Lokales

"Es bringt alles nichts, wenn jemand nicht mit Leuten umgehen kann"

OWEN

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"Es sind Menschen, die in unser Leben integriert werden müssen." Diesen Eindruck haben die vier Auszubildenden der Owener Firma

ANDREAS VOLZ

Elektro Nothwang von ihrem Besuch in der Wendlinger "Werkstatt am Neckar" mitgenommen, in der Menschen mit Behinderungen arbeiten. Letztlich gilt die Aussage aber für das gesamte sozialpädagogische Projekt, an dem Stefan Bühler, Michael Carrle, Melanie Fieberling und Simon Joos im Rahmen ihrer Berufsausbildung teilgenommen haben: Integriert werden müssen auch alte Menschen und Kinder, denen das Quartett aus Owen im Altenheim beziehungsweise im Kindergarten ebenfalls Besuche abgestattet hat. Und schließlich dient das Projekt auch der gesellschaftlichen Integration der Auszubildenden selbst.

Soziales Engagement, Teamarbeit, kommunikative Kompetenz, Horizonterweiterung, zunehmende Eigenverantwortung all das sind weitere Schlagworte für Fähigkeiten, die spätestens nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung allgemein erwartet werden, ohne dass ihr Erwerb jemals auf dem Stundenplan steht. Aus diesem Grund haben Claudia Nothwang und Ausbildungsleiter Jörg Joos ein Projekt ins Leben gerufen, das sonst eher bei großen Firmen oder Banken üblich ist. Sie wollten damit zeigen, dass auch ein "kleiner" Handwerksbetrieb über die rein fachliche Ausbildung hinaus jungen Menschen Erfahrungen fürs Leben mitgeben kann.

"Unser sozialpädagogisches Pilotprojekt hat die Azubis geprägt", stellte Claudia Nothwang beim Präsentationsabend in den Räumen der Owener Firma Mack und Schühle rückblickend fest. "Sie konnten dadurch ihr persönliches Fundament festigen, um sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen." Besonders wichtig sei die zwischenmenschliche Ebene, denn "es bringt alles nichts, wenn jemand alles kann, nur nicht mit den Leuten umgehen". Insbesondere dankte die "Projektleiterin" den vier unterschiedlichen Einrichtungen, die zur Kooperation bereit waren. Neben der Wendlinger Werkstätte gehörten dazu der Kindergarten in Zell sowie die Alten- und Pflegeheime Haus Kalixtenberg in Weilheim und Sankt Hedwig in Kirchheim.

In den Altenheimen haben die Auszubildenden eine künftige Bürokauffrau und drei angehende Elektroinstallateure im Alter zwischen 17 und 26 Jahren die Bewohner spazieren geführt, sich mit ihnen unterhalten, sie gefüttert oder auch im Hintergrund Essen gerichtet und Geschirr gespült. Schon allein dadurch haben sie jetzt nach eigener Aussage wesentlich mehr Respekt vor älteren Menschen und vor den Pflegekräften.

Der Gedanke ans Altwerden und damit an die eigene Zukunft kam durch das Projekt ebenfalls zur Sprache. Zum einen hörten die Azubis einen Vortrag über Rentenentwicklung, private Vorsorge und soziale Netze, zum andern brachten sie die Erfahrungen vor Ort zum Nachdenken über die Situation alter Menschen. Michael Carrle kam zu folgender Analyse: "Das Heim entlastet pflegende Familienangehörige. Ich persönlich würde es für meine Angehörigen trotzdem nicht wollen. Ich würde auch selbst nicht im Altenheim wohnen wollen. Daheim lebt es sich besser."

Diese Aussage trifft auf den zweiten Einsatzort der jungen Owener sicher nicht zu. "Im Kindergarten lernt man soziales Verhalten, den Umgang miteinander und den Respekt voreinander", wusste Melanie Fieberling den zahlreichen Gästen des Präsentationsabend zu berichten. Doch auch die Azubis, die den "Kleinen" etwas über Strom, elektrische Geräte und den richtigen Umgang damit erklärten, konnten im Kindergarten Zell noch eine Menge lernen. So waren sie erstaunt darüber, wie wissbegierig die Kinder waren und welches Vorwissen sie bereits hatten: "Die wussten mehr, als wir erwartet haben."

Genau wie im Altenheim lernte das Owener Quartett auch im Kindergarten die Arbeit des Personals zu schätzen und zu würdigen. Simon Joos berichtete beim Präsentationsabend über sein Zweierteam: "Wir waren nicht wirklich vorbereitet. Ich hatte gedacht, da gehst du hin und erzählst denen was vom Strom. Aber wenn die Kleinen erst mal vor dir sitzen, hast du ein Problem. Beim nächsten Mal wüssten wir eher, wie wir uns vorzubereiten hätten."

Respekt empfanden die Owener Azubis auch bei ihrem Besuch der Wendlinger "Werkstatt am Neckar". So schilderte Stefan Bühler seine Beobachtungen zur Arbeit der psychisch kranken Menschen: "Mit den Kabeln, das war richtiges Elektronikergeschäft, die Leute haben ihre Arbeit großartig geleistet." Er habe vor der Begegnung Angst gehabt, vor Ort aber schnell festgestellt: "Die sind wie wir, und die schaffen wie wir vielleicht einen Tick langsamer, aber oft sauberer als wir alle zusammen."

Melanie Fieberling pflichtete ihrem Azubi-Kollegen bei, was die abgebauten Berührungsängste angeht: "Wir können jetzt offener damit umgehen, wenn jemand einen völlig teilnahmslosen Eindruck macht oder sich ,komisch' bewegt." Aber wie im Altenheim kommt noch die persönliche Betroffenheit hinzu: "Wir hoffen trotzdem, dass uns eine solche Erkrankung nicht trifft."

Die gewünschte Horizonterweiterung hat sich bei allen vier Auszubildenden des Owener Handwerksbetriebs eingestellt. Der Firma Elektro Nothwang geht es indessen darum, noch ganz andere Horizonte zu eröffnen: Möglichst viele kleinere Betriebe sollten nach der Vorstellung Claudia Nothwangs ihrem Beispiel folgen, sich zu Netzwerken zusammenschließen und ihren Azubis einen solchen Teil der Ausbildung ermöglichen, der sie weit über den Tellerrand der eigenen Fachrichtung hinaus blicken lässt.

Der Anfang ist gemacht. Das Owener Projekt hat bereits Vorbildfunktion: Bei der Aktion "Starke Helfer" des Teckboten und der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen gehörten die "Nothwang-Azubis" zu den Preisträgern (wir berichteten), und selbst außerhalb der Kreisgrenzen hat das sozialpädagogische Projekt bereits Anerkennung gefunden: Am Dienstag, 16. November, verleiht die IHK Region Stuttgart zum dritten Mal den "Innovationspreis Weiterbildung". Ein Sonderpreis geht dabei an die Firma Elektro Nothwang.