Lokales

„Es ist normal, verschieden zu sein“

Seit fünf Jahrzehnten setzt sich die Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen ein

„Wir brauchen ein Leitbild, das den Menschen in seiner Individualität achtet und ihn unabhängig von seinen Stärken und Schwächen vor Gefährdungen schützt“. Es gibt wohl niemanden, der diesem Satz seine Zustimmung verwehren würde. Die Forderung von Robert Antretter zielt aber auf Menschen mit geistiger Behinderung ab und da könnte es doch etwas holprig laufen mit der Unterstützung aus der eingeforderten Solidargemeinschaft. Grund genug für die Lebenshilfe, auch im fünften Jahrzehnt ihres Bestehens nicht nachzulassen, sich für die Menschenrechte einzusetzen.

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Barbara Ibsch

Kirchheim. Robert Antretter ist seit der Jahrtausendwende Bundesvorsitzender der 1958 gegründeten Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Unter seinen Fittichen setzen sich derzeit 527 Orts- und Kreisvereinigungen mit rund 135 000 Mitgliedern für Menschen mit Behinderung ein – etwa 8,4 Millionen davon soll es bundesweit geben. „Wir brauchen die Solidarität der Gesellschaft und müssen deutlich machen: „Menschen mit geistiger Behinderung haben ein Recht auf Lebensbedingungen, die ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigen und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“. Dies unterstrich Antretter anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Lebenshilfe Kirchheim, die 1965 von engagierten Eltern und Bürgern als Ortsvereinigung gegründet wurde.

„Es ist normal, verschieden zu sein!“ Auch hierfür kann es eigentlich nur allgemeine Zustimmung geben. Wenn aber dieses Verschiedensein eine geistige Behinderung des so freudig erwarteten Kindes bedeutet, bricht für die Eltern zuerst einmal eine Welt zusammen. Das ist heute nicht anders als vor fünfzig Jahren. Von unterstützender Hilfestellung, Solidarität und Hoffnung konnte damals nicht groß die Rede sein. Umso wichtiger war willensstarke Eigeninitiative. Eltern, die ihre behinderten Kinder nicht verstecken, sondern ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen wollten, scharten sich um den niederländischen Pädagogen Tom Mutters. Er war bis 1952 Beauftragter im Kindersuchdienst der Vereinten Nationen, arbeitete danach als Verbindungsoffizier im Auftrag des UN-Hochkommissars für Flüchtlingen im Philipps-Hospital im hessischen Goddelau für schwer geistig behinderte Kinder verschleppter Personen, Flüchtlingsfamilien und KZ-Überlebende. 1958 gründete Tom Mutters mit anderen Fachleuten und Eltern die Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind. Seit 1996 heißt der Verein Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung.

„Es ist normal, verschieden zu sein!“ Für die Lebenshilfe bedeutet dies die Abkehr von starren Normen und Leistungserwartungen. Sie will den Blick auf den Reichtum lenken, den Menschen mit geistiger Behinderung für unsere Gesellschaft bedeuten, auf ihre Menschenwürde, auf den Wert ihrer Persönlichkeit, auf ihre Kreativität, auf ihre liebenswerten Seiten und ihre Sensibilität.

Robert Antretter weist immer wieder darauf hin, wie wichtig der Wille der Eltern zur Selbsthilfe war, wie daraus die Kraft entstanden ist, mit Gleichbetroffenen für ihr Anliegen einzutreten. Vielen Eltern sei damals erst durch Kontakte mit anderen klar geworden, dass sie mit ihrem „Schicksal“ nicht allein waren. Sie tauschten Informationen aus und machten sich gegenseitig Mut, ihr behindertes Kind anzunehmen und zu fördern. Und sie schafften es, Fachleute für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zu gewinnen.

Die Solidarität hat angehalten und die Mühe hat sich gelohnt. Eltern dürfen erleben, wie ihre behinderten Kinder durch entsprechende Förderung aufblühen, wie sie sich neue Lernfelder erobern und Fähigkeiten entwickeln, die ihnen zuvor kaum jemand zugetraut hat. Diese positiven Erfahrungen helfen auch heute noch dabei, Widerstände aus dem Weg zu räumen und Zweifler zu überzeugen. Das hat innerhalb weniger Jahre dazu geführt, die Lebensumstände der Menschen mit geistiger Behinderung im positiven Sinn zu verändern.

Von einer „Kultur des Miteinanders“ spricht Robert Antretter in diesem Zusammenhang. Die Lebenshilfe sieht im geistig behinderten Menschen den Auftraggeber dafür, sich seiner im Grundgesetz verankerten Rechte anzunehmen. Nicht versteckt, sondern mitgenommen zu werden als uneingeschränktes Mitglied der Gesellschaft, lautet das Anliegen. Umgesetzt wir es auch bei der gegen heftigen Widerstand eingeführten Schulpflicht. Dem herkömmlichen, mit Lesen, Schreiben und Rechnen gleichgesetzten Bildungsbegriff stellte die Lebenshilfe die „lebenspraktische Bildbarkeit“ entgegen. Dabei steht das „emotionale Begreifen“ von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung im Mittelpunkt.

Das Recht auf Arbeit wird in einem flächendeckenden Netz an Werkstätten für behinderte Menschen garantiert, an dessen Aufbau die Lebenshilfe wesentlichen Anteil hat. Die Werkstätten Esslingen-Kirchheim (W.E.K.) beispielsweise haben sich zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen entwickelt und gelten als verlässlicher Partner für Industrie, Handwerk und Behörden.

Wohnheim, Außenwohngruppe, Offene Hilfen samt Familienentlastender Dienste, Carl-Weber-Kindergarten, Werkstätten – all das hat sich in Kirchheim kontinuierlich entwickelt und den guten Ruf der Lebenshilfe gefestigt. Zu den wichtigen Stationen gehören aber auch Selbstbestimmung und Mitverantwortung. So sind in den Beirat und den Vorstand der Lebenshilfe Menschen mit Behinderung eingebunden. Professor Dr. Ulrich Bauder, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg, zollte dem Gesamtpaket Anerkennung und bescheinigte der Lebenshilfe Kirchheim, den Aspekt der Selbsthilfe und der Selbstbestimmung der behinderten Menschen sowie deren Angehöriger stets in den Vordergrund gerückt zu haben.

Der demografische Wandel stellt auch die Lebenshilfe vor eine neue Herausforderung. Die ohnehin schon schwierige Situation wird noch dadurch erschwert, dass der geforderte Ausbau von Wohnmöglichkeiten – und hier vor allem für älter werdende Menschen und solche mit hohem Hilfebedarf – aus Kostengründen immer mehr infrage gestellt wird. Altern in Würde, wer wünscht sich das nicht. Menschen mit geistiger Behinderung machen da keine Ausnahme und deshalb setzt sich die Lebenshilfe auch dafür ein. In ihrem Grundsatzprogramm heißt es dazu: „Geistig behinderte Menschen haben das Recht, ihr Alter nach ihren Bedürfnissen zu gestalten: Die Lebenshilfe hat die Pflicht, entsprechende Angebote vorzuhalten oder notwendige Hilfen zu vermitteln.“

In unserer Gesellschaft ist viel von Barrierefreiheit die Rede. In dem Komplex mit einzubeziehen ist auch die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Leben in der Gesellschaft. Um dies mit allen Facetten zu ermöglichen, müssen allerdings noch etliche Barrieren abgebaut werden – in den Köpfen der Menschen, die glauben, frei von jeglicher Behinderung zu sein. „Gemeinsam kommen wir weiter!“ heißt es im „Wegweiser“ der Lebenshilfe. Menschliche Wärme gehört dazu, Offenheit für alle, Partnerschaft, Vertrauen und Solidarität. Eigentlich ganz einfach, ist es doch normal, verschieden zu sein.