Lokales

„Es fehlen Frauen, die hinstehen“

Lesung und Diskussion zum Thema „Frauen und Geld“ im Mehrgenerationenhaus Linde

„Frauen und Geld“: Um über dieses Thema zu diskutieren, versammelte sich jüngst eine kleine, aber interessierte Frauengruppe im Mehrgenerationenhaus Linde in Kirchheim. Die SPD-Landtagsabgeordnete Christine Rudolf räumte kräftig mit Klischees auf.

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heike allmendinger

Kirchheim. Interessieren sich Frauen mehr für Harmonie und Liebe als für Macht, Geld und Erfolg? „Diese Ansicht ist weit verbreitet. Aber Frauen und Männer unterscheiden sich letztlich nur durch ihre gesellschaftliche Stellung, die ihnen zugeschrieben wird“, sagte die SPD-Landtagsabgeordnete Christine Rudolf jüngst bei einer Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde. Bis heute sei die traditionelle Hausfrauenehe, in der sich die Frau um die Kindererziehung und den Haushalt kümmert und der Mann das Geld verdient, als Leitbild in vielen Köpfen verankert. Und genau hier müsse sich etwas ändern. „Was aber fehlt, sind Frauen, die hinstehen. Von alleine tut sich nichts.“

Im Rahmen der Kirchheimer Frauenkulturtage und des internationalen Frauentags am 8. März hatten die SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Fohler und das Kreistags-Mitglied Marianne Gmelin zu der Veranstaltung eingeladen, bei der Christine Rudolf auch aus dem Buch „Frauen und Geld – wider die ökonomische Unsichtbarkeit von Frauen“ las, das sie gemeinsam mit Johanna Regnath herausgebracht hatte.

Zu Beginn des Abends ging Sabine Fohler auf die Bedeutung des Weltfrauentages ein und empörte sich darüber, dass „die einstige Vorzeigefeministin“ Alice Schwarzer den Frauentag als „reinsten Hohn“ bezeichnet und damit eine Diskussion losgetreten hatte. „Solange die Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht in allen Bereichen erreicht ist, halte ich den Frauentag für absolut notwendig“, betonte Sabine Fohler. Sie bemängelt zum Beispiel, dass Mädchen und Frauen bei den Schul- und Studienabschlüssen zwar ganz vorne mit dabei seien, „aber oben, wo es um Geld und Macht geht, kommt relativ wenig an. Es reicht für viele Frauen trotz der guten Abschlüsse nicht für Spitzenpositionen.“ Als Abgeordnete werde ihr dieser Zustand täglich vor Augen geführt. „In den 22 Kommunen, die ich in meinem Wahlkreis betreue, gibt es nur drei Bürgermeisterinnen. Und auch bei den Unternehmen habe ich überwiegend mit Männern zu tun.“

Christine Rudolf zeigte anschließend ein weiteres Problem auf: den gravierenden Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern in denselben Positionen und bei gleicher Qualifikation. „Dieser Lohnunterschied taucht nicht erst dann auf, wenn die Frauen in die Familienphase gehen. Egal, wie gut ihre Qualifikationen sind – Frauen steigen schon mit einem geringeren Gehalt ein“, ärgerte sich die SPD-Politikerin. Ihre Kollegin Sabine Fohler befürchtet, dass „die Schere aufgrund der Krise noch weiter auseinandergehen wird“. Deshalb gelte es, für gleichen Lohn bei Frauen und Männern zu kämpfen. Eine Möglichkeit biete sich am Freitag, 26. März, wenn der „Equal pay day“ auf dem Stuttgarter Schlossplatz stattfindet, informierte Christine Rudolf. Dort werden sich um 16.05 Uhr auf der Freitreppe des Schlossplatzes Frauen in schwarzer Kleidung, mit roten Schuhen und roter Handtasche im Block hintereinander aufstellen und für gleiche Löhne demonstrieren.

Neben den Gehaltsunterschieden gebe es aber noch ein weiteres bedenkliches Phänomen, fügte Christine Rudolf hinzu: In vielen Familienunternehmen würden sich Frauen um den kaufmännischen Bereich kümmern, „nach außen hin tauchen sie aber nirgends auf“, weiß die Politikerin. In einer „männerdominierten Gesellschaft“ würde man es als „geschäftsschädigend“ empfinden, wenn herauskäme, dass die Frau in der Firma mitmischt, erklärte die Landtagsabgeordnete. „Deshalb kursiert die Meinung, dass sich Frauen nicht für Geld interessieren. Und die Frauen lassen sich diesen Schuh auch noch anziehen. “

Marianne Gmelin, die beim Finanzamt Göppingen als Sachgebietsleiterin der Betriebsprüfungsstelle arbeitet, konnte das bestätigen: Vor allem bei Handwerksbetrieben würden die Frauen die Buchhaltung „für ‘nen Appel und ‘n Ei“ erledigen. „Ohne die Arbeit der Frauen würden diese Betriebe aber gar nicht existieren“, sagte Marianne Gmelin.

Aus all diesen Gründen sei es wichtig, sich mit dem Thema „Frauen und Geld“ zu beschäftigen und politisch für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen, betonten Christine Rudolf und Sabine Fohler. Eine Lösung haben die beiden Landtagsabgeordneten bereits gefunden: das „Gender Budgeting“ – also der „geschlechtergerechte Haushalt“. Dabei wird die Haushaltsführung von Staaten und Kommunen so gelenkt, dass Frauen und Männer gleichermaßen von den Haushaltsmitteln profitieren. Welche Auswirkungen haben politische Entscheidungen auf die Situationen von Frauen und Männern? Wer profitiert von welchen Ausgaben? Wer trägt die durch Einsparungen entstehenden Lasten? Welche Entscheidungen verfestigen oder verändern die bestehenden Geschlechterrollen? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt man sich beim „Gender Budgeting“, das bald auch in Baden-Württemberg in den Bereichen Weiterbildung und Jugendverbände Realität werden soll, berichtete Christine Rudolf. „Zwar hat es Gemurre in allen Fraktionen gegeben, aber letztlich war es ein einstimmiger Beschluss“, erzählte die Initiatorin, die sich vor allem darüber freute, dass sich die Frauen aller Fraktionen für das „Gender Budgeting“ eingesetzt hätten. „Die Frauen haben zusammengehalten.“