Lokales

Es trennt sich schnell die Spreu vom Weizen


BARBARA IBSCH

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KIRCHHEIM Trockene Materie? Wer sich für Stadtgeschichte interessiert und den Umgang mit historischem Material fast schon als sinnliches Vergnügen empfindet, kann über diesen Ansatz nur müde lächeln. Archivarbeit ist mehr als das Verwahren alter Schriftstücke oder zeitgenössischer Dokumente, die einmal wertvoll werden könnten. Archivarbeit in Kirchheim ist "die Rüstkammer und das Gedächtnis der Verwaltung", beschreibt Rainer Kilian sein Arbeitsfeld.


Der 59-jährige Stadtarchivar weiß um die Exotik seines Amtes innerhalb der Verwaltung samt der damit verbundenen Freiräume. Bis er sie in eigener Verantwortung nutzen konnte, war Überzeugungsarbeit zu leisten. Heute kann er sich über den stetigen Aufschwung des Archivs freuen und dankbar feststellen: "Was jetzt sichtbar ist, gilt zugleich als Bestätigung unserer Arbeit." Das war nicht immer so. 1662 hatte Obervogt Konrad Widerholt die Stadt Kirchheim gerügt, dass in anderen Gemeinden Dokumente besser erhalten und verwahrt seien, und auch in den folgenden zwei Jahrhunderten wurde der missliche Zustand des Archivs regelmäßig beklagt. Davon kann in der Neuzeit keine Rede mehr sein, der Rat der Stadt hat immer wieder mit klingender Münze die Wertschätzung dieser Arbeit unterstrichen.


Geleistet wird sie standesgemäß in einem 400 Jahre alten Gebäude im historischen Kirchheimer Freihof. Innen wie außen ist das Domizil auf dem neuesten Stand und hinsichtlich der elektronischen Datenverarbeitung so weit fortgeschritten, dass Archivarbeit auch für Benutzer von außen nicht ein Buch mit sieben Siegeln bleiben muss. Unterstützt wird Rainer Kilian von drei Halbtagskräften, die sich eineinhalb Archivstellen teilen, und in der zu seinem Amt gehörenden Zentralregistratur im Rathaus sind es 1,75 Stellen, wiederum auf drei Frauen gesplittet. Das Archiv hat Bestandsschutz und ist als Pflichtaufgabe der Stadt festgeschrieben im Landesarchivgesetz. Das bietet Planungssicherheit und beruhigt natürlich auch die Mitarbeiter. Sie haben drei Kernaufgaben zu erfüllen: Tätig sein für die Verwaltung, wissenschaftliche Arbeit und historisches Wissen auch der Bevölkerung zu vermitteln.


Zu den Verwaltungsaufgaben gehört in erster Linie, sämtliche im laufenden Geschäft nicht mehr benötigten Unterlagen daraufhin zu überprüfen, ob sie von archivalischem Wert und damit von besonderer Bedeutung sind. Das trifft auf etwa zwanzig Prozent des Angebots zu, der große Rest wandert in den Reißwolf. Alles was Bestand hat, ist eingereiht innerhalb einer Zeitspanne von 600 Jahren vor dem Hintergrund, nicht nur mit dem historischen Archiv zu arbeiten, sondern auch Neues aufzubauen für die nachfolgende Generation. Rund 30 000 Urkunden, Bände und Akten sind derzeit dauerhaft aufbewahrt, ungefähr 600 Karten und Pläne, 50 Nachlässe, 500 Fragmente und 16 000 Fotos. Letztere sind digitalisiert und können gegen eine Gebühr aus dem Internet heruntergeladen werden.


Es gibt eine Archivbibliothek mit rund 5 000 Bänden, eine Gesetzessammlung mit etwa 1 200 Bänden und die seit 1832 komplett überlieferten Ausgaben des Teckboten. Gegliedert ist der Archivbestand in sieben Abteilungen: Kirchheim, Ötlingen, Lindorf, Jesingen, Nabern, Karten/Pläne sowie Sammlungen. Diverse Findbücher, Karteien und die elektronische Datenverarbeitung erleichtern es, sich in dem rund 2 000 laufende Meter ausmachenden Material zurechtzufinden. Mikrofilme sorgen als neues Medium für Platz und Benutzerfreundlichkeit, werfen aber auch das technische Problem der Haltbarkeit auf. Um sicher zu gehen, wird jeder Film in bestimmtem Abstand neu kopiert. Wichtige Bestände werden aber auch weiterhin im Original aufbewahrt.


Ausgeliehen wird nichts. Wer gezielt nachforschen möchte und das sind durchschnittlich etwa 200 Bürger im Jahr muss sich im Freihof selbst durchwursteln. Es wird zwar unter Aufsicht vorgelegt und Hilfestellung gegeben, aber dann "muss jeder selber zulangen", bekräftigt Rainer Kilian. Nachdem dabei viel Handschriftliches zu entziffern ist, dürfte sich wie beim Bewerten der Akten die Spreu ziemlich schnell vom Weizen trennen.


Verlass ist auf den Stamm von Autoren, den der Stadtarchivar in den letzten zwanzig Jahren für den wissenschaftlichen Bereich aufgebaut hat. Die gemeinsame Arbeit hat über dreißig Bände der Schriftenreihe hervorgebracht, interessante Ausstellungen ermöglicht, aber auch die Ortsgeschichte von Lindorf und Ötlingen herausgebracht, was für ein Stadtarchiv keineswegs alltäglich ist. Als Höhepunkt ist das Jahr 2006 anvisiert, in dem die Stadtgeschichte von Kirchheim erscheinen soll.


Als drittes Standbein betrachtet Rainer Kilian die Aufgabe für die Allgemeinheit unter dem Aspekt, historisches Wissen der Bevölkerung näher zu bringen. Dazu gehören Beiträge zur Heimatgeschichte im Teckboten, Seminare bei der Volkshochschule, Projekttage mit Gymnasien, die Auslobung des Geschichtspreises, Führungen und immer wieder das Bemühen, Schwellenangst zu verringern.


Dem Stadtarchivar ist es ein persönliches Anliegen, zeitgeschichtliche Themen aufzuarbeiten. Das Dritte Reich in Kirchheim gehörte dazu, was nicht nur auf Zustimmung gestoßen ist. Rainer Kilian geht es da-rum, "über kollektive Verantwortung zu reden", also muss man sich damit auch befassen: "Das Thema totzuschweigen, ist nicht der richtige Weg." Aktuell angepackt wurde der Komplex "Gastarbeiter", um aufzuzeigen, dass aus Migranten Bürger geworden sind. Im Oktober soll eine Broschüre über die Burgen der Schwäbischen Alb erscheinen.


Wer sich viel mit Vergangenem beschäftigt, darf auch Visionen haben. Bei Rainer Kilian nimmt dies ganz praktische Formen an: Er wünscht sich auf jedem Schriftstück ein Aktenzeichen um die Arbeit des Archivs zu erleichtern. Innerhalb der Hauptverwaltung, zu der das Stadtarchiv gehört, wird das schon praktiziert. Machte das Beispiel Schule, hätten die Sachbearbeiter jederzeit selbst Zugriff auf den Archivbestand.


Das wäre sicher sinnvoller als der vor Jahren erteilte Auftrag, die zwischen den Grundstücken entstandenen Winkel in der Kirchheimer Innenstadt darauf zu überprüfen, wem sie gehören. Das sollte Besitzverhältnisse klären und sicher auch neue Geldquellen erschließen, war aber nicht durchführbar. Die Endstation hieß Reißwolf.

Stadtarchivar Rainer Kilian ist im Kirchheimer Freihof Herr über eine Zeitspanne von 600 Jahren.

Foto: Jean-Luc Jacques