eine Eins schaffen würde. Und das hat er dann auch. Ich weiß noch, wie er mir erzählt hat, wie stolz er dann mit diesem Zeugnis zu seinem Vater gekommen ist. Und der Vater hätte nur gesagt, was denn mit den anderen Fünfen sei. Seit diesem Tag hat der Junge für die Schule nichts mehr gelernt und das Verhältnis zum Vater war endgültig zerrüttet.

Also: Nehmen sie die Schulnoten zwar ernst, aber lassen sie sich durch schlechte Noten nicht zu demütigendem Verhalten gegenüber ihren Kindern hinreißen. Sehen sie das, was gut ist und loben sie ihre Kinder dafür. Es hilft ihren Kindern, oder baut ihre Kinder auf, wenn sie sie nicht "in die Pfanne hauen". Falls Sie Unterstützung von einem bekannten Sänger brauchen, dann hören sie doch mal das Lied: "Zeugnistag" von Reinhard Mey an. Gönnen sie den Kindern (und sich) jetzt erst einmal einige Wochen Pause. Und dann ist es vielleicht angebracht, mit ihren Kindern zu lernen.

Die Schülerinnen und Schüler ermutige ich, ihre Zeugnisse nicht zu verheimlichen oder irgendwelche krummen Touren zu drehen. Das sind auch weniger gute Noten nicht wert. Es ist zwar nicht besonders ruhmreich, aber auch nicht dramatisch, wenn man schlechtere Noten hat oder eine Klasse wiederholt.

Allen eine entspannte Zeugnisausgabe und schon jetzt erholsame Ferien.

Georg Hug, Diakon

katholische Kirchengemeinde

Sankt Ulrich, Kirchheim