Lokales

„Es hat sich gelohnt zu streiten“

Kommunalpolitik gestern und heute – Gespräch mit dem Schlierbacher Ex-Gemeinderat Walter Haller

volkmar schreier

Anzeige

Schlierbach. Beim Blick in die Vergangenheit fallen Walter Haller, der für die Freien Wähler von 1975 bis 1995 im Gemeinderat saß, spontan die Debatten um die Auffüllung des Schlierbacher Sees, der Umbau des Farrenstalls oder die dann letztlich gescheiterte Flurbereinigung ein. Diese war erklärter Wille des damaligen Bürgermeisters. „Bürgermeister Volker Lenz wollte unbedingt mit der Flurbereinigung durchkommen, aber das gab richtig Ärger mit den Schlierbacher Landwirten“, erinnert sich Haller noch lebhaft an die damalige Auseinandersetzung.

Überhaupt habe es damals, ganz im Gegensatz zu heute, heftige Konfrontationen bei strittigen Themen gegeben, was Walter Haller nicht zuletzt auf den damaligen Bürgermeister, den er als streitbaren Geist charakterisiert, zurückführt. Aber auch die Zusammensetzung des Gemeinderats war der politischen Streitkultur zuträglich: „Früher gab es noch eine dreiköpfige SPD-Fraktion. Das ist schade, dass es die nicht mehr gibt“, bedauert Haller den Verlust politischer Vielfalt im Gemeinderat, in dem heute nur noch die Freien Wähler und die CDU vertreten sind. „Man war damals bei den Abstimmungen einfach variabler.“

Haller zieht ein positives Fazit aus den vielen politischen Auseinandersetzungen. „In der Rückschau hat es sich gelohnt, darüber zu streiten.“ Einen wichtigen Unterschied zu heute sieht Haller im Umgang der Protagonisten miteinander. Trotz allem politischen Streit um die bessere Lösung sei dieser ein anderer gewesen. „Das Klima hat sich verändert, das Menschliche fehlt heute.“

Wenn Haller den Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart schlägt, sieht er die Gemeinde gut aufgestellt, was auch an den damaligen Entscheidungen liege. So erinnert er daran, dass die Weichen für das Industriegebiet, von dem die Gemeinde heute durch Gewerbesteuereinnahmen profitiert, damals gestellt wurden. Aber auch von der in den 80er-Jahren in Angriff genommenen Ortskernsanierung oder der Rückholung der Hauptschule aus Ebersbach profitiere die Gemeinde heute.

Schlierbach sei heute eine attraktive Gemeinde. Ein reges Vereinsleben, Sporthalle und Kunstrasensportplatz, Kindergärten, Grund- und Hauptschule, die reizvolle Landschaft mit den vielen Streuobstwiesen, aber auch eine starke lokale Wirtschaft mit einem breiten Spektrum unterschiedlichster Betriebe und eine günstige Verkehrsanbindung: All das zeichne Schlierbach heute aus.

Überhaupt habe das Thema Industrie und Wirtschaft immer großen Raum unter der Vielzahl lokalpolitischer Themen eingenommen. Verändert hat sich das breite Spektrum lokalpolitischer Themen über die Jahre dennoch: „Kinderbetreuung und Schule sind heute ein viel größeres Thema als früher“, konstatiert er, die Landwirtschaft beispielsweise weniger. Auch das Thema Senioren habe mittlerweile einen ganz anderen Stellenwert als früher, was sich ja auch in dem breiten Angebot am Ort mit dem Pflegeheim und der Seniorenwohnanlage Rose zeige.

Manche Themen wiederholen sich auch in größeren Zeitabständen. „Wir haben damals darüber diskutiert, ob der See zugeschüttet werden soll, heute wird im Gemeinderat über eine Renaturierung diskutiert.“ Und auch dem Thema Landwirtschaft prophezeit Haller, der seit seinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat die Lokalpolitik interessiert aus der Distanz verfolgt, eine Renaissance. Ökologie, Pflege der Streuobstwiesen, die Lage der Milchbauern – hier sieht Haller wichtige Themen der Zukunft.

Das große Thema aber, das den künftigen Gemeinderat nach Einschätzung Hallers am meisten beschäftigen wird, ist die Förderung der örtlichen Industrie. „Das ist die große Frage: Wie geht es mit der Wirtschaft weiter?“ Da komme auf die Gemeinde einiges zu, auch wenn die Ausgangslage ganz gut sei. „Wir sind relativ gut aufgestellt“, sagt Haller. „Aber das zu erhalten wird schwierig sein.“ Fotos: Jacques/Schreier