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"Es geht bei uns mittlerweile um die nackte Existenz"

Am Gelde hängt doch letztlich alles. Vor allem um die Finanzierung von Schulen und Kindergärten in freier Trägerschaft, gemessen an der gesellschaftlichen, ging es, als sich Vertreter verschiedener Bildungseinrichtungen, Politiker und ein Vertreter der Wirtschaft in der Nürtinger Stadthalle "K3N" zu einer Podiumsdiskussion trafen.

HEINZ BÖHLER

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NÜRTINGEN Als Moderator konnte der Journalist Bruno Bienzle gewonnen werden, der allerdings, wie sich schnell herauskristallisierte der Problematik keineswegs neutral gegenüberstand. So saß der Landtagsabgeordnete Jörg Döpper, der, wohl oder übel, die Position des Regierungslagers vertreten musste, ziemlich alleine inmitten einer achtköpfigen Riege Diskutanten auf dem Podium, die sich alle mehr oder weniger für eine bessere finanzielle Ausstattung der freien Schulträger einzusetzen schienen. Allem voran natürlich Dr. Albrecht Hüttig, der als Vorstandsmitglied der Rudolf-Steiner-Schule bekannte: "Bei uns geht es um die nackte Existenz." Man jammere dabei keineswegs auf hohem Niveau. Die Finanzkraft der Eltern sei ausgereizt. Das letzte Reservoir seien die Gehälter der Lehrkräfte, die mit denen des öffentlichen Dienstes ohnehin nicht zu vergleichen seien. Die Zuschusskürzungen seitens der Landesregierung hätten riesige Löcher in den Haushalt der Nürtinger Waldorfschule gerissen.

Dabei schien alles so folgerichtig: Per Gesetz hatte sich das Land verpflichten wollen, 80 Prozent der Bruttokosten der Freien Schulträger beisteuern zu wollen, den Rest sollten Eltern, Schüler und Lehrer irgendwie aufbringen. Diese Vorgaben könne, musste Jörg Döpper schweren Herzens zugestehen, die unter einem gewaltigen Schuldenberg und daraus resultierenden Spärzwängen leidende Regierung so nicht einhalten. Döpper bekräftigte allerdings den Willen der CDU-Landtagsfraktion, sich diesem Ziel des Bruttokostenmodells bis 2007 schrittweise annähern zu wollen. Auch die Finanzierung der Kindergärten liegt, folgt man den Rednern, im Argen. Allerdings glaubt Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich, dass in den Köpfen der Gemeinderäte ein Umdenkungsprozess in der Einstellung freien Trägern gegenüber in Gang gekommen sei. "Wir sind bereit, mit eigenen Mitteln in die Finanzierung einzusteigen," versprach er, musste aber auch einschränken, dass das nicht sofort in vollem Umfang möglich sei, auch hier komme nur ein Stufenmodell in Frage.

Die Veranstalter des Abends hatten aber auch die Frage nach der Bedeutung der freien Schulen und damit auch des Systems der Waldorfpädagogik gestellt. Wohl ahnend, worauf diese Fragestellung hinauslief, sprach sich Jörg Döpper schon mal für die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems an staatlichen Schulen aus, das in Waldorfschulen, wie auch in den meisten Staaten, die in der PISA-Rangliste vor Deutschland liegen, keine Anwendung findet. Weder Professor Klaus Fischer, Rektor der Fachhochschule Nürtingen-Geislingen ("Vier Prozent unserer Studenten haben einen Waldorfabschluss, mehr gibt unsere Statistik zu dem Thema nicht her"), noch der für den Landesverband der Industrie tätige FH-Lehrbeauftragte Jürgen Dierks ("Die meisten meiner Studenten halten Bruchrechnen für höhere Mathematik") bezogen Stellung für oder gegen eines der Modelle, trotzdem befand man sich schnell im Spannungsfeld der von der PISA-Studie angeregten Grundsatzdiskussion, an der sich auch die Grünen-Abgeordnete des Landtags Renate Rastätter und der Neckartenzlinger Grund- und Hauptschulleiter Dr. Walter Korinek eifrig beteiligten.

Mehr Eigenverantwortung für die Schulen war gefragt, was Dr. Hüttig nur zu einem müden Lächeln reizte. Für ihn sei der Umgang mit einem Budget schon längst grauer Alltag. Ein "Schulsystem für alle" forderte Renate Rastätter, eine zum Waldorfsystem konvertierte Realschulllehrerin. Man müsse endlich weg von dem Dogma der homogenen Lerngruppen, hin zur Förderung vermeintlich lernschwacher Schüler: Vierzig Prozent der Förderschüler sind Migrantenkinder, die auf Grund ihrer Sprachschwierigkeiten abgeschoben würden, während sich in den Schulen des "PISA-Siegers" spezielle Förderlehrer um solche Fälle nebenher kümmerten. Ihr Fazit: "Wir haben das unmodernste Schulsystem der Welt!" Dr. Korinek fand sich "selbstverständlich bereit" zu einem Prozess des Voneinanderlernens. Schien ihm doch das "dreigliedrige Stufensystem ein Relikt des Stände-staates" zu sein.

Bis auf den als Vertreter der "Wirtschaft" fungierenden Naturwissenschaftler Jürgen Dierks, der immerhin die "soziale Kompetenz" als eine Art "sine qua non" zur Ausbildungsfähigkeit bezeichnet, blieb die Besonderheit der Waldorfpädagogik während der gesamten Diskussion auf die Eigenschaften einer Gesamt- und Ganztagesschule reduziert. Man hatte das Gefühl, dass dem einen Teil der Gesprächsrunde der ökonomisch relevante Aspekt, dem anderen der des bürokratisch-technisch verifizierbaren den Blick auf andere, inhaltliche Gesichtspunkte versperrte. Vielleicht hatte aber auch die fehlende Zeit, wie auch die Vielzahl der zu berücksichtigenden Paradigmen eine umfassende Information der immerhin fast 200 Besucher verhindert.