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"Es hat gescheppert, wie wenn ein Lastwagen Blechbüchsen ablädt"

WEILHEIM Am Dienstag, 8. Januar, ist es genau 50 Jahre her, dass zwei US-amerikanische Düsenjäger am Boßler bei Weilheim zerschellt

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ANDREAS VOLZ

sind. 50 Jahre sind eine lange Zeit und doch ist das Unglück in Weilheim bis heute nicht vergessen. Das liegt daran, dass damals nicht nur die beiden Piloten, Lawrence C. Herdmann und John D. Reeder, ums Leben kamen, sondern auch drei Waldarbeiter aus Weilheim: Revierförster Hermann Drexler, 38 Jahre alt, Haumeister Karl Bachofer, 65, und Holzhauer Fritz Bachofer, 25.

Ältere Weilheimer erinnern sich noch genau an jenen 8. Januar 1958: Scharenweise waren sie am frühen Nachmittag zur Unglücksstelle gewandert, um möglichst an Ort und Stelle zu erfahren, was geschehen war. Viel zu sehen bekamen sie freilich nicht, weil das Gelände bereits weiträumig abgesperrt war. "Gegen eins oder halb zwei war die Bevölkerung da", erzählt Gerhard Ulmer 50 Jahre später. Damals war er 20 Jahre alt und als einer der Ersten zur Stelle. Er gehörte zur "staatlichen Partie", die noch eine Woche zuvor an der Unglücksstelle Holz gemacht hatte. "Wir waren gerade erst acht Tage weggezogen". Inzwischen war sein Trupp, zu dem acht bis zehn Mann gehörten, unterhalb der Herzogenau beschäftigt, etwa eine Viertelstunde von der Absturzstelle entfernt. Gemeinsam mit seinen Kollegen Karl Hepperle und Hermann Müller eilte Gerhard Ulmer sofort in Richtung Unglücksstelle.

"Wir hatten ungefähr zehn Zentimeter Schnee und so starken Nebel, dass man keine 100 Meter gesehen hat", erinnern sich die einstigen "Holzmächer". Sehen konnten sie von dem Unglück nichts. Dafür haben sie es gut gehört: "Es hat gebrummt, und dann gab es einen Knall. Es hat gescheppert, wie wenn ein Lastwagen Blechbüchsen ablädt." Nebel und schlechte Sicht sind wohl der Hauptgrund für den Absturz der beiden Militärmaschinen vom Typ F 100 D Super Sabre gewesen. Allerdings müssen die beiden Düsenjäger auch schon ziemlich tief über das Gebiet des Echterdinger Flughafens geflogen sein, wie der Teckbote anderntags berichtete.

In jener Ausgabe vom 9. Januar 1958 wird auch beschrieben, was Hermann Müller und Gerhard Ulmer heute 75 beziehungsweise 70 Jahre alt zu sehen bekamen, als sie schließlich den Unglücksort erreicht hatten: "Die Unfallstelle bot ein Bild des Grauens: Rauchende Trümmer der Flugzeuge in zwei Kratern, wenige Meter unterhalb eines Waldwegs, auf dem die getöteten Weilheimer Bürger wahrscheinlich gegangen waren. Weit hangaufwärts verstreut lagen die Leichen der fünf Menschen, die den Tod gefunden hatten. Sie waren zum Teil gräßlich verstümmelt. Die beiden Piloten hingen an den Fallschirmen. Man kann daraus schließen, daß sie die Gefahr noch erkannt hatten und abspringen wollten. Man mußte staunen, daß von den Flugzeugen fast nichts mehr übrig geblieben war. Lediglich einzelne kleine Teile lagen umher bzw. hingen in den Bäumen. Die größten Teile, die man in der Nähe der Absturzstelle fand, waren zwei Düsen."

50 Jahre später bestätigen die Männer, die sich damals als Erste diesem Anblick stellen mussten, die Angaben des Zeitungsartikels. Sie erinnern sich an etliche grausige Details auch daran, dass sie einem nahen Angehörigen, der später dazukam, die Empfehlung gaben, er möge den Bruder so in Erinnerung behalten, wie er ihn zu Lebzeiten gekannt hatte. Andererseits fanden sie auch einen ihrer toten Kollegen auf dem Waldweg, ohne dass er erkennbare Verletzungen aufgewiesen hätte: "Er hatte nur eine leichte Schramme und war überhaupt nicht entstellt."

Anfangs war es noch völlig unklar, wie viele Tote das Unglück gefordert hatte. Die Männer von der "Staatspartie" wussten lediglich, dass es städtische Waldarbeiter getroffen haben musste. "Erst als dann die anderen Leute von der Stadt dazugekommen sind, wussten wir, dass es nicht noch mehr Tote waren", berichtet Gerhard Ulmer 50 Jahre später am Gedenkstein der 1964 zum sechsten Jahrestag des Unglücks errichtet worden war. Die städtische Partie war zum Zeitpunkt des Absturzes im Gewann "Steinriegel" tätig gewesen, oberhalb von Häringen. "Wir sind dann von unten rauf gekommen", erzählt der 67-jährige Ernst Kautter, der damals für die Stadt Weilheim im Wald arbeitete.

Die Unglücksstelle lag an der Grenze zwischen staatlichem und städtischem Wald. Von den jeweiligen Arbeitgebern abgesehen, unterschieden sich die Waldarbeiter aber nicht voneinander. Sie waren alle aus Weilheim und Umgebung: "Das waren anfangs lauter Bauern. Man ist im Winter in den Wald gegangen, um etwas zu tun", berichten Gerhard Ulmer und Karl Hepperle rückblickend. Jeder hätte also auch bei der jeweils anderen Partie tätig sein können, um sich im Winter ein Zubrot zu verdienen. Festanstellungen als "Holzmächer" waren vor 50 Jahren nicht die Regel.

Karl Hepperle stammt wie Hermann Müller von der Herzogenau. Er ist heute 82 Jahre alt und damit der älteste des Quartetts, das sich kurz vor dem 50. Jahrestag aufmachte, um an der Unglücksstelle Erinnerungen an das damalige Geschehen auszutauschen. Nachdenklich sind sie alle. Dass es schon 50 Jahre her sein soll, können sie kaum glauben. Zu intensiv haben sie das Erlebte noch vor Augen. Verarbeiten mussten sie das damals allein, jeder für sich. Psychologische Hilfe durch Fachleute war nicht vorgesehen. Es war eben noch eine andere Zeit nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Für Karl Hepperle gab es am 8. Januar 1958 noch eine besondere Aufgabe: Als er gemeinsam mit Gerhard Ulmer und Hermann Müller zur mutmaßlichen Unglücksstelle eilte, kam ihnen Forstmeister Dr. Max Zeyher in seinem schwarzen Mercedes entgegen. "Er hatte starke Verbrennungen", weiß Karl Hepperle zu berichten. "Gesicht und Hände wirkten wie verkohlt. Wir dachten, er hätte verbrannte Handschuhe an. Es waren aber seine bloßen Hände."

Forstmeister Zeyher hatte sich trotz seiner schweren Verletzungen zum Auto geschleppt und sich auf den Weg ins Kirchheimer Krankenhaus gemacht. Woher hätte er auch Hilfe erwarten sollen? Um Polizei und Rettungskräfte zu alarmieren, gingen Bewohnerinnen der Herzogenau zum Deutschen Haus, weil sie zuhause kein Telefon hatten.

Karl Hepperle jedenfalls chauffierte den Schwerverletzten, der ihm auf dem Waldweg entgegengefahren kam, weiter in Richtung Kirchheim. Max Zeyher war bei vollem Bewusstsein und gab klare Anweisungen. So wollte er auf keinen Fall, dass Karl Hepperle am Weilheimer Forsthaus anhält. Das hätte nur die Familie beunruhigt und außerdem wertvolle Zeit gekostet. In Kirchheim angekommen, beauftragte der Forstmeister seinen Fahrer, das Auto gut zu verschließen. Schließlich habe er ein Gewehr im Wagen. Bevor Karl Hepperle diesen Auftrag erfüllt hatte, war Max Zeyher bereits selbstständig ins Krankenhaus gelangt. Erst als er dort in Behandlung war, verlor er das Bewusstsein.

Bereits zwei Jahre später war Dr. Zeyher wieder in sein Amt zurückgekehrt. Im August 1973 ging er mit 65 Jahren als Forstdirektor in den Ruhestand, den er in Tübingen verbrachte. Hochbetagt ist er vor knapp zehn Jahren gestorben, nachdem er noch den 40. Jahrestag des Flugzeugunglücks am Boßler erlebt hatte.

Inzwischen, nach beinahe 50 Jahren, sagt Karl Hepperle, was damals wie heute alle bewegte: "Dass da Flieger abgestürzt sind, hat es ja schon öfter gegeben. Aber kein Mensch hätte gedacht, dass dort sonst noch jemand unterwegs ist." Schon in der Teckbotenausgabe vom 9. Januar 1958 stellte sich die Frage nach dem Warum: "Warum stürzten die Maschinen in dem großen, weiten Waldgebiet des Boßler-Nordwesthanges ausgerechnet auf die vier Männer? Warum befanden sich Forstmeister Dr. Zeyher und seine Helfer zu diesem Zeitpunkt gerade an jener Stelle? Warum stürzten die Düsenjäger überhaupt ab? Fragen über Fragen. Wir Menschen können sie nicht beantworten. Vielleicht waren die Piloten etwas leichtsinnig, [...]. Aber wer will hier richten?"

Eine der Warum-Fragen wurde auch damals schon beantwortet die Frage, was die vier Männer genau dort im Wald zu tun hatten: Sie waren damit beschäftigt, Holz zu kontrollieren. "Bis an die Unfallstelle ist Holz gelegen", erinnert sich Karl Hepperle. Er selbst hatte am frühen Morgen bereits mitgeholfen, fast an derselben Stelle das Holz der staatlichen Partie zu kontrollieren. Gegen 10 Uhr war er damit fertig und ist wieder zu seinen Kollegen unterhalb der Herzogenau gestoßen. Den Absturzzeitpunkt geben die vier Zeitzeugen ganz exakt an: "Fünf vor 11." Da werden alle wieder ziemlich still und nachdenklich, besonders aber Karl Hepperle.

INFOAm morgigen Sonntag, 6. Januar, wird im Gottesdienst in der Weilheimer Peterskirche der Opfer des Flugzeugabsturzes gedacht. Beginn ist um 10 Uhr. Im Anschluss an den Gottesdienst legen Vertreter der Stadt Weilheim, Familienangehörige und Forstbedienstete am Gedenkstein am Boßler einen Kranz nieder.Die Naturfreunde Göppingen, deren Wanderheim in unmittelbarer Nähe zu zahlreichen Unglücksstellen liegt, laden jetzt schon zu einem Gespräch zum Thema "Flugzeugfalle Boßler" ein: Am Freitag, 18. April, können sich Zeitzeugen und Interessierte um 18 Uhr im "Boßlerhaus" einfinden. Ziel dieses Abends ist es, mit einer umfassenden Dokumentation aller Flugzeugabstürze am Boßler zu beginnen. Weitere Auskünfte dazu erteilt Thilo Keierleber unter der Telefonnummer 0 71 61/81 32 39.Die Schreibweisen "Boßler" und "Bosler" variieren bei schriftlichen Quellen über den Schicksalsberg am Albtrauf übrigens beständig. Eine eindeutige Klärung der "richtigen" Schreibweise steht noch aus. Die Verwendung beider Varianten im Zusammenhang mit unserer Berichterstattung über den Hubschrauberabsturz Ende September 2005 hatte teilweise heftige Leser-Reaktionen ausgelöst.