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Es war längst stockdunkle Nacht, als die drei ...

Es war längst stockdunkle Nacht, als die drei Deutschen ihr Ziel im Norden Ghanas erreichten. Stundenlang war der betagte Bus über schlechte Straßen und schlaglochübersäte Pisten gehoppelt. Der Blick aus dem Fenster verlor sich in der Finsternis. Auch das Ziel der Reisenden aus Deutschland, ein Vorort von Tamale, lag im Dunkeln. Todmüde trafen die drei angehenden jungen Grundschullehrerinnen dort ein. Dass sie erwartet wurden, gab ihnen Zuversicht: Mit einer Kerze in der Hand begrüßte sie ihr Gastgeber, führte sie in ihre Zimmer und wünschte ihnen eine gute Nacht. Die drei schliefen tief und traumlos.

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Am nächsten Morgen wurde dem deutschen Trio sogleich die Dimension ghanaischer Gastfreundschaft klar: Während jede von ihnen ein eigenes Zimmer zur Vergügung gestellt bekommen hatte, hatten sich die Kinder des Hauses auf dem Fußboden der Küche zum Schlafen zusammengedrängt. "Wir sind natürlich sofort in ein Zimmer zusammengezogen", berichtet Sigrid Winters aus Kirchheim, eine der drei abenteuerlustigen Reisenden. Ohnehin waren sie privilegiert. So wohnten sie im einzigen Steinhaus weit und breit. "Um uns herum befanden sich nur Lehmhütten", erzählt die Studentin. Dass es fließend Wasser nur gelegentlich und Strom zunächst gar nicht gab, empfanden die Deutschen nur anfangs als Mangel. Voll Tatendrang sahen sie ihrem ersten freiwilligen Arbeitstag entgegen, dem ersten Schultag.

Zwei Monate lang sollten die jungen Frauen in der örtlichen Schule helfen. "Das schien uns geeignet, unsere Wartezeit bis zum Referendariat zu überbrücken", erklärt Sigrid Winters, die ab Februar als Referendarin in der Grundschule Notzingen unterrichten wird. Über eine bayerische Vermittlung im Internet waren die jungen Frauen, die ihre Examen in Münster abgelegt haben, auf Ghana aufmerksam geworden. "Die Amtssprache ist Englisch, das war ideal", erzählt die Kirchheimerin. Zumindest die sogenannte gebildete Schicht spricht Englisch. Mit ihrer Gastfamilie konnten sich die Deutschen bestens unterhalten. Der Vater, ein Agrartechniker, hatte in Großbritannien studiert, die Mutter war Lehrerin.

Die Familie ist in mehrfacher Hinsicht untypisch. Als Christen gehören sie einer Minderheit an und unterscheiden sich deutlich von der muslimischen Mehrheit im Norden des Landes. Polygamie gehört dort zum Alltag, meist ist ein Mann mit vier Frauen verheiratet. Akademische Berufe sind eher eine Seltenheit: Überwiegend lebt der arme Norden Ghanas von der Landwirtschaft; ein großes Problem des Landes ist die Abwanderung von Facharbeitern in den industrialisierteren Süden.

Speziell im Bildungsbereich liegt vieles im Argen. Zwar gibt es genügend Schulgebäude und eine gesetzliche Schulpflicht. Lehrermangel existiert jedoch nur deswegen nicht, weil eigentlich jeder als qualifiziert gilt und unterrichten darf. Entsprechend schlecht ist oft die Motivation. "Am ersten Schultag hat der Rektor alle Schüler gleich wieder heimgeschickt und mitgeteilt, dass die Lehrer eh erst eine Woche später kommen", erzählt Sigrid Winters. Während der Rektor vorwiegend unter einem Schatten spendenden Baum saß, reinigten die Schüler tagelang die Schule. Eine Tätigkeit, die nicht mal einen Vormittag in Anspruch genommen hätte.

"Wir haben dann einfach angefangen, uns mit den Kindern bekannt zu machen", erzählt die Deutsche. Das erwies sich als gute Idee. Kaum hatte die Schule angefangen, wurden die jungen Frauen mit "ihren" Klassen nämlich schon weitgehend alleingelassen. Sigrid Winters übernahm eine dritte Klasse, ihre Freundinnen waren in einer ersten und einer vierten Klasse tätig. " Alle Schüler waren so ziemlich auf dem gleichen Stand", berichtet die Referendarin. Lesen auf Englisch in der dritten Klasse? Fehlanzeige. Auch das Mathe-Verständnis ließ aus Sicht der jungen Deutschen stark zu wünschen übrig. Der Lehrer ihrer Klasse, der selbst noch studierte und sich mit dem Job finanzierte, schaute nur mehr gelegentlich vorbei. So übernahm das deutsche Trio selbst die Initiative und erstellte, fernab von PISA, eine Art Lehrplan für die nächsten Wochen.

Schön war, dass die dritte Klasse lediglich 15 Schüler umfasste. In den Großstädten allerdings drängen sich durchaus auch mal 50 Schüler in einem Raum, wie Sigrid Winters von ihrer Gastmutter erfuhr. Eltern müssen Uniformen und Stifte kaufen, was viele finanziell nahezu überfordert. Die 27-Jährige lernte beispielsweise ein Zwillingspaar kennen, das abwechselnd die Schule besuchte. So konnte nicht nur eine Uniform eingespart, sondern auch eine Arbeitskraft zum Ziegenhüten behalten werden.

Disziplinprobleme hatten die jungen Frauen nicht. Im Gegenteil, ihre Schüler waren zum einen sehr lernwillig, zum anderen auch ziemlich eingeschüchtert. Schnell durchschauten die Deutschen den Grund: "In den Schulen wird fast überall die Prügelstrafe eingesetzt, obwohl sie per Gesetz verboten ist", beschreibt Winters die Gepflogenheiten. Nach allgemeiner Einschätzung müssen Kinder wie wilde Tiere gebändigt werden. Auch Eltern schreiten dagegen nicht ein: "Schlagen ist auch zu Hause ein Erziehungsmittel."

Winters und ihre Freundinnen kamen ohne Schläge aus. Die Kinder schienen sich über den regelmäßigen Unterricht geradezu zu freuen, sie hingen an den Dreien. Einmal, als die Deutschen sich für den Freitag beurlaubt hatten, um einen Wochenendausflug zu machen, tauchten die Schüler sogar bei ihnen zu Hause auf, um sie abzuholen. Ein anderer Lehrer war nicht erschienen. " Wir wären gerne noch länger geblieben", berichtet die Referendarin von dem Gefühl, wirklich gebraucht zu werden.

Länger geblieben wären sie auch wegen der Reize des Landes gerne. Am Samstag und Sonntag erkundeten sie die Gegend per Rotro, wie die Kleinbusse dort heißen. Jede Reise war ein Abenteuer. "Reisen heißt zunächst einfach mal warten", nennt Winters die wichtigste Lektion. Wer die einmal begriffen hat, kann das Leben in Ghana genießen. Die Freundinnen besuchten eine Krokodilfarm und Wasserfälle im Süden und entdeckten auch fantastische Strände. Krank wurden sie nicht ein einziges Mal. "Wenn man sich daran hält, nur abgekochtes oder abgepacktes Wasser zu sich zu nehmen und nichts Rohes zu essen, kann man das auch mit einem europäischen Magen gut überstehen", sagt Sigrid Winters. Die extreme Vorsicht hatte einen Grund: Spätestens nachdem die drei ein Krankenhaus von innen gesehen hatten, in dem der Bruder des Gastvaters als Arzt arbeitete, setzten sie alles daran, ihre Gesundheit zu erhalten.

Insgesamt verbucht Sigrid Winters ihre Zeit in Ghana als "tolle Erfahrung". Dass zwei Monate zu kurz sind, um in der Schule etwas aufzubauen, bedauert sie. Zwar sind mittlerweile drei Nachfolger aus Deutschland vor Ort, doch man lernte sich nicht mehr persönlich kennen, und der Kontakt über Internet ist aufgrund von Stromausfällen auch alles andere als eine einfache Sache. Erst im anschließenden Urlaub in Südafrika war wieder eine regelmäßige Kommunikation mit zu Hause möglich. Südafrika, das gemeinhin als "Africa for beginners" bezeichnet wird, empfand das studentische Trio als puren Luxus. "Wir hatten uns längst an die Verhältnisse in Ghana gewöhnt", sagt Sigrid Winters. Selbst wenn der Strom da war, diente die Kerze als Beleuchtung, und auch wenn das Wasser floss, wurde mit dem Eimer geduscht.Text: Irene StriflerFotos: privat