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"Es ist nicht gelungen, die Vorteile zu vermitteln"

Der Versuch, sieben evangelische Kirchengemeinden in Kirchheim zu einer einzigen zu vereinen, ist gescheitert. Sechs der sieben zuständigen Kirchengemeinderatsgremien haben die geplante Fusion bereits im Vorfeld mehrheitlich abgelehnt. Lediglich der Kirchengemeinderat der Martinskirche hatte sich dafür ausgesprochen sogar einstimmig.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Der Engere Rat hat den Strukturentwicklungsprozess für beendet erklärt", sagte Kirchenpfleger Bernd Kemmner in einem Pressegespräch zur Konsequenz der Abstimmungsergebnisse in den einzelnen Gemeindegremien. Weil es zum "großen Wurf" nicht gereicht hat und ein "Plan B" von vornherein nicht vorgesehen war, bleiben die bestehenden Strukturen der sieben landeskirchlichen Gemeinden in Kirchheim bis auf weiteres erhalten. Bernd Kemmner zur Situation der Gesamtkirchengemeinde, die natürlich weiterhin als übergeordnete Organisation der sieben selbstständigen Gemeinden fungiert: "Wir sind da, wo wir begonnen haben."

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Begonnen hatten die Überlegungen zur Strukturreform in der Arbeitsgruppe Haushaltskonsolidierung. Diese Gruppe hatte die Aufgabe, Einsparmöglichkeiten aufzuzeigen und entsprechende Prozesse voranzutreiben. Dabei stellten die Mitglieder fest, dass es etwas Grundsätzliches brauchte, um Gebäudeunterhalt oder Personalstellen effizienter verwalten oder auch gegebenenfalls ausgewogener reduzieren zu können: den Strukturwandel, wie er in dem vorgeschlagenen Modell zum Tragen gekommen wäre.

"Die AG hatte die neuen Strukturen als wesentliche Grundlage für künftige Entscheidungsprozesse gesehen", sagt Bernd Kemmner über die Erkenntnisse der Arbeitsgruppe, deren Mitglieder inzwischen gemeinsam ihr Mandat zurückgegeben haben.

Folgende Gründe vermutet der Kirchenpfleger hinter dem Scheitern der Kirchheimer Strukturreform: die Befürchtung, dass die Gemeindearbeit vor Ort wegbrechen könnte, die mögliche "Machtkonzentration" in einer zentralistischen Verwaltung, die Angst, als Kirchengemeinde im Zuge einer "Gleichmacherei" das eigene Profil zu verlieren sowie die Befürchtung zunehmender Anonymität, wenn die Beziehungsgeflechte vor Ort nicht mehr so wichtig seien. Hinzugekommen wäre der Verlust der parochialen Eigenständigkeit bei der Pfarrerwahl, für die allein die Gesamtgemeinde zuständig geworden wäre, und ein "argumentatives Übergewicht der Theologen" im neuen einheitlichen Kirchengemeinderat.

Mit als ausschlaggebend bezeichnet Bernd Kemmner schließlich das "Totschlagargument", das der Oberkirchenrat erst relativ spät in die Diskussion eingebracht habe: Es waren Befürchtungen geweckt worden, dass durch die geringere Zahl selbstständiger Kirchengemeinden im Pfarrplan 2016 noch eine zusätzliche 75-Prozent-Stelle hätte wegfallen können. Dabei sei jetzt noch "völlig unklar", ob der Pfarrplan 2016 überhaupt kommt, geschweige denn, welche Zielvorgabe er haben wird.

Obwohl die Idee einer einheitlichen Kirchengemeinde jetzt vom Tisch ist, stehe die Gesamtkirchengemeinde vor großen Schwierigkeiten: "Wir haben darüber zu entscheiden, wie wir bis 2011 eine halbe Pfarrerstelle einsparen können." Im Sommer muss die Entscheidung an die Synode weitergeleitet sein. Am heutigen Samstag findet dazu die erste Klausurtagung des Engeren Rats statt. Der Unterschied bestehe nun darin, dass die einzelnen Kirchengemeinden bei den Verhandlungen in Konkurrenz zueinander treten. Eine Situation, die Pfarrer Wilhelm Keller unbedingt vermeiden wollte: "Es wird jetzt Gewinner und Verlierer geben."

Keller, der innerhalb der Gesamtkirchengemeinde für die Pressearbeit zuständig ist, lehnt die alte Struktur nicht grundsätzlich ab: "Sie hat sich bisher bewährt. Wir müssen jetzt eben versuchen, auch die Zukunft mit dieser Struktur zu bewältigen." Er will auch nicht unbedingt wie ein schlechter Verlierer dastehen: "Wir akzeptieren den demokratischen Beschluss, glauben aber trotzdem nicht, dass unsere Arbeit umsonst war. Vielleicht waren wir einfach zu früh dran. Das Modell war zukunftsweisend."

Finanziell sieht die Zukunft der Gesamtkirchengemeinde derzeit alles andere als rosig aus, wie Kirchenpfleger Kemmner mitteilt: "In der mittelfristigen Finanzplanung für 2007 haben wir bereits eine Deckungslücke von 25 000 Euro auch ohne Mehrwertsteuererhöhung. Wir haben also keinen Investitionsspielraum mehr." Konflikte unter den sieben selbstständigen Kirchengemeinden seien daher unvermeidbar.

Selbstkritisch merkt Bernd Kemmner zur gescheiterten Strukturreform an: "Es ist uns nicht gelungen, die Vorteile des Modells zu vermitteln." Der Leidensdruck sei noch nicht groß genug gewesen, was Pfarrer Keller zu folgender Bemerkung veranlasst: "Man muss wohl erst gegen die Wand fahren, bevor man bereit ist, Veränderungen einzugehen." Immerhin stehe es noch nicht so schlecht um die Landeskirche in Kirchheim. Sie gehe keineswegs "den Bach runter", und an der Basis werde gute Arbeit geleistet. Wilhelm Keller sah allerdings im neuen Strukturmodell "das professionelle Pendant" zur ehrenamtlichen Arbeit an der Basis.

Wie auch immer die Arbeit an der Auferstehungs-, Christus-, Kreuz-, Martins- und Thomaskirche in Kirchheim, an der Johanneskirche in Ötlingen, der Matthäuskirche in Lindorf sowie in der Gesamtkirchengemeinde weitergeht Kirchenpfleger Bernd Kemmner hat die Hoffnung auf künftige Synergieeffekte noch nicht gänzlich aufgegeben. Er hat zu diesem Thema sogar ein passendes Gleichnis parat: "Vielleicht ist das auch eine Saat, die einfach länger braucht, bis sie aufgeht."