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"Es muss immer erst Tote geben"

Hätte der Tod des 29-Jährigen verhindert werden können? Das fragt sich Helmut Gagg, Leiter des Weißen Rings in Esslingen. Der junge Mann war im Plochinger Dehner-Markt von seinem Ex-Freund erstochen worden. Nach der Trennung war das Opfer Gagg zufolge regelrecht verfolgt worden. Er hatte seinen ehemaligen Gefährten schon vor Monaten wegen Bedrohung angezeigt. Das Ermittlungsverfahren sei aber eingestellt worden.

SABINE FÖRSTERLING

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KREIS ESSLINGEN Seit Jahren fordert der Verein einen besseren strafrechtlichen Schutz von so genannten Stalking-Opfern und das rechtzeitige Eingreifen der Ermittlungsbehörden. Dies hat inzwischen auch die Politik erkannt. Am 18. März entscheiden die Länder im Bundesrat über eine Gesetzesvorlage, die "schwere Belästigung" ausdrücklich unter Strafe stellen soll. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries befürwortet zwar ein härteres Vorgehen, steht einem eigenen Straftatbestand jedoch skeptisch gegenüber. "Es muss immer erst Tote geben", kritisiert Helmut Gagg.

Erst nachdem in den USA Prominente Opfer von Psychoterror, Verfolgung und tödlicher Gewalt wurden, habe man dort Stalking unter Strafe gestellt. In Kanada, Australien und Belgien gibt es inzwischen ebenfalls einen eigenen Straftatbestand. Einer Studie zufolge wird rund jeder zehnte Deutsche Opfer von Stalking. Hauptsächlich Frauen werden nach der Trennung von ihren Partnern verfolgt. Über Monate hinweg werden sie durch unzählige nächtliche Telefonanrufe aus dem Schlaf gerissen und der Ex lauert am Arbeitsplatz auf. Die Folge: Panikattacken bis hin zu Selbstmordgedanken. "Bei jedem Geräusch vor der Haustür bin ich hoch geschreckt", beschreibt eine Betroffene aus dem Landkreis Esslingen.

Auch das 29-jährige Opfer im Dehner-Markt wurde verfolgt. Gagg weiß, dass er seinen 37-jährigen ehemaligen Lebensgefährten wegen Bedrohung und übler Nachrede angezeigt hatte. Da der Fall als üblicher "Rosenkrieg" eingestuft wurde, wurde das Verfahren eingestellt. Bei Stalking muss härter durchgegriffen werden, darin sind sich Politiker quer durch die Parteien einig. Aber sie ringen noch um das wie. Antje Vogel-Sperl, Bundestagsabgeordnete des Landkreises von Bündnis 90/Die Grünen, sieht das bestehende Instrumentarium auf dem Prüfstand. Das Opfer könne zivilrechtlich ein Haus- und Annäherungsverbot erreichen.

Auf das Gewaltschutzgesetz setzt Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Sie denkt an eine Erhöhung der Strafe bei Zuwiderhandlung sowie an eine Beschleunigung des Verfahrens und Richtlinien für die Staatsanwaltschaft. Der Opferschutz müsse praxisnah umgesetzt werden, meint Karin Roth. Die Bundestagsabgeordnete der SPD versperrt sich einem neuen Stalking-Paragrafen nicht. Diesen will CDU-Kollege Markus Grübel auf jeden Fall im Strafgesetzbuch verankert sehen, um schwer wiegende Straftaten zu verhindern. Mit dem heutigen Strafrecht könne man seelisch belastenden Terror nicht ahnden. Oft komme es zur Eskalation wie jüngst ein Todesfall in Bremen gezeigt habe. Das Gewaltschutzgesetz hält Grübel für untauglich. Die Opfer würden den langen Weg durch die zivilrechtlichen Instanzen, in denen sie im Gerichtssaal ihrem Peiniger gegenüber stehen, scheuen.