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"Es gilt, eine Kultur der Akzeptanz auszubilden"

Typisch türkisch ist: "Die regen sich mehr auf" und typisch deutsch: "Verklemmtheit". So zwei Aussagen in einem Umfragefilm von Jugendlichen aus Stuttgart. Die rund 70 Schülerinnen und Schüler, die den Film im Landratsamt Esslingen sehen, lachen.

GESA VON LEESEN

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ESSLINGEN Es war ein guter Einstieg in einen anstrengenden Tag. In Arbeitsgruppen werden sie sich mit dem deutsch-türkischen Verhältnis befassen. In der Folge sollen sie die Erkenntnisse in ihre Schulen tragen.

Das erste Treffen des Projektes Deutsch-türkische Jugendbegegnung am Nikolaustag abzuhalten, ist kein Zufall, denn schließlich kommt der heiligen Nikolaus aus der Türkei, sein Todestag wird in Deutschland und in der Türkei gefeiert. Die Deutsch-türkischen Jugendbegegnungen wurden 1999 vom Land Baden-Württemberg und dem türkischen Generalkonsulat begonnen, nun gibt es das Projekt auch im Landkreis Esslingen, wo es vom Kreisjugendring und dem Amt für Schule und Bildung unterstützt wird.

Es soll dazu beitragen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen zu erkennen und zu akzeptieren. Darauf legt der stellvertretende Landrat Matthias Berg Wert. "Politiker reden oft von einer Kultur der Toleranz. Doch Toleranz kommt von tolerare und das bedeutet keinen Widerstand hervorrufen. Das ist aber keine Integration, sondern ein Schwebezustand. Also gilt es, eine Kultur der Akzeptanz auszubilden. Wenn Ihr das schafft, habt Ihr viel erreicht", sagt er.

Ali Gülbahar, Geschäftsführer des Arbeitskreises Deutsch-türkische Jugendbegegnung und Beratungslehrer, hat in Stuttgart schon gute Erfahrungen mit dem Projekt gemacht: "Dort treffen sich einige Arbeitsgruppen bis heute, zum Beispiel die Mediengruppe." Außerdem wurden in den vergangenen Jahren Fachtagungen, Jugendreisen in die Türkei, ein Integrationswettbewerb und ein deutsch-türkisches Jugendforum in Stuttgart organisiert. 40 bis 50 Schulen in Baden-Württemberg hätten bereits Partnerschulen in der Türkei, sagt Gülbahar. An sechs Stuttgarter Realschulen kann türkisch gelernt werden beziehungsweise wird muttersprachlicher Unterricht angeboten.

Toni Josip, Schülersprecher von der Grund- und Hauptschule Neuffen, ist ins Landratsamt gekommen, weil er es gut fände, "wenn in der Schule nicht alles so getrennt ist". Dabei kämen die Größeren ganz gut miteinander aus. "Es gibt eher bei den Fünft- und Sechstklässlern immer mal wieder Streit", sagt er.

In drei Arbeitsgruppen beschäftigen sich die Jugendlichen mit Vorurteilen, Schule und Kindergarten sowie Religion und Erziehung. Ob Religion und Erziehung zusammenhängen will Gruppenleiterin Derya Aydin wissen. Ein Schüler meint: "Bei den Moslems ist es strenger." Eine junge Türkin widerspricht: "Wenn Türken ihre Kinder strenger erziehen, hat das mit der Kultur zu tun. Die Religion ist nicht streng, sondern die Kultur, die Tradition." Die Leiterin fragt nach Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam. "Wir leben ja in Deutschland und das ist christlich geprägt. Eine große Gemeinsamkeit ist, dass an den gleichen Gott geglaubt wird. Was gibt es noch?", fragte sie dazu. Zunächst stockend kommen erste Antworten: "In beiden Religionen darf man nicht stehlen", sagt einer, "auch nicht töten", ein anderer. "Und bei beiden sind alle Menschen gleich", so ein dritter.